Hatte Sie einmal etwas vergessen, es lag Ihnen auf der Zunge, aber Sie kamen nicht darauf, und sobald Ihre Gedanken mit etwas anderem beschäftigt waren, fiel es Ihnen plötzlich ein? Es handelt sich um das gleiche Prinzip, nur dass Sie nicht extra aufstehen und etwas anderes machen müssen, sondern sich eben im Kopf mit Ihrer Grundstimmung beschäftigen. Diese Grundstimmung ist das Mittel gar nicht erst zu verkrampfen. Sie fangen nicht bei 0 an, sondern könnten, wenn Sie wollten, direkt anfangen zu schreiben. Ebenso könnten Sie z. B. im Gedanken mit der Grundstimmung beginnen, da Sie Ihnen einen leichten Einstieg ermöglicht, dann hört es auf zu regnen, die Sonne kommt raus und Sie beginnen (mit)zuschreiben.
In der Schauspielführung wird dieser Ansatz übrigens ebenso verwendet.
Ein Protagonist liest Zeitung und führt dabei einen Dialog mit seinem Gegenüber oder soll jemanden beobachten. Der Darsteller konzentriert sich auf den Dialog oder die Darstellung der Beobachtung, verkrampft dadurch und wir glauben ihm weder seine eigentliche Aktion (Dialog oder Beobachtung) noch, dass er tatsächlich Zeitung liest.
Wenn der Darsteller aber die Anweisung erhält, dass er nach der Szene in der Lage sein soll, dem Regisseur den Artikel, den er liest, in eigenen Worten wiederzugeben, konzentriert er sich darauf und auch seine eigentliche Aktion (Dialog oder Beobachtung) wird echt und authentisch wirken.
Ihre Grundstimmung ist ein einfacher Trick, um nicht in den geschlossenen Modus zu verfallen bzw. in den offenen zu gelangen. Suchen Sie sich eine aus, zu der Sie eine besondere Affinität haben und Sie erhalten ein hilfreiches Mittel, um nie wieder mit leerem Kopf vor dem leeren Blatt zu sitzen.
Jeder Mensch träumt. Die Frage ist nur, ob man sich am nächsten Tag noch an diese erinnert. Bei einem gesunden Schlafrhythmus ist dies tatsächlich seltener der Fall, da dieser sich dadurch definiert, dass man in der Phase des leichten Schlafes erwacht. Die Schlafzyklen (der leichte Schlaf, Tief- und REM-Schlaf) werden pro Nacht mehrmals durchlaufen. Wenn Sie im leichten Schlaf erwachen, liegt die REM-Phase, in der Sie träumen, weiter zurück, daher ist die Erinnerung schwächer. Dies bedeutet, wenn man im REM-Schlaf geweckt wird, erinnert man sich auch besser an seine Träume, ist dafür jedoch nicht so erholt.
Kurzum, wenn Sie sich an Ihre Träume erinnern, nutzen Sie sie, denn woher stammen Ihre Träume? Aus Ihrem Unterbewusstsein (wenn auch der genaue Zusammenhang noch erforscht wird). Und auf was greifen Sie beim Schreiben zu? Wodurch entsteht der göttliche Funken? Ihr Unterbewusstsein. Es handelt sich um ein und dieselbe Quelle.
Nun sind Träume häufig sehr chaotisch, in der Form, dass sie sich durch unstrukturierte Orts- und Charakterwechsel auszeichnen. Aber Details und auch größere Zusammenhänge lassen sich hervorragend nutzen und bieten eine wunderschöne Plattform für Inspiration. Sei es ein Gebäude mit futuristischer Architektur, ein erdbeerförmiges großes Gebilde mit silberglänzenden, glatten Schuppen, von dem sich »Äste« in filigraner Konstruktion wie Geschwülste in jegliche Richtung erstrecken. Oder eine Katastrophe im Teilchenbeschleuniger, die die gesamte Welt in eine Art Flux-Zustand versetzt hat, sodass Materie, Städte und ganze Länder sich plötzlich in Luft auflösen, nur um zu einem unbestimmten Zeitpunkt erneut zu erscheinen.
Zugegebenermaßen, ich fand das Gebäude nicht schön und kritisierte die Architektur bereits im Traum. Und ja, ich habe einen ungesunden Schlafrhythmus und mein Unterbewusstsein scheinbar jede Menge Fantasie. Jedoch sind die Bilder, die es hervorbringt immer wieder erstaunlich und lassen sich bei Gelegenheit adaptieren. Und dann, im Rewrite überarbeitet, bilden Sie fantastisches Material, bei dem der Leser sich kopfschüttelnd (im positiven Sinne) fragt, wie der Autor wohl darauf gekommen ist.
Punkt 3 meiner eigentlichen Definition der Schreibblockade aus dem ersten Kapitel war der »Glaube«. Es ist unheimlich wichtig, dass Sie beim Schreiben an sich glauben, um gerade nicht dem Verlangen zu erliegen, jeden Absatz erneut zu lesen. Dennoch sagt Ihnen im Normalfall niemand, dass Sie ein guter Autor oder Geschichtenerzähler sind. Wie auch, wenn Sie noch nichts geschrieben habe, dass wiederum andere hätten lesen können. Und ein guter Geschichtenerzähler zeichnet sich eigentlich mehr durch seine Unterhaltungsqualitäten aus, als durch den Inhalt. Durch Mimik, Gestik oder Aufforderung zum aktiven Zuhören durch Fragen beispielsweise. Das bedeutet, woher soll Ihr Glaube kommen? Von einem Lehrer aus Ihrer Schulzeit, der Ihnen einmal zu einem Aufsatz sagte, dass dieser ihm gut gefallen hat? Von Ihrer Bekannten, die Ihnen sagt, dass Sie eigentlich mal etwas schreiben sollten? Vielleicht ja, doch erinnern Sie sich an den Maurer und den Klempner aus unserem letzten Thema. Wie oft erhält man ein gut gemeintes Kompliment, eine gut gemeinte Aussage und wie wahr ist der Ausspruch »Das Gegenteil von gut ist gut gemeint«.
Wenn man auf alles hört, was einem so gesagt wird, verliert man nicht nur wertvolle Zeit, von der wir meistens nicht genug haben, sondern gibt sich auch einer Enttäuschung nach der anderen preis, was dazu führt, dass wir irgendwann denken, wir könnten nichts. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, schrecken Sie nicht vor möglichen Enttäuschungen zurück, das halbe Leben besteht daraus und aus Fehlern lernt man. Nicht umsonst unterscheiden erfolgreiche Menschen sich zu »semi-erfolgreichen« darin, dass die Erfolgreichen es immer wieder und wieder versucht haben, wie wenn ein Kind laufen lernt. Nun ist das Ziel, Laufen zu können, für das Kind im Normalfall/der Evolution überlebenswichtig. Soll heißen, suchen Sie sich Bereiche aus, in denen sich auch eine Enttäuschung lohnt, was gleichermaßen eben nicht bedeutet, einfach alles mal zu probieren. Wie auch bei der Inspiration kommt Ihr Glaube durch das, was Sie aufnehmen. Wenn Sie sich z. B. beruflich lange mit einer Thematik beschäftigt haben, glauben Sie ja auch, dass sie über ein fundiertes Wissen in dieser Thematik verfügen. Gleichermaßen verhält es sich mit dem Glauben beim Schreiben, je mehr Sie schreiben, je mehr Sie sich mit dem Schreiben beschäftigen und weiterbilden, desto stärker wird Ihr Glaube. Noch wurden Zeitreisen nicht erfunden, auch wenn gerade in der Quantenphysik schon erstaunliche Experimente diesbezüglich stattgefunden haben (vielleicht die Quelle meines Flux-Traumes), aber dies soll heißen, noch können Sie nicht an den Punkt springen, an dem Sie schon 10 Jahre geschrieben haben, um Ihren dadurch entstandenen Glauben mit zurückzunehmen zum Einstieg ins Kreative Schreiben.
Nun, der Glauben hat selbstverständlich etwas mit Ihrem Selbstbewusstsein zu tun. Sind Sie generell ein selbstbewusster Mensch, fällt Ihnen auch beim Schreiben einfacher an sich zu glauben. Doch was tun, wenn dies nicht der Fall ist oder wenn Sie sonst ein selbstbewusster Mensch sind, aber Ihnen dieses Selbstbewusstsein beim Schreiben fehlt?
Es gibt Mittel und Wege sowohl das allgemeine als auch das schreib-spezifische Selbstbewusstsein zu steigern. Angefangen von dem Besuch von Seminaren oder Schauspielkursen zu physischem Training/Fitness Training, bevor Sie schreiben, das Haus aufzuräumen, um sich zu erst einmal wieder in den eigenen vier Wänden wohlzufühlen, ein neuer Haarschnitt usw. oder eben eine Tätigkeit auszuüben, bei der Sie bereits dieses Selbstbewusstsein besitzen, bevor Sie schreiben, um diesen Schwung mitzunehmen.
Der Genuss von alkoholhaltigen Getränken oder anderen Substanzen birgt natürlich auch seine Vor- und Nachteile. Nicht umsonst ist der Stereotyp des Autors kettenrauchender Whiskytrinker, während er sich an der Schreibmaschine die Finger wund tippt.
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