An der anderen Stirnseite, direkt neben der Kasse, gab es noch die „Wanderers“, die neben den „Depeche Mode-Typen“ standen. Die „Depeche Mode-Typen“ waren so eine Splittergruppe der „Gang“. Eigentlich waren die gar nichts, irgendwie weder Fisch, noch Fleisch. Die hörten nur Depeche Mode und trugen alle so schwarz-weiße College-Jacken mit dem Depeche Mode Logo drauf. Fertig. Die „Wanderers“ waren unsere Teddyboys. Die Jungs trugen alle Leder- oder Jeansjacken, mit dem Logo der „Wanderers“ auf den Ärmeln, wie aus dem gleichnamigen Film.
Sie föhnten sich die Haare zu Tollen, trugen Creepers, Jeans oder Bundfaltenhosen. Die Mädchen hatten Blusen und Cardigans an, trugen Pettycoats und hatten sich die Haare zu Pferdeschwänzen gebunden. Alles so auf Fiftys, eben. Einige hatten sogar ältere Autos. Also, die hatten wir auch, aber ein alter, rostiger Golf ? war nun eben jetzt kein Oldtimer. Ein alter Opel Kapitän oder Ford Taunus 17M, dass waren schöne alte Autos. Mit den „Wanderers“ sympathisierten wir ein wenig. Schon alleine wegen der Klamotten. Auch wir sahen ja so ein bisschen nach Fünfzigerjahre aus. Der Stadtteil aus dem sie kamen, dem Hefener-Alteneck, war das, was man in diversen RTL-Reportagen wahrscheinlich „sozialer Brennpunkt“ nennen würde. Warum man diesen Stadtteil auch „Fort Yuma“ nannte, wusste aber keiner so genau. Hatte aber wohl was mit dem amerikanischen Soldaten zu tun, die hier stationiert waren. Die „Fort Yumas“ waren alle irgendwie nicht die hellsten Kerzen auf der Torte, dass wussten wir. Gewisse Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten mit ihnen wurden gerne mal handwerklich rustikal und unmissverständlich geklärt. Das machte sie jetzt nicht unbedingt zu unseren besten Freunden, aber es war gut, sie zu kennen, wenn es mal Ärger gab. Richtig gefährlich war allerdings keine dieser ganzen Gruppen, auch wenn man vermied, mit ihnen Ärger zu bekommen. Meistens eilte ihnen allen nur ihr vermeintlich schlechter Ruf voraus. Der Trick war, von jeder Gruppe ein paar Leute zu kennen. Gab es dann mal Ärger, hieß es: „Den kenn ich. Lass mal. Der ist ok.“
Ach ja und die amerikanischen GIs waren natürlich damals auch noch da. Wir hatten zu dieser Zeit noch mehrere Kasernen in Aschaffenburg. Ready Barracks, Smith Barracks, Fiori Barracks und die Jaeger Kaserne. Mussten wohl alles in allem etwa 6000 GIs gewesen sein, was für unser Städtchen schon ganz schön viele waren. Die Burschen waren nicht sehr viel älter, wie wir und eigentlich waren das ja alles echt ganz nette Kerle, wenn man sie mal kennen lernte und die waren sogar in der Regel sehr dankbar, wenn sie mal mit Leuten reden konnten, die keine Uniform trugen. Der Dollar stand damals sehr gut und sie waren darum oft recht spendabel. Sie luden uns in ihre Housing Areas ein, es wurde gegrillt, es gab zu essen und zu trinken und coole Musik hörten die auch. Die Jungs hatten zum Teil nur ein Problem. Wenn sie ihren Sold bekamen, fuhren die mit den Taxis in die Stadt runter. Dort tranken unser gutes Heylands Bier und das Zeug sprengte ihnen immer dermaßen die Birne weg, weil es halt etwas stärker war, wie ihre Miller-Plörre und na ja, dann machten sie leider oft Ärger. Darum blieben ihnen irgendwann so einige Aschaffenburger Kneipentüren verschlossen. Auf das Volksfest aber durften sie natürlich und das machten sie dann auch.
Wirklich aufpassen musste man aber auf unsere Rocker. „Heavens Own“, nannten sie sich. Mit denen sollte man sich besser wirklich nicht anlegen. Das hätte tatsächlich böse enden können. Berührungspunkte gab es mit denen eigentlich nicht. Die blieben unter sich und wollten auch mit niemanden etwas zu tun haben. In der Regel kamen die nicht auf das Volksfest, da das ihrer nicht würdig war. Die trafen sich schräg gegenüber des Volksfestplatzes in ihrem Clubhaus. Es gab eine Kneipe in der Innenstadt, die, so sagte man, in fester Hand der Heavens Own war. Da ging auch eigentlich keiner sonst rein, es sei denn, er wäre ein professioneller Gefahrensucher gewesen. Man erzählte sich, die Rocker hätten da Drogen verkauft. Ja klar, was denn auch sonst? Ich meine, dass Rocker nachts nicht in der Innenstadt unterwegs sind und fragen „Wolle Rose kaufen?“, verstehe ich ja noch. Aber müssen es denn immer gleich Drogen sein? Ist das nicht ein bisschen viel Klischee? Ich weiß ja nicht. Und das ist auch immer gleich bundesweit so oder? Rocker verkaufen immer und überall Drogen. In Emden genauso, wie in Garmisch. Von einem Besucher, der sich aus Versehen in die besagte Rockerkneipe verlaufen hatte, wurde berichtet, man hätte ihn kopfüber in eine Kloschüssel getaucht, bis er fast daran ertrunken wäre. Auch so ne Sache oder? Rocker versuchen immer und sofort, irgendwelche Leuten völlig grundlos das Licht auszuknipsen. Frag´ bloß nie einen Rocker nach dem Weg. Er wird Dich sofort umlegen, hörst Du? Na ja, aber andererseits würde es der Geschichte hier jetzt so ein bisschen den Witz nehmen, wären sie immer freundlich gewesen und hätten sie mundgeblasene Vasen verkauft. All die Mythen und Gerüchte, die sich um die Heavens Own rankten und eine tödliche Körperverletzung, die sich bei einer angeblichen Schießerei in dem Clubhaus ereignet haben soll, führten dazu, dass man das Clubhaus mit Hilfe von reichlich Polizei und Bulldozern irgendwann dem Erdboden gleich machte. Die Rocker bemühten sich aber aufrichtig, das Gerücht, es hätte sich damals nicht um eine Körperverletzung, sondern um einen echten Mord gehandelt, am Leben zu halten. Uns war es egal, was es war. Wir wollten nichts mit denen zu tun haben. Aber einmal kamen die Rocker dann während der einen Volksfestwoche doch immer auf einen kurzen Plausch rüber, auch um bei der Gelegenheit das Bierzelt einer gründlichen Flurbereinigung zu unterziehen. In der Regel waren dann die Amis auch das begehrte Ziel der Rocker-Flurbereinigung. Das ging dann schon sehr herzhaft zur Sache und die mit Maßkrügen bewaffneten Amis und die Ketten schwingenden Rocker gingen aufeinander los. Warum werden in sämtlichen alten Roadmovies eigentlich immer Rocker mit gefährlich schwingenden Eisenketten gezeigt? Irgendeine Idee dazu? Gegen die sportlichen und gut ausgebildeten GIs hatten die drögen und meistens etwas dicklichen Rocker aber nicht den Hauch einer Chance. Weswegen sie wahrscheinlich auch Jahr für Jahr erneut Satisfaktion einforderten. Beendet wurde dieser Kräftevergleich dann immer von der deutschen Polizei und der Militärpolizei. Die Militärpolizei schlug zuerst mal auf alles ein, was sich bewegte und irgendwie nach GI aussah. Fragen stellen konnte man später ja immer noch.
Während sich das Rocker-GI-Rumble vor dem Festzelt abspielte, drehten wir meistens schon recht angeschossen unsere Runde über das Fest. Wir zogen unter ständiger und zügiger Druckbetankung von einem Bierstand zum anderen und standen, wie früher als kleine Kinder vor der Wilden Maus oder der Krake. Nur das wir nicht wie früher, staunend über den Mut der Mitfahrenden, auf dieses Ungetüm starrten, sondern schwankend auf die hübschen Mädchen glotzten. Wir trottelten einmal über das gesamte Fest, bis wir am Ende vor dem legendären 3-D Kino stehen blieben. Das 3-D Kino. Wow. Kennt das noch jemand? Dieses große, rot-gelb gestreifte, kuppelartige Zelt, hinten an der Dreier-Looping-Achterbahn? Man stand dort vor einer riesigen Leinwand, die sich über die komplette Hälfte des Zeltes erstreckte, wodurch man das Gefühl hatte, in echt dabei zu sein. Man zeigte zum Beispiel einen Flug durch den Grand Canyon oder eine wilde Verfolgungsjagd durch L.A. Alles im Zeitraffer, damit es richtig schnell aussah. Die Leute schwankten hin und her, einige hielten sich fest, andere mussten sich sogar hinsetzen. Und ich ging hinaus und kotzte den Reis vom Mittagessen raus. Voll cool, dieses 3-D Kino. Ich schüttelte mich, bezahlte, ging noch mal rein, um den Rest zu sehen.
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