Heute nahm ich alles gelassener hin. Wenn ich auch Probleme spürte: So lange Annemarie bei mir zu Gast wäre, könnte ich weder malen noch schreiben. Überhaupt war mein Refugium zugleich entzaubert wie auch verzaubert. Eremit konnte ich nicht mehr sein. Ich konnte mich nicht mehr mit mir selbst und zu mir selbst zurückziehen. Jetzt war da ein anderer Mensch - eine Frau. Jetzt hatte ein anderes Flair von Intimität von diesen Räumen Besitz ergriffen. Als ich die knarrende Tür hinter uns verschloss, knisterte die Luft vor Erotik. Es war, als würde sich nun eine Hochzeit vollziehen. Der Zauber der ersten Begegnung zwischen einer Frau und einem Mann.
Annemarie war in die kleine Kabutze gegangen, um sich abzutrocknen. Ungeduldig hatte sie das Gepäck nach ihrer Kosmetiktasche durchwühlt. Ohne weiteres hätte ich ihre Abwesenheit dazu nutzen können, um einen der Lederanhänger aufzuknöpfen und ihren Namen zu erforschen. Ihre Initialen hatte ich gleich bemerkt: I.v.D. Aber es wäre mir geradezu wie eine verräterische Tat erschienen, so heimlich und verstohlen ihre Identität aufzudecken. Bald hörte ich, dass sie sich nebenan umzog. In Pulli und Jeans erschien sie, um mir beim Aufwischen zu helfen.
Dann saßen wir noch lange in den tiefen Fensternischen. Der Himmel war aufgerissen. Wolkenfetzen trieben rasch vor einem fahlen Graugelb am Mond vorbei, während vom Gebirge her immer noch Wetterleuchten herüberzuckte. Wir sprachen wenig. Ja, es schien mir geradezu, als seien wir allzu schnell bis zu jenen Botschaften vorgestoßen, die sich - unaussprechbar - jeder verbalen Kommunikation verweigerten. Beim Blick hinunter, auf das verträumte, schläfrige Städtchen, ein einstiges Wehrdorf, kam es mir vor, als stünden wir jetzt vor dem verschlossenen Tor zu jenen Aussagen, von denen wir nicht wussten, ob sie Freund oder Feind, ob sie lust- oder angstbesetzt wären, und wir hatten beide nicht den Mut, beherzt anzupochen. Hinter dem Tor hätte vielleicht ein UND JETZT? gelauert, mit dem wir nicht so leicht fertig werden könnten.
Ich hatte meinen Arm um "I" gelegt. Schade, so recht gab es jetzt die Annemarie nicht mehr. Und "I" hatte sich unter meine Jacke gekuschelt. Eine Weile kommentierten wir das Spiel der Lichter in den Häusern unter uns, auf den Gassen und Straßen. Wir sogen die würzige Luft ein und lauschten den Nachtigallen, die sich in der Bachschlucht ein Konzert gaben. Beethovens Pastorale drängte sich auf. Und gerade, als ich dachte, sprach "I" es aus. Da legte ich die Platte auf und wir gaben uns der Musik hin.
Als die letzten Akkorde verklungen waren, spürte ich, dass das Mädchen an meiner Seite eingeschlafen war.
Behutsam löste ich mich von ihr. Der Grad ihrer Erschöpfung war zu groß, als dass sie es gewahr geworden wäre. So trug ich sie auf mein Bett, zog ihr die Schuhe aus und deckte sie zu. Später schlüpfte ich behutsam neben sie und berauschte mich am Duft ihrer Haare und ihrer Haut. Und ich erkannte, dass ich die Zartheit dieser erotischen Begegnung viele Male zu malen versucht hatte - vergeblich. So musste es wohl sein.
Zum ersten Mal nahm ich mir nun auch Zeit, ganz entspannt in ihrem Gesicht zu lesen. Erst eine schlafende Frau offenbart sich ganz in ihren Zügen. Das Trotzige, Aufrührerische, Rebellische war nicht zu übersehen. Da war keine hilflose, sanftmütige Verehrerin in mein Leben eingebrochen. Und doch war es so, als ließe sie jetzt ganz allmählich ihre Waffen sinken, als lege sie einen Panzer ab, eine Rüstung, die ihr irgendwie Schutz und Halt gab. Als begänne sie jetzt erst, ganz sie selbst zu sein. Ihre schmalen Nasenflügel bewegten sich. Im Traum formten sich ihre Lippen zu einem zuckenden Lächeln. Ganz kurz gingen ihre Augen auf, als wollten sie sich überzeugen, dass ich hier an ihrer Seite läge. Dann löschte ich das Licht und spürte, alles um mich herum war nur noch A-n-n-e-m-a-r-i-e ! Das "I" wollte sich noch nicht verfestigen.
Ganz leicht legte ich meine linke Hand auf sie. Und spürte, was ich schon ein-, zwei- oder mehrmals glaubte, wahrgenommen zu haben, bei anderen Gelegenheiten, nämlich, dass es Menschen gibt, aus denen schon bei der leisesten Berührung, durch alle Kleidung hindurch, ein intensiver Strom von wohltuender Wärme in mich hinüberzufließen begann. Einmal war es ein kleines, vielleicht zehn- oder elfjähriges Mädchen in der S-Bahn, das sich eher zufällig an mich gelehnt hatte. Damals spürte ich dieses eigenartige Wärme, die fast wie ein Stromstoß in meinen Körper fuhr, wie ein unsichtbarer Lichtbogen, dann schaute ich verdutzt hinter mich und entdeckte das Kind, ein Türkenmädchen - und erschrak, als es mich mit seinen großen dunklen Augen überaus ängstlich ansah.
Und nun wieder. Wieder strömte wie ein Schwall diese Wärme über meine Hand den Arm hinauf und erfüllte meinen ganzen Körper. In dieses Wohlgefühl freilich mischte sich auch irgendeine undefinierbare Angst, Angst, mit mir geschähe etwas, das ich nicht unter Kontrolle zu halten imstande sein könne. Zaghaft wollte ich meine Hand zurückziehen, doch Annemarie ergriff sie und legte sie wieder genau an jene Stelle zurück, wo diese Glut aus ihr heraus floss, als sei es die Lava ihrer Seele.
Sehr früh am Morgen begannen meine Sinne, die Welt um mich herum wieder schemenhaft wahrzunehmen. Die letzten Traumbilder fügten sich in die quadratischen Felder von erster Morgendämmerung angegilbter Fenster. Meine Hand war kalt geworden. Der Mund trocken. Im ersten Dämmerlicht des allmählich wiedererwachenden Bewusstseins tauchte eine vage Erinnerung auf. Dann waren es die Sensoren meiner Geruchsnerven, die als erste Alarm schlugen. Der so liebliche Duft nach Frau, nach Haar, nach Haut, der mich betörend in einen wohligen Schlaf hatte hinüber gleiten lassen, war verweht. Blitzschnell hochfahrend stützte ich mich auf meine Arme und sah: Das Mädchen neben mir war fort!
Fahrig tastete ich das Kopfkissen ab, das Leintuch neben mir, und glaubte - zunächst ganz selbstverständlich - es fühle sich noch warm an, denn sicher war Annemarie nur in die Kabutze gegangen und käme gleich wieder. Jetzt würde sie ihre Jeans ausziehen und ihren Pullover. Und ich spürte, wie sich mein Körper nach der Berührung dieser Frau zu sehnen begann. Erst in der zweiten Hälfte der Nacht, so hatte sie es geheimnisvoll versprochen, wollte sie ihr Inkognito lüften. In der zweiten Hälfte der Nacht wirst du mich erkennen, hatte sie gesagt. Erkennen - welch ein Wort, und ich konnte es jetzt nur noch im biblischen Sinne verstehen: Verschmelzen von Mann und Frau. Eins werden. Eins sein. Alles in mir war Erwartung. Ich lauschte auf jedes kleine Geräusch. Ich versuchte, ihren Atem zu hören. Ihre Bewegungen. Das Hantieren mit einem Becher. Oder war es ein Kamm? Ein Flacon? Ich versuchte, ihren Duft einzuatmen. Aber vergeblich.
Allmählich tilgte die absolute Stille jede Vermutung, sie könne tatsächlich im Bad sein. Hastig stand ich auf und lief ganz leise ins Nachbarzimmer. Saß sie vielleicht im Fenster? Hatte sie sich in ihren Schlafsack zurückgezogen? Zaghaft klopfte ich an die Toilettentür. Nichts rührte sich. Zögernd öffnete ich die Tür. Aber der Raum war dunkel und leer.
Bestürzt drehte ich mich in alle Richtungen um und rief laut "Annemarie!", wieder und wieder. Machte überall Licht. Panik überfiel mich, als ich sah, dass all ihr Gepäck, der Koffer, die Tasche fort waren.
Eilig schlüpfte ich in meine Sachen und hetzte aus dem Haus. In großen Schritten lief ich den Berg hinunter. Versuchte, jemanden zu erkennen. Als ich den Wiesensteig bis zu den ersten Häusern überblicken konnte und sah, dass Annemarie dort nicht sein konnte, rannte ich wieder hinauf und auf die andere Seite der Schlucht. Angst überfiel mich, sie könne sich etwas angetan haben. Ich hastete den Weg bis hinunter in die Straßen, zum Hauptplatz, wo die Bushaltestelle war. Nirgendwo eine Spur. Zu Willi traute ich mich nicht hinein.
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