«Man, Du siehst scheisse aus, Alter.» Pit winkte mich mit einer kurzen Armbewegung rein und wir umarmten uns zu einen kurzen Gruß.
Pit würde mich nicht fragen, warum ich dieses Wochenende kam. Er würde mir ein Bier nach dem anderen in die Hand drücken und einfach abwarten, ob ich die Worte fand, oder eben nicht.
Eigentlich hieß Pit auch nicht Pit, sondern Eric. Eric Peterson. Für mich jedoch, seit ich mich zurück erinnern kann, war er Pit.
Miranda würde nicht so zurückhaltend sein. Sie und Pit waren schon seit einige Jahren zusammen und wohnten gemeinsam über der Bäckerei, in der Pit arbeitete.
Er ging vor durch den Verkaufsraum und die Treppe rauf, die sich hinter einem roten Vorhang verbarg. Ich sah mich unwillkürlich nochmal um, knipste das Licht aus und folgte ihm dann hoch in die warme Wohnküche der zwei Zimmer Wohnung. Dabei fiel mir auf, dass Pit deutlich runder geworden war.
«Und was ist das ?», fragt ich ihn belustigt und kniff ihn in den deutlich anschwellenden Rettungsring.
«Das nennt man Arbeitseinsatz», konterte er und winkte ab. «Seit der alte Dernbach gestorben ist...», fügte er hinzu. Dabei ließ er den Kopf fallen und schob sich auf einen Stuhl am Küchentisch.
«Bier?», fragte Pit. Und er meinte es ernst. Allerdings war ich noch nicht breit für die Bier-Offenbarung.
«Ging es ihm zuletzt nicht besser?»,fragte ich schnell um der Getränkefrage auszuweichen.
«Es war einfach alt, Linus. Er ist 92 geworden und...»
«92?», wiederholte ich überrascht und schnitt Pit somit das Wort ab. «Die Zeit rast. Das ist ja der Wahnsinn.» Eifrig rieb ich mir über die Augen.
«Allerdings. Omi wird doch dieses Jahr auch noch 89 Jahre. Sie macht aber einen fideleren Eindruck als Chefchen es gemacht hat», sagte Pit und wieder überraschte er mich. Er nannte meine Oma Ludovika Harris, ebenfalls Omi, das hatte sie ihm vor vielen Jahren angeboten, weil Pit keine Großeltern hatte. Somit war meine Oma, unserer beider „Omi“. Er war lange Zeit sehr stolz darauf und nun wusste ich, dass er es noch immer war.
«Sie wird sich freuen!», fügte er hinzu.
«Worüber?», fragte ich und rieb mir diesmal die Schläfen.
«Hm, ich bin zwar nicht so neunmal klug wie Du, aber ich hab mir schon gedacht, dass Du nicht ihretwegen kommst», teilte Pit zufrieden mit. Seine Zufriedenheit wandelte sich aber schnell in etwas zwischen Besorgnis und Neugier, als ich nicht sofort antwortete.
«Hatte keine Ahnung, dass sie hier ist. Niemand hat es mir gesagt», stellte ich ernüchtert fest. Nicht nur, dass mir niemand gesagt hatte, dass sie meine Eltern, zwei Straßen weiter besucht, zudem stand mir plötzlich nicht mehr der Sinn nach einem Familienwochenende.
«Warst du schon dort? Was gab's zu Essen?», fragte ich rhetorisch. Doch Pit verstand den Wink nicht und antwortet trotzdem.
«Jup. Heut zum Mittagsessen. Deine Mutti hatte einen wirklich prima Hackbraten gemacht und Omi war ganz aufgeregt.»
Jetzt hatte ich Kopfschmerzen.
«Wo ist Miranda eigentlich?», wollte ich nun doch wissen, wo es jetzt einige Minuten still gewesen war. Miranda ist eine durchaus neugierige und interessierte Person. Hätte sie mich also bemerkt, wäre sie längst hier und würde mich mit Fragen löchern. Stattdessen war es mir vergönnt in aller Ruhe auf die hölzerne Tischplatte vor mir zu starren. Was ich aber am meisten an ihr schätzte, war die Tatsache, dass sie Pit glücklich machte. Vermutlich hätte sie alle Jungs der nächsten 20 Dörfer haben können, doch irgendwas fand sie an Pit. Sie selbst war zwar keine Schönheit im klassischen Sinne, doch sie war attraktiv und nicht dumm.
«Zu ihren Eltern gefahren das Wochenende. Sie ist schon heute Morgen los.»
Pit fragte nicht, aber er sein Blick war durchdringender als die Fragen von Professor Rieck jemals hätten sein gekonnt. Eine Prise Vorwurf las ich aus dort heraus, denn ich war länger schon nicht hier gewesen. Hatte weder meine Eltern noch ihn und Miranda besucht.
Wortlos stellte er mir ein Glas vor die Nase und schenkte Cola ein.
«Das sollte ich auch nicht mehr trinken.» sagte er und hielt die Flasche hoch. «Das verdammte Zeug bleibt sofort kleben und bald kann ich mich durch die Backstube rollen.» Er runzelte die Stirn und stellte die Flasche weg.
So dick war Pit nun auch wieder nicht. Seine jugendliche hagere Figur, hatte er allerdings tatsächlich abgelegt.
«Konnte er nicht mehr backen?», hakte ich nach. Der alte Dernbach lebte früher nur für seine Backstube. Es war für mich unvorstellbar, dass er nicht mehr selbst backte.
«Nein, gar nicht mehr.» seufzte Pit. «Er hatte den Betrieb bereits ganz mir überlassen. Allerdings...», stoppte er abrupt.
«Was?»
«Allerdings weiß ich auch nicht, wie lang ich noch backen kann. Die Großbäckereien schnappen mir die Kunden weg. Die Restaurants kürzen ihre Bestellungen oder geben erst gar keine mehr auf.»
Ich hätte mich Ohrfeigen können. Klasse Freund war ich. Da war ich wütend wegen ein paar schlechten Wochen und Pit sorgte sich um seine Existenz.
«Shit.» Brachte ich spontan heraus. «Shit.» Wiederholte ich etwas leiser, als mir eine wichtigere Überlegung durch den Kopf schoss.
«Und die Backstube? Und hier...», ich wirbelte mit den Armen. «Was ist mit der Wohnung? Wer erbt das alles?» Pit sah an mir vorbei und zuckte mit den Achseln. «Keine Kinder, soweit ich weiß.» Er machte eine lange Pause und ich wartete. Unschlüssig ob weiter nachfragen oder einfach die Füße still halten sollte.
«Er- Er hat uns manchmal gesagt, wir müssten uns keine Sorgen um die Zukunft machen. Aber weiß der Teufel ob das ernst war, oder auch nur... gelallt.»
«Er hat getrunken? Wirklich?» Etwas erstaunt war ich tatsächlich. Der graue alte Herr hatte auf mich nie einen volltrunkenen Eindruck gemacht, doch die Menschen fangen bekanntermaßen aus den niedrigsten Beweggründen mit der Trinksucht an.
«Weiß nicht. Also... nein. Denke nicht. Vielmehr... er wurde immer komischer. Also komisch im Sinne von...», Pit machte mit dem Zeigefinger ein paar kreisende Bewegungen neben seinem Kopf. «nicht komisch wie lustig», fügte er noch hinzu.
«Dass er alt war, wissen wir ja», sagte ich achselzuckend und drehte das Glas Cola unwillkürlich im Kreis.
«Ja schon, aber manchmal sprach er von ihr.» flüsterte Pit.
«Von wem?», flüsterte ich zurück, obwohl ich keine Ahnung hatte wen er meinte, oder warum er flüsterte.
«Na von Omi natürlich», sagte Pit, also wäre das das offensichtlichste auf der Welt.
«Sie haben sich früher schon gekannt, im Krieg bereits, ich weiß», sagte ich. Pit und trank das halbe Glas Cola in einem Zug aus.
«Das meine ich nicht», flüstere er weiter. «Sondern das Andere.»
Ich hob die Augenbrauen. So langsam musste er mal zur Sache kommen.
«Na, der alte Dernbach behauptete, er hätte mal was mit unsere Omi gehabt. So im Sinne von, die Zeiten waren schlimm und wir hatten ja nüscht .»
Mir blieb nicht anderes als heftig den Kopf zu schütteln.
«Also eigentlich will ich gar nicht wissen, ob meine Oma mit irgend jemandem irgend wann mal was gehabt hat.» Der Gedanke sich die eigene Großmutter beim rummachen vorzustellen ging mir etwas zu weit. Selbst wenn die als zwanzig Jährige zweifellos ein heißer Feger gewesen sein musste und das genügte um mir ein Schmunzelte entgleiten zu lassen.
«Muss auch im Krieg gewesen sein», sagte Pit.
«Möglich», stimmt ich ihm zu. «Aber ein Leben kann lang sein. Wer weiß, vielleicht irrt er sich ja auch.»
«Hmm.» Pit sog scharf Luft durch seine Nase und verschränkte die Hände hinter dem Kopf.
«Denk nicht mal daran sie zu fragen, Pit. Vielleicht, wenn daran was sein sollte, will sie sich vielleicht nicht daran erinnern. Und wenn es in Kriegszeiten war, stelle ich mir das deutlich weniger romantisch vor als eine Liebschaft aus heutiger Zeit. Damals war alles anders. Viele Frauen sind vergewaltigt worden.»
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