Es war ein älteres Modell des Landrover, welcher von meinem Vater jedoch liebevoll gepflegt und ich Schuss gehalten wurde. Die braune Ledergarnitur machte noch immer einen nagelneuen Eindruck. Ich spähte hinein, als ich am Wagen vorbei ging.
Ich machte mir gar nicht erst die Mühe zu klingeln und drauf zu warten herein gelassen zu werden, stattdessen umrundete ich das Haus und sah genau das, was ich auch erwartet hatte. Der runde Tisch auf der Terrasse war zum Frühstück gedeckt gewesen, wenn auch das Frühstück schon vorüber gewesen war. Meine Mutter entdeckte mich als erste und klatschte vergnügt in die Hände. Eine liebevolle Unart, wie ich schon vor vielen Jahren feststellte. Immerhin wusste sofort jeder, dass etwas geschehen war. Von ihrem Gesicht konnte man zeitnah ablesen, ob es sich um eine gute, oder eine schlechte Sache handelte.
Meine Mutter lächelte und nickte mir zu. Sie fasste auf die Armlehne des Stuhls neben ihr, der mit dem Rücken zu mir stand. Meine Großmutter erhob beide Hände zum Gruß und winkte.
«Linus!», flötete meine Großmutter. Nachdem ich mich aus der Umarmung meiner Mutter lösen und ich mit Mühe den erstaunlich festen Klammergriff meiner Großmutter lockern konnte, küsste ich beide Frauen noch auf die Stirn.
«Will, unser Sohn ist hier,» rief meine Mutter aus vollem Hals, ohne sich zu rühren oder mich aus ihrem Blick zu entlassen. Noch so eine Unart. Die zu überwindende Strecke machte sie mit höherer Lautstärke wett. «Noch ein Überraschungsgast dieses Wochenende», quietschte sie vergnügt. Und dies war auch schon das dritte unverkennbare Erkennungsmerkmal meiner Mutter. Normalerweise würde ich behaupten, dass erwachsene Frauen nicht quietschten. Diese schon.
Eh ich nach meinem Vater fragen und meine Mutter zu ihrem Monolog über mein spärliches Kommunikationsverhalten ansetzen konnte, stand er auch schon in der Schiebetür zur Terrasse, seinen Tennisschlager und eine grüne Sporttasche geschultert.
«Junge!», sagte mein Vater trocken. Für seine zurückhaltende Freude war ich ihm dankbar. So wenig ich natürlich meiner Großmutter oder meiner Mutter böse sein konnte für ihre überschwängliche Freunde meines überraschenden Besuches. Unangenehm war es mir dennoch. Ich wusste schon längst, dass sie mit ihrem angehenden Arzt-Sohn in Köln prahlten und nur ungern hätte ich ihr Bild von mir enttäuscht.
«Hi Dad. Auf dem Sprung?»
«Ja. Herbert hat auf ein Revanche bestanden. Leider hatte er das letzte Mal keine Chance gegen meine äußerst glückliche Rückhand.» Mein Vater war seit ich mir zurück erinnern konnte, ein leidenschaftliche Tennisspieler. Bisher hatte er, sportlich gesehen, das ganze Dorf und schon einige Gegner aus Nachbardörfern gegen sich aufgebracht.
Er nahm mich an der Schulter und zog mich ein Stück zurück um Auto. «Wie lange bleibst Du?»
«Bis Sonntag. Ich bleibe bei Pit.»
«Gut, dann sehen wir uns später noch.» Er klopfte mir noch einmal auf die Schulter, bestieg seinen Wagen und fuhr aus der Einfahrt. Seine geradlinige Art und sein direktes Wesen ohne verletzend zu sein, fiel einem als Erstes an ihm auf, allerdings hatte ich es erst in den vergangen Jahren angefangen es zu verstehen. Er war eine leidenschaftliche Person, aber nie verschwenderisch mit Herz und Verstand. Das Gegenteil meiner Mutter, die jeden und alles mit überschwänglichen Worten, Gesten und ihr selbst überschüttete.
Ich sah zurück zur Terrasse und meine Mutter stand mit einem weiteren Frühstücksgedeck in der Tür und lächelte. Beide sahen mich erwartungsvoll an. So kam ich nicht umhin zu berichten, wie es im Studium lief, an der Uni, was ich im Krankenhaus gemacht hatte und wie ich mit meinen WG Mitbewohnern zurecht kam, während ich mir Brötchen mit Nutella und Erdbeeren mit Milch gönnte. Ihre Neugierde befriedigte ich gerne, ohne selbst zu sehr über mein Leben in Köln nach zu grübeln. Kommenden Sonntag Abend musste ich zurück fahren und zusehen, dass ich genug Erholung mit mir nahm.
Als meine Mutter begann den Tisch abzuräumen zuckte meine Oma fast unmerklich zusammen, dennoch hatte ich es bemerkt. Mein Mutter ging ins Haus und kündigte an, eine neue Kanne Kaffee zu kochen. Der Enkel in mir wollte indes nur seine alte Großmutter sehen und der angehende Mediziner in mir konnte es nicht lassen.
«Alles in Ordnung?» fragte ich schließlich besorgt nach.
Mit zitternder Hand winkte sie ab, doch das schubste nur den Enkel beiseite um dem Mediziner vollends in mir auszufüllen. Ich rutschte mit meinem Stuhl näher an ihren und beugte mich ein Stück zu ihr. Sie blickte nur an mir vorbei und zur Terrassentür. Zuerst schien sie zu zögern und holte Luft, doch dann schwieg sie doch.
«Geht es Dir nicht gut. Möchtest Du dich etwas ausruhen?»
Sie regierte nicht so, wie man es von älteren Damen gewohnt war, sondern recht ruppig.
«Ach was. Ich liege noch genug, wenn ich tot bin.» Kaum hatte sie den Satz ausgesprochen schnappte sie nach meinen Handgelenken, so dass meine Hände optisch etwas hilflos in der Luft hingen. Meine Verwunderung konnte ihr unmöglich entgangen sein, denn sie drückte fester zu.
«Linus!», zischte sie plötzlich. Und sie war mir völlig fremd. Ihr gutmütiger Gesichtsausdruck, das liebevolle Lächeln und die durch das Alter gegebene Zerbrechlichkeit schienen verschwunden. Stattdessen blickte mich ein ängstlich gehetztes Gesicht mit tiefen Sorgenfalten an.
«O-Oma, lass mich Dich untersuchen. I-Ich...» Doch ich hielt schnell inne, als sich ihre Augen weiteten. Für einen kurzen Moment war ich wieder nur der Enkel, den die schreckliche Angst überkam, dass seine Oma gleich vorn ihm im Stuhl zusammen klappen würde. Aber endlich bekam auch der Mediziner wieder etwas Platz und ließ mich erkennen, dass sie nicht kurz davor war zu sterben, doch beinahe in Panik war.
«Es ist nicht viel Zeit Linus, also hör mir sehr genau zu.» Dabei schüttelte sie leicht meine Handgelenke. Aus Angst ihr weh zu tun, bewegte ich mich kein einziges Stück. Ihr Anblick hatte mir mittlerweile auch vollends die Sprache verschlagen. Sie hatte eine solche Entschlossenheit, mit derer sie mich anblickte und auch noch immer festhielt.
«Deine Mutter soll das nicht hören. Niemand !»
Heftiges Nicken meinerseits.
«Es bleibt keine Zeit Linus, wahrscheinlich habe ich einen Fehler gemacht und zu lange gewartet», sagte sie sehr schnell. In meinem Kopf hakte ich eine Checkliste nach der Anderen ab und versuchte verzweifelte eine Anamnese zu erstellen. Vergebens. Himmel, welche Krankheit hatte sie uns nur vorenthalten.
Sie sprach schnell weiter. «Der Weg ist noch lang und ich weiß nicht welche Unwägbarkeiten Dir noch begegnen. Sei auf der Hut, aber lass es Dir nicht an Mut fehlen. Handel entschlossen aber mit Bedacht. Gib Acht wem Du vertraust, aber geh zurück nach Hause. Damit meine ich nicht dein Köln, damit meine ich nichts, was du je vorher gesehen oder erlebt hast. Doch ich muss Dich der Herausforderung überlassen, es selbst heraus zu finden und ich muss Dich dazu drängen. Dein Vater war leider nicht die Hilfe, die ich mir ersehnt hatte, darum ruhen all meine Hoffnungen auf Dir.»
Dumpfes Geklapper mit Geschirr drang aus dem Haus. Oma hielt kurz inne und ihre Augen zuckten, verloren aber nicht ihren Fokus: Mich.
«Ich weiß nur zu gut was es ist. Es ist Segen und Fluch. Privileg und Bürde. Es liegt nun an Dir heraus zu finden was das Richtige ist und wie das Schlimmste verhindert werden kann. Und hier kommt der einzige Hinweis den ich Dir geben kann: Finde Aenlin! Tu es Linus, Du bist vielleicht die letzte Chance die wir haben!»
Vielleicht war sie auch schlichtweg verwirrt. Ihre scharfe Ansprache passte mit nichts zusammen, was ich je zuvor von ihr gehört hatte. Die schwelende Panik in ihren Augen ließ mich an diesem sonnigen Tag frösteln.
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