Wie ich dennoch auf die fixe Idee kommen konnte, das Mädchen habe mir zugewunken und wolle zu mir - ich weiß es bis heute nicht. Für Bruchteile von Sekunden, für irrlichternde Gedankenblitze, brach in mir sogar die Vorstellung aus, so komme der Tod daher. Er biege plötzlich um die Ecke und winke so eindeutig, dass es gar keinen Zweck habe, sich umzusehen, ob nicht doch ein anderer gemeint sein könne, und erwische einen ganz kalt, ohne verabredet, ohne vorangemeldet zu sein, vorgelassen zu jeder Stunde. Aber der Tod ist wohl keine junge, durch Wiesengrün springende Frau - und wenn es so wäre, dann wollte ich mit ihr in einem letzten Orgasmus davon stieben.
Immerhin, schon beim ersten Gewahrwerden dieser Fee hatte sich bei mir jeder Gedanke an meine Arbeit davongestohlen. Meine Hand wurde unsicher, die Farbe anzumischen. Das Papier war schon wieder zu trocken, und mein Herz pulste zu rasch, als dass ich noch hätte ertragen können, dass dieses Mädchen zu einer der 16 anderen Wohnungen gegangen wäre.
Muss ich zu dem illustren Völkchen noch etwas sagen, das sich unter diesem windschiefen Dach zusammengefunden hatte? An einem Tag wie diesem, in dieser frühen Nachmittagsstunde, mischten sich die Schreie spielender Kinder mit dem Keifen missgünstiger Vetteln, aber gelegentlich auch mit dem ekstatischen Quieken wenig verborgener Lust-Spiele. Wozu sie verheimlichen, wenn sie in Wirklichkeit von den drallen Weibern mit unverhohlenem Stolz kundgetan wurden: Schau her, meiner oder einer treibt es noch mit mir!
Auf einmal spürte ich ganz deutlich, dass jemand näher und näher kam. Nicht dass ich durch das Brodeln des Milieus irgendeinen Stapfer hätte hören können. Auch war niemand aus meinem Fenster auszumachen, der näher als hundert Meter an die abblätternden, morbiden Mauern herangekommen war. Nein, es war einfach die Nähe dieses Menschen, diese unaufhaltsam auf mich zukommende Begegnung, die mir Herzklopfen bereitete. Mehr noch als Herzklopfen, es war eine Angst, eine eigenartige Aura, ein Magnetfeld, in das ich geraten war und aus dem es kein Entrinnen gab. Wenn so etwas möglich wäre, so musste sich wohl das Feld elektrischer Wellen, das mich umgab, innert Sekunden anders gepolt haben. Ich hätte mich nicht gewundert, wäre ein Bild von der Wand gefallen, ja, nicht einmal, wenn es sich von selber wieder aufgehängt hätte. Obwohl die Sonne durchs Fenster schien, erwartete ich einen Donnerschlag. Die Erde hätte beben können. Und dann war dieses ganz normale Klopfen.
Exakt zu dem Zeitpunkt, zu dem es kommen musste. Die Tür öffnete sich. Ich weiß nicht mehr, ob ich überhaupt "herein" gesagt hatte. Die junge Frau ging auf mich zu, schaute mich mit ihren großen Augen an, umarmte mich wortlos, und wir versanken in einem langen, schwindelhaften Kuss. Wir ließen nicht voneinander. Die Wärme ihres Körpers floss in mich über. Beide hatten wir - wie wir uns später bekannten - eine Scheu, durch irgendwelche Sätze dieses dichte Leben, diesen innigen Augenblick zu stören.
Nein, der Tod ist keine Frau, wie ich sie hier in meinen Armen hielt, eine Frau mit diesem herrlichen Duft nach Weiblichkeit. Eine solche Frau gibt Leben - und ich trank dieses Leben in mich hinein.
Als wir uns voneinander lösten, sagte sie nur "Hans, da bin ich, endlich!" Dann ging sie zum Fenster und ließ den Mai und die ganze liebliche Landschaft in sich hinein, wandte sich dann mit einer entschlossenen Kopfbewegung zu mir und sagte:
"Und hier bleibe ich jetzt! Darf ich doch? Oder?"
Ich hörte mich sagen "Wie schön! Wie schön, dass du gekommen bist!" Dabei raste es in meinem Gehirn. Ich wusste zu ein und derselben Sekunde, dass ich diese Frau nicht kannte - und dass sie mir Zeit meines Lebens vertraut war! Ich konnte sie nicht mit Namen anreden, aber es gab zwischen uns sofort eine innige Verbundenheit. Stutzig wurde ich noch mehr, als sie mich, ein paar achtlos durcheinanderliegende Aquarelle durchblätternd, nach einem ganz bestimmten Bild fragte. Und gerade dieses hatte ich noch niemandem gezeigt.
Ich wankte, ergriff die Tischplatte, krallte mich dort fest, bis ich Schmerzen spürte, weil mich doch Zweifel beschlichen, ob mich dieser Engel vielleicht schon weggeholt hatte und der Tod zwar keine Frau, aber eben doch ein Engel sei. Brücken, verlässliche Brücken zu meinem Leben suchte ich und nahm den Schmetterling dafür, der sich für wenige ruhige Flügelschläge auf dem Fensterbrett niedergelassen hatte.
"Annemarie", sagte ich plötzlich, "Annemarie, darf ich dir einen Kaffee machen, nach deiner langen Reise?"
Nie hatte ich bewusst eine Annemarie gekannt. Aber der Name kam wie selbstverständlich über die Zunge. Sie lächelte scheu, warf mir einen fragenden Blick zu und sagte ganz leise "ja". Dann trat sie wieder auf mich zu, um mich noch einmal innig zu umarmen.
"Ich bin ja so glücklich, wieder bei dir zu sein! So glücklich, dich endlich, endlich gefunden zu haben!"
Wieder ging sie zum Fenster. Mit dem Wassertopf zu hantieren, kaltes Wasser einströmen zu hören, die Kochplatte einzustöpseln, die Tassen aus dem Regal zu holen, das alles waren Tätigkeiten für mich, die mir ungeheuer wichtig wurden, bestätigten sie mir doch, noch am Leben zu sein. Und vor allem bestätigten sie mir auch, dass diese junge Frau, dieses strahlende Mädchen lebendig war, Fleisch und Blut - und nicht nur Phantasie.
"Wir müssen meine Tasche nachher noch vom Brückenwirt holen. Ich dachte, du zeigst mir die Gegend, und wir machen einen Spaziergang. Auf dem Rückweg holen wir die Sachen ab."
Immer wieder schaute ich sie an. Eine schöne, vitale, junge Frau. Ihr langes, dunkel glänzendes Haar war vom Wind strähnig verweht. Sie war barfuss in ihren Sandaletten. Aber wer war sie? Wer?
Immer, wenn ich ansetzte zu fragen, verschlossen sich meine Lippen. Als ob ich, wie in einem Märchen, zum Schweigen verdammt wäre.
Glaubte ich an ein Leben nach dem Tode? An eine Wiederkehr? Ich hatte viele Bücher darüber gelesen und war immer skeptischer geworden. Die Autoren hatten sich, so meinte ich es zu spüren, mit irgendwelchen Floskeln als Wichtigtuer und Scharlatane verraten.
Um ihr aus einer schweren Depression herauszuhelfen, hatte ich mich einmal mit einer Frau verabredet, für den Fall, dass wir noch einmal leben würden, wollte ich sie mit ihren Lieblingsblumen, einem Strauß von zartrosa Rosen und weißen Freesien an einem Denkmal auf dem Rossmarkt in Frankfurt wiedertreffen. Sie war kurz darauf so schmerzhaft jung an Krebs gestorben. Sie hieß Michaela. Nicht Annemarie.
In einer meiner Novellen, die ich schreibend durchlitten hatte, war Barbara plötzlich verschwunden. Zur Konditorei gegangen und nicht mehr wiedergekommen. Auch eine Lelia kreuzte so meinen literarischen Weg und verschwand in ein hoffentlich schönes Leben.
Häufig war es mir passiert, dass ich in der S-Bahn oder auf der Straße plötzlich in ein Frauengesicht schaute, das mir ungeheuer vertraut schien - im doppelten Sinne dieses Adverbs: ungeheuer war mir dabei. Auch dann raste mein Herz - aber nie so wie heute. Übrigens: Nie war mir das bisher bei einem Mann passiert.
Gut, ich versuchte, diesem Phänomen mit psychologischen Erklärungen auf die Spur zu kommen, und es gab viele, teils wenig schmeichelhafte Deutungen, zu denen sich ein Mann gar nicht leicht bekennt. Und jetzt - Annemarie?
Ich deckte ihr einen Platz am Fenster. Stellte den Wiesenstrauß dazu, den ich morgens vom Jogging mitgebracht hatte. In der alten Kaffeedose hatte ich noch ein paar Kekse.
"Und du?" fragte sie.
"Ich? Ich kann vor Aufregung gar nichts essen oder trinken. Ich muss dich einfach immer wieder anschauen. Und anfassen. Ganz einfach anfassen muss ich dich!" Dabei strich ich immer wieder über ihr Haar, ließ es durch meine Hände fließen und küsste sie ganz sanft in den Nacken. Sie wehrte es nicht. Das "Du" floss mir ohne jedes Zögern von den Lippen.
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