"Freust du dich?" fragte sie mich. Und nie habe ich ehrlicher "ja" gesagt.
So sehr mir dieses "Ja" aus dem tiefsten Herzen kam, so fühlbar war die Anspannung in mir. Denn in dieser Begegnung gab es so gar keine Belanglosigkeiten. Jede Geste, jeder Blick, jedes Wort wog für mich bedeutungsschwer, während meine Besucherin ganz im Gegensatz dazu einen überaus entspannten, sehr fröhlichen, fast ausgelassenen Eindruck machte. Immer wieder wurde mir unbehaglich, wenn sie mich sehr präzise nach meiner Arbeit fragte, Details nannte, die nur jemand wissen konnte, der mir jahrelang über die Schulter geschaut hat. Wieder und wieder formten sich auf meinen Lippen Sätze wie "Annemarie, woher weißt du das alles?" oder "Wer, zum Teufel, bist du denn?". Aber so, wie man in Todesangst kein Wort herausbringt, pressten sich meine Lippen zusammen, wann immer ich diesem Rätsel auf die Spur kommen wollte.
Schließlich, bei einer ganz und gar menschlichen und weiblichen Situation glaubte ich für einen Moment, dieses Geheimnis geradezu lachhaft einfach entschlüsselt zu haben: Annemarie war mit sicheren Schritten zu meiner Mini-Toilette gegangen. Dazu musste sie immerhin mein Schreib- und Schlafzimmer durchqueren. Ich hatte aus sehr praktischen Gründen Schreiben und Malen getrennt. Hier lagen die vielen gescheiterten Versuche, etwas in Farben auszudrücken, drüben war der Boden rings um den kleinen Erker mit Manuskriptblättern übersät. Mein Bett war unordentlich aufgeschlagen. Es zu machen, schien mir hier überflüssig, denn Schlafenszeit durfte mich hier jederzeit überfallen. Vor allem bei Regen und Nebel schlief ich häufig tagsüber und fieberte dafür nachts über diesen und jenen Papieren. Fast in der Mitte der großen Außenwand verdankte ich dem Sanitärwahn der US-Army eine Nasszelle, einen von außen überaus hässlichen, funktionalen Anbau, der jedem Denkmalsschutz Hohn sprach. In Backstein bis zur Dachkante hochgezogen, nicht verputzt und eindeutig in seinem Zweck erkennbar: kein Bergfried, sondern ein Donnerturm mit Wasserspielen, um wenigstens verbal einigermaßen romantisch zu bleiben.
Hierhin war Annemarie, oder wie meine himmlische Besucherin hieß, mit schlafwandlerischer Sicherheit entschwunden. Keine der üblichen Fragen "Wo ist, bitteschön ...." oder "Darf ich mal ....?" die Nase pudern. Nein, sie setzte die Schritte, als könne sie den Weg auch im Dunkeln finden.
Und da durchschoss mich der schalkhafte Gedanke, ob sie vielleicht eine Freundin des Malers sei, der vor mir war. Ob sie vielleicht hoffnungslos kurzsichtig und ebenso eitel war, so dass sie keine Brille trug. Dass sie mich mit Martinicz, meinem Vorgänger, verwechselte, den das Rheuma vertrieben hatte? Vielleicht hieß er auch Hans? Denn so hatte sie mich zumindest einmal angeredet. Welch' eine Desillusionierung!!! Welch' lachhaftes Komödienspiel, reif für eine Posse der bisher gescheiterten Burgfestspiele. Das Mittelalter hätte sich an einem solchen Stoff in Opern ergötzt!
Aber hatte sie mich nicht nach meinen Arbeiten gefragt? Und nach jenem Bild, das ich bis heute in die hinterste Ecke verbannt hatte, weil es mich immer wieder aufs äußerste beunruhigte? Diese Auseinandersetzung mit Dingen zwischen Himmel und Erde, von denen sich meine Schulweisheit nichts träumen ließ und auch nichts träumen lassen wollte, brachte mich noch - so fühlte ich es jedenfalls - an den Rand des Irrsinns. Ich nahm meine Zuflucht zu Erklärungen derart, dass ich ja auch schon oft durch Landschaften und Städte gefahren bin, ja, mich in Gebäuden aufgehalten habe, in denen ich mich so zuhause gefühlt habe, als sei ich dort geboren oder aufgewachsen, obwohl ich tatsächlich nie vorher in meinem Leben dort gewesen sein konnte. Auch hatte ich schon fremde Wohnungen betreten, in denen mir die Räume, ja, die Schränke und Bilder äußerst vertraut vorgekommen waren. "Déjà-vu" nannte man das wohl.
Warum sollte es Annemarie nicht ebenso ergehen? Vielleicht hatte sie in einem ihrer früheren Leben als Burgfräulein hier gelebt? War sie eine verwunschene Prinzessin? Ein gar liebliches Burggespenst? Für eine Kolportage ein trefflicher Entwurf!
Jede Frau, die sich ausgehfertig macht, kämmt ihre Haare. Annemarie aber kam so ein bisschen zerzaust, wie sie war, aus dem kleinen Boudouir zurück. Nur ein wenig mehr Stolz hatte sie aufgelegt, und sie riss mich durch ihre blutvolle Gegenwart und die erotische Ausstrahlung ihrer ganzen Persönlichkeit radikal aus meinen Gedanken. Ja, ich verscheuchte jetzt jeden Versuch einer Analyse des phantastischen Geschehens und beschloss, mich mit vollen Herzen und erwiderter Schalkhaftigkeit in dieses Abenteuer zu stürzen. Mochte sie sein, wer sie ist, ein solch unverhofftes Geschenk des Himmels durfte man nicht verschmähen. So gesehen hätte ich sie Dorothea = Gottesgeschenk taufen müssen. Und ich wollte probieren, wie weit sie und die Götter mitspielen würden.
Bald schlenderten wir Hand in Hand, wie frisch Verliebte, den romantischen Bachsteg hinunter. Das plätschernde Wasser hatte früher den Burggraben gefüllt und so den Zugang von der Bergseite erschwert. Jetzt rauschte der Bach in kleinen Kaskaden zu Tale. Leider von den grässlichen Spuren der Plastikgesellschaft gesäumt, über die das junge Maigrün nur einen schütteren Schleier zu legen vermochte.
Lange Zeit liefen wir schweigend nebeneinander her. Längst waren wir vom eigentlichen Ziel, die Koffer zu holen, abgekommen. Auf steinigen Feldwegen folgten wir den üppig grünenden Wiesen und Rainen. Eine "sentimental journey" dachte ich, in Erinnerung an einen Erfolgsschlager meiner Pennälerzeit. Aber war dies wirklich sentimental? Beim Anblick der vielen Millionen Pusteblumen zurückzukehren in jene frühen Jahre, in denen eine Pusteblume für mich noch eine Pusteblume und kein abgeblühter Löwenzahn war? In denen Glockenblumen noch von Elfen bewohnt wurden, wie ich sie auf einem meiner Lieblingskinderbücher abgebildet fand? Woher kamen diese Erinnerungen ausgerechnet in der Begleitung dieser jungen Frau? War das nicht zu wenig männlich?
"Ich möchte sehen lernen, wie du siehst!" sagte sie unvermittelt, als habe sie versucht, in meinen Gedanken zu lesen. "Ich will die Dinge wahrnehmen, wie du sie wahrnimmst."
"Aber warum?" fragte ich. "Warum willst du, als Frau, mit meinen Augen sehen? Wo doch das Weibliche in dir nicht nur die Augen viel weiter öffnet, sondern deine Sinne insgesamt. Während ich als Mann ständig an meine Grenzen stoße."
Und dann floss ganz spontan ein Satz aus meinem Mund, den ich nie bewusst erdacht hatte und der mich selbst aufs äußerste berührte:
"Für mich sind meine künstlerischen Versuche allesamt eine einzige erotische Begegnung mit dem Weiblichen, indem ich mich fast verzweifelt bemühe, die Welt so zu erahnen, wie eine Frau sie sehen könnte. Das, was mir von meiner Natur lebenslang verschlossen bleibt, will ich durch Striche, Farben, Konturen, durch Wörter und Sätze wenigstens in Schemen darzustellen versuchen ...."
".... und bist dabei so tief in mein Inneres vorgedrungen, dass ich mich zutiefst beunruhigt fand. Du hast übersetzt, was ich selbst von mir nur ahnte, aber bei dir in aller Klarheit wiederzuerkennen vermochte! Das war es ja, was mich nicht ruhen ließ, den Weg zu dir zu suchen."
"Und wie hast du ihn gefunden?"
"Für jemanden, der so intensiv mitzuschwingen beginnt, war die Spur unverkennbar, die du selbst gelegt hast. Sei ehrlich, dein Rückzug hier in diese Einsamkeit war doch zugleich ein Schrei nach Menschen, die dich verstehen. Natürlich verborgen in einer Art Code, den zu entschlüsseln nur jemand vermag, der auf derselben Wellenlänge Botschaften zu empfangen in der Lage ist."
"Nach e i n e m Menschen!" korrigierte ich. "Und deshalb wusste ich, als ich dich zwischen Scheune und Haus auftauchen sah, dass du dieser Mensch sein musstest und dass du zu mir kommen würdest!" Ich wusste nicht einmal, ob das gelogen war.
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