Hinnerk hatte sich so oft die bewusste Nacht vor Augen geführt, als Valerie ihren stets leicht spöttischen Unterton ihm gegenüber aufgegeben hatte. Sie war zum ersten Mal vor seinen Augen schwach geworden und hatte hilflos wie ein kleines Kind an seiner Schulter geweint. Dabei war er nicht einmal ihr Lebensretter gewesen, als sie sich auf der einsamen Alpe in der Gewalt von Alex’ Bruder und seiner skrupellosen Mutter befunden hatte. Als Hinnerk mittels Rettungshubschrauber der Bergwacht dort eingetroffen war, hatte sich Valerie schon selber befreit, denn der Mann, der Alex zum Verwechseln ähnlich sah, hatte sie verschont und war geflohen. Zuvor hatte er während eines Handgemenges unabsichtlich den Tod seiner Mutter herbeigeführt, die er liegen ließ, weil ihr ohnehin nicht mehr zu helfen gewesen war.
Zurück im Ort hatten Valerie und Hinnerk dann das Hotelzimmer teilen müssen, und da war es passiert. In ihrer aufgewühlten Verfassung, einer Mischung aus Verzweiflung, Erleichterung und Erschöpfung war der erotische Funke zwischen ihnen übergesprungen. Etwas das beide bis zu diesem Zeitpunkt nicht für möglich gehalten hatten.
Das zweite Mal, als Hinnerk Valerie weinend im Arm gehalten hatte, war, als er auf ihren Anruf hin in Alex’ Wohnung geeilt war. Vor dem Haus hatten sich die Kollegen von der KTU um den Leichnam von Alex gekümmert. Oben hatte er eine hilflose, wie versteinert wirkende, Valerie vorgefunden, die erst in seinen Armen ihren Gefühlen freien Lauf lassen konnte. Anhand der Tragik war die Situation bar jeglicher Erotik gewesen. Und seitdem waren sie sich nie wieder so nahegekommen.
Manchmal meinte Hinnerk, ein Glitzern in Valeries Augen wahrzunehmen, wenn sie ihn ansah. Aber das waren nur Bruchteile von Sekunden. Anschließend verfiel sie regelmäßig in neutrales, kollegiales Verhalten. Schade, dachte Hinnerk auch an diesem Morgen, aus ihnen hätte durchaus etwas werden können.
Auch Valerie hatte die Nacht mit Hinnerk nicht vergessen. Sie sah ihn noch in seiner Unterwäsche vor sich, mit seinen gelösten, langen Haaren, die er gewöhnlich zu einem Zopf gebunden trug. Und sie hatte seinen männlich markanten Duft noch in Erinnerung, ganz zu schweigen von seiner ungestümen, leidenschaftlichen Art, die sie ihm nicht zugetraut hätte. Aber in Gedanken wischte sie diese Bilder immer schnell fort. Wo sollte das hinführen? Deshalb war sie ihm außerordentlich dankbar, dass er es unterließ, sich ihr in vertraulicher Weise zu nähern. Nur der gelegentliche Dackelblick irritierte sie sehr, schon deshalb, weil sie den an Alex gekannt hatte, was sie jedes Mal erschauern ließ.
Valerie erwarteten auf ihrem Schreibtisch frische Blumen, belegte Brötchen aus der Kantine und ein Latte Macchiato vom nahe gelegenen Italiener.
»Kinder, jetzt übertreibt ihr aber«, sagte sie grinsend. »Auch wenn ich mir zwangsweise eine Auszeit gegönnt habe, bin ich noch kein Pflegefall, den man rund um die Uhr betutteln muss.«
»Keine Sorge, für Mittag und Abendbrot wirst du alleine aufkommen müssen. Und den Hintern wird dir auch niemand abwischen«, konterte Hinnerk.
»Schade, gerade das hätte mir gefallen können«, feixte Valerie.
»Also, ich kann mir nicht helfen, aber bei uns im Ländle sind die Frauen irgendwie damenhafter und charmanter«, sagte Lars Scheibli, der junge Kommissaranwärter.
»Ja? Dann geh doch zurück, du falscher Schwabe. Denn geboren bist du ja eindeutig in der Schweiz, wie dein Name verrät, sonst würdest du nämlich allenfalls Scheible heißen«, meinte Marlies Schmidt, die junge Sekretärin mit den Naturlocken und dem sonnigen Gemüt, die von allen nur Schmidtchen oder Lieschen genannt wurde. Was keine Abwertung bedeutete, sondern die allgemeine Wertschätzung ausdrückte, war sie doch der gute Geist der Abteilung.
»Vorsicht Schmidtchen, der kriegt es fertig und tut es«, sagte Valerie. »Und wer weiß, wen wir dann bekommen.«
»Danke, wenn das deine einzige Sorge ist.« Lars war ehrlich getroffen. »Dabei wollte ich dir grade ein Kompliment machen. Die längeren Haare stehen dir ausgesprochen gut. Ist der Friseur pleite oder lassen wir wachsen?«
»Ich weiß nicht, ob dir gerade irgendetwas wächst, aber ja, ich habe Lust auf was Neues.« Da war sie wieder die alte Valerie, was alle eher erleichtert zur Kenntnis nahmen.
»Das hast du nun davon, du Knirps«, grinste Hinnerk. »Man sollte sich vorher überlegen, auf wessen Kosten man seine Sprüche macht.«
»Asche auf mein Haupt«, grinste Lars. »Und damit das ein für allemal klar ist: Ja, ich bin in der Schweiz zur Welt gekommen, weil mein Vater ein Schweizer ist, doch schon als Baby wurde ich nach Schwaben verfrachtet, die Heimatregion meiner Mutter.«
»Dann wäre das jetzt auch geklärt«, meinte Valerie. »So langsam sollten wir zur Tagesordnung übergehen. Ihr habt mir ja schon bewiesen, dass ihr ganz gut ohne mich klargekommen seid …«
»Moment, Moment«, unterbrach Hinnerk Valerie. »Der Zufall oder die Fügung wollten es, dass wir kaum neue Fälle hereinbekommen haben. Scheinbar wird zurzeit weniger gemordet in Berlin. Nur deshalb konnten wir dich entbehren.«
»Oder sie werden nur nicht entdeckt, weil die Täter raffinierter geworden sind«, insistierte Valerie.
»Kann auch sein. Aber einen aktuellen Fall haben wir ja noch, den Doppelmord an dem Ehepaar in Heiligensee. Der passt sogar recht gut als Beispiel, was die Raffinesse oder die Kaltblütigkeit betrifft.«
»Dann lasst uns noch einmal alle Fakten auf den Tisch legen«, sagte Valerie. »Wenn es euch nicht stört, dass ich dabei kaue …«
»Eine Dame spricht nicht mit vollem Mund«, bemerkte Lars.
»Oh, natürlich, ich vergaß unseren schwäbischen Gentleman mit dem Knigge als Nachtlektüre … zum Glück sehe ich hier weit und breit keine Dame.«
»Pah«, machte Lars. »So seid ihr eben, ihr Frauen. Von einem Moment zum anderen könnt ihr euch verwandeln wie ein Chamäleon.«
»Ja, die Frauen von heute müssen alles in einer Person sein, Dame und Schlampe, Heilige und Hure. Männer können sich selten zwischen einer der Eigenschaften entscheiden.«
»Hört, hört …«
»Also«, fing Valerie erneut an. »Was habt ihr?«
»Karla und Manfred Borgelt sind in ihrem Haus kurz nacheinander erschossen worden. Die Mordwaffe, ein Kleinkalibergewehr, stammt aus dem Waffenschrank des Hausherrn. Der Schrank wurde aufgebrochen, weil der oder die Täter offensichtlich keinen Schlüssel dafür besaßen. Da das Haus relativ vereinzelt steht, will keiner der Nachbarn etwas bemerkt haben. Man hat alles gründlich gereinigt, sodass kein fremdes Gen-Material oder Fingerspuren festgestellt werden konnten. Zutritt haben der oder die Täter sich durch ein Fenster im hinteren, schlecht einsehbaren, Bereich des Gebäudes verschafft. Das Haus ist durchsucht worden, wie die herausgerissenen Schubladen beweisen. Dabei sind wahllos Dinge entwendet worden, ohne Rücksichtnahme auf den Wert.« Hinnerk machte eine Atempause.
»Das lässt darauf schließen, dass es sich entweder um keine Profis gehandelt hat, wogegen die professionelle Reinigungsaktion spricht, oder dass es ein Racheakt war«, ergriff Valerie das Wort. »Man hat nicht aus Habgier, sondern aus Hass gemordet.«
»Und da kommen die Sprösslinge des Ehepaares ins Spiel«, warf Lars ein, der noch immer nicht entscheiden konnte, ob er über die Rückkehr Valeries froh oder nicht sein sollte. Schließlich war er an Hinnerks Seite viel mehr zum Einsatz gekommen.
»Dumm ist nur, dass beide ein felsenfestes Alibi haben. Tochter Laura war zur fraglichen Zeit auf einer Party ihrer Freundinnen und hat nach übereinstimmenden Aussagen den Ort zwischenzeitlich nicht verlassen. Hinzu kommt, dass sie nicht mit einer Waffe umgehen kann und einem jungen Mädchen von knapp siebzehn kaum so eine brutale Vorgehensweise zuzutrauen ist …«
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