Das waren die Regeln, die selbst im Dorf galten, stellten sich auch dort die einen unverblümt nach vorne, als stünden die anderen hinten, ganz so wie bei der Wehrmacht, gaben die einen Befehle, die andere befolgten. Mochte Edmund auch vorne gesessen haben und die anderen hinten im Fond, blieb dennoch alles fein säuberlich voneinander getrennt, fuhren die einen Auto, gaben die anderen, unbedingt reichlich beschmückt, die Marschrichtung vor, wieder andere robbten durch den Dreck und schossen scharf. Das macht im Einzelnen eigentlich keinen Unterschied, doch genau darauf wird Wert gelegt, wenn Edmund nur ein einfacher Soldat gewesen sei, in jeglicher Hinsicht völlig bedeutungslos, hätte er nur Befehle befolgt, links, rechts, geradeaus, schien er am Ende unbedenklicher als ein einfacher Bauer. Und so trat Edmund seine Heimreise mit einem reinem Gewissen an, verkleidet als einfacher Soldat, der in diesem Krieg keiner Fliege etwas zu Leide getan hatte, lediglich geklaut, irgendwo auf einem Feld in Ungarn eine Wassermelone. Ein heiterer Soldat der Wehrmacht, die einst loszog, die ganze Welt zu nazifizieren, die Angst und Schrecken verbreitet hatte, Tod und Verwüstung, aber Edmund wähnte sich unschuldig, es war schließlich nicht sein Einfall gewesen. Zuversichtlich machte er sich auf seinen langen Weg nach Westen, den Amerikanern entgegen, auf zum schwarzen Mann, der großzügig seine Schokolade teilt, so marschierte er zurück zu Mia.
Auf seinem Marsch fühlte er sich wie ein freier Mann. Eine Freiheit, die ihm sein unglaublicher Reichtum bescherte, ein Schatz in einer kleinen hölzernen Schachtel, in der er gewissenhaft seine Rationen an Zigaretten gehortet hatte. Der längst vertrocknete Tabak war zwar keine glänzende, aber doch eine harte Währung, welche ihm die Heimreise erleichtern sollte. Er konnte sich Essen kaufen, für Übernachtungen bezahlen oder sich für eine Mitfahrt erkenntlich zeigen, wenn er einen Teil seiner Strecke in einem Auto mitgenommen wurde oder hinten auf einem Zweirad seinen Weg abkürzen konnte. Sehr viel öfter saß er auf einem Heuwagen. Und erst jetzt, auf diesem langen Weg, kurz bevor auch andere ihren Krieg beendeten, sollte Edmund ihm begegnen. Gut genährt, durchaus erholt, beseelt von der Vorfreude auf ein sehnsüchtig erwartetes Wiedersehen erblickte er ringsum nur Elend und Zerstörung. Er sah, was er im Krieg nicht gesehen hatte: Trümmer, Hunger, Verzweiflung, Verwirrung, Trauer, Schmerz, Einsamkeit, Obdachlosigkeit, Hoffnungslosigkeit. Edmund wurde vom Krieg erschüttert, als dieser letztlich vorbei war.
Mit kaum noch Sohlen an den dicken Schuhen erreichte Edmund endlich jene Stadt, in welcher er den breiten Fluß überqueren konnte. Diese Stadt hatte ihm einst noch die große weite Welt bedeutet, weiter weg war er vorher nie gewesen. Bis hier hin, ungefähr, hatten die Römer ihren Pfad gepflastert, in dieser Ebene an dem Fluß hatten sie ihren Limes erreicht und ungefähr hier begann für Edmund die Heimat, war die vertraute hügelige Landschaft nicht weit. Bis da hin war er durch endlose Verwüstung geschritten, glaubte er dennoch, die Heimat wäre ein Abbild seiner Erinnerung geblieben. Aber von der Stadt fand er nur Überbleibsel. Erst inmitten dieser heimatlichen Trümmer fühlte er sich vollkommen verloren, wenn er vorher schlicht nach dem Weg gefragt hatte, kannte er sich jetzt nicht mehr aus. Einzig die Kathedrale ragte noch unbeschadet gen Himmel, spendete ihm die Kirche erstmals Trost, weil dies Ding unerschüttert über den Ruinen thronte und ihm Orientierung gab. Aus der Ferne wies ihm dieser alles überragende gotische Dom den Weg zum Fluß.
An der behelfsmäßig reparierten Brücke fand er schließlich die Amerikaner, hatte er lange nach ihnen gesucht. Diesen geschätzten Feinden wollte er sich bedingungslos ergeben, die weiße Fahne seiner Kapitulation hissen, sollten sie mit einer banalen Formalität seinen Krieg für beendet erklären. Mitten in der zerstörten Stadt, am Fuße der Kathedrale, an dieser schaukelnden Brücke war für Edmund, amtlich beglaubtigt, der Zweite Weltkrieg endgültig aus und vorbei.
Okay!
Ohne viel Aufhebens bekam Edmund, der besiegte Feind, einen Stempel, der ihn zugleich als harmlosen Soldaten auswies, einer der bloß Befehle befolgt hatte. So einer konnte doch nichts dafür, wenn er in den Kampf eingezogen worden war, um für ein tausendjähriges Reich zu sterben. Nicht die einfachen Soldaten, die Sieger hatten vielmehr die Nazis besiegt, das waren die erklärten Feinde, sie trügen die Schuld an Krieg und Verbrechen, dabei wusste auch Edmund, dass Nazis Nachbarn waren, Freunde, Verwandte.
Ihm war es mithin einerlei, sollten sie ihn ruhig zum Zinnsoldaten stempeln, zur willenlosen Marionette, er fühlte sich endlich von allen Fesseln befreit und wollte einfach nur unbehelligt weiter vor sich hin leben. Aber bevor die netten Feinde ihn die Brücke passieren liessen, würden sie ihn noch entlausen, musste er einen endlosen Tag und eine noch längere Nacht warten bis das Mittel seinen Zweck erfülle. So nah am Ziel schaute er voll der unbändigen Sehnsucht über den Fluss auf die andere Seite, war dieses Warten wirklich qualvoll. Deutschland sollte entnazifiziert werden und er hatte sich den ganzen Körper mit Gift einschmieren müssen, als sei Ungeziefer der Urgrund allen Übels und eine Entlausung der erste Schritt zur politischen Läuterung.
Von Läusen befreit, die er gar nicht hatte, und mit amerikanisch bestempelten Papiere ging Edmund endlich seiner Zukunft entgegen. Von der schwankenden Brücke blickte er auf die Hügel weit vor ihm, zuversichtlich schaute er nach vorne, zurück in sein altes Leben. Versteckt zwischen den Hügeln, hinter dichten Wäldern würde er alsbald sein Zweiburgen wiederfinden, seine Mia und einen Sohn, den er letztlich nicht kannte. Mochte Wunder wer weiß was in Schutt und Asche liegen, er war entschlossen genau dort weiter zu machen, wo er aufgehört hatte, als sei nichts gewesen. Und auch in Zweiburgen, zwischen den Hügeln, konnte er sie von weitem sehen, diese alles überragende Kathedrale, wie stehen gelassen, auf das es die Menschheit an ihre großartigen Taten erinnere. Das Haus Gottes war unbeschadet geblieben, auf dass er nicht erzürne, daneben aber, unter sich selbst begraben, fehlte hier ein Haus, da eine Scheune, dort eine Baracke. Und sonst? Es fehlten einige Männer und zurück war kaum einer gekommen wie er zuvor gegangen war. Und dann noch der eine Bäcker, der nie wieder kommen sollte, der eine Bauer, der Metzger, der Rabbi, ganze Familien einfach ausgelöscht, als hätte es sie nie gegeben, dermaßen spurlos vernichtet, als würden sie nicht einmal fehlen. Zweiburgen war nun ein rein arisches Dorf und auf diesem Abgrund sollten sie ihre Zukunft errichten.
Ohne irgendeinen Aufschrei, letztlich kleinlaut, suchten vielen den Weg zurück in das alte Leben, noch vor dem tausendjährigen Reich. Doch der Weg dahin schien versperrt, sollte auch Mia nicht zurück zu ihrer Unschuld finden. Ihren Krieg konnte sie so schnell nicht vergessen, die Zeit der Angst und Entbehrung. Der Frieden erschien ihr, wie die Genesung von einer langen schweren Krankheit, nach der sie keineswegs erleichtert aufatmete, sondern in der Befürchtung eines jederzeit möglichen Rückfalls lebte. Sie nahm sich zurück, fügte sich dienend dem Haushalt, lachte nicht, behielt vorsorglich die Schürze und die Holzschuhe an, letztlich beklemmt trat sie ihr neues Leben an. Andere im Dorf fanden ebenso keinen Frieden in der angebrochenen Zukunft, wie Hans, der eifrige Bürgermeister. Nachdem der Feind mal wieder über denselben Hügel gekommen war und als Sieger mitten in den Rabatten stand, entfluste Hans akribisch seine Uniform, zog sie an und hängte sich auf. Seine Witwe Elfriede, die während des Krieges durchaus erhaben ihre Privilegien genossen hatte, zog sich die neuen Schuhe aus, warf sich, wie Mia, demütig eine Schürze über und stolzierte fortan dreimal täglich in Kathedrale, als hätte sie umgehend den Glauben getauscht, gegen einen stets zeitgemäßen. Dagegen ging der Fabrikant hin und verbrannte alle Wimpelchen, dazu die riesengroßen roten Fahnen mit den schwarzen Kreuzen drauf. Damit hatte er noch kürzlich hingebungsvoll die Fabrik dekorieren lassen, auf dass jeder Arbeiter sich an die verordnete Gesinnung erinnere, die nun alle schnell vergessen wollten. Die siegreichen Feinde ließen den Fabrikanten daher unbehelligt, sie fanden ja nur die Asche der Fahnen, auch weit und breit keine Zwangsarbeiter. Und die Frau, welche sich der Fabrikant in seinem stattlichen Haus unter Zwang gehalten hatte, zum putzen, kochen und andere Dienste, hatte er rechtzeitig der Freiheit überlassen, einfach so: "Sieh zu, dass du verschwindest! Komm bloß nicht wieder, du stinkender Schmarotzer, und stell irgendwelche Ansprüche! Dir steht rein gar nichts zu!" Daher konnte der Fabrikant ungestört Fabrikant bleiben, eine gewichtige Persönlichkeit im Getriebe des Dorfes, jederzeit vorbildlich. Als würden sich seine Fahnen nicht mehr im Wind drehen, hielt er in den Tiefen einer Schublade seine Überzeugungen verborgen, ruhte dort, unter einem weißen Taschentuch versteckt, ein kleines Abzeichen mit Hackenkreuz. Manchmal nahm er es raus, tröstete damit sein Heimweh nach einem Ort in vergangener Zeit.
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