"Ich kann immer noch nicht glauben, dass wir das tun", flüstere ich leise und starre auf ein Glas, in dem gratis Kondome drin sind. Welche Ironie, die Dinger hätten Aiden und mir einen peinlichen Moment erspart.
Aiden schaut blöd grinsend zu mir herunter. Ihm scheint die ganze Sache kein Stück peinlich zu sein. Kommt mir fast so vor, als hätte er das schon mindestens tausendmal gemacht. Oder das Beste wäre: Wenn er die Apothekerin auch noch kennen würde und sie uns die Samenkiller auch noch umsonst gibt, weil Aiden so ein charmanter Typ ist. Bei ihm ist alles möglich und mittlerweile würde ich mich nicht einmal mehr drüber wundern.
"Tja, das hast du halt davon. Ich hab dir doch gesagt, dass es keine gute Idee ist es mit einer Sandwichtüte zu treiben", sagt Aiden ernst zu mir. Das Schlimme ist nicht mal was er gesagt, sondern wie laut er es gesagt hat.
Ich habe das Gefühl, das auf einmal eine Totenstille in diesem kleinen Raum ist und jeder für einen Moment aufgehört hat, sich zu bewegen, nur, um uns anzustarren. Mit aufgerissenen Augen starre ich ihn fassungslos an. Was zur Hölle tut er da?
"Du brauchst mich gar nicht so anzusehen. Nur, weil deine Großeltern das früher auch immer gemacht haben, heißt es noch lange nicht, dass es bei uns auch funktioniert. Wir leben nicht mehr in der Steinzeit", redet er jetzt ernst weiter. Und laut. Als er meinen entsetzten Blick sieht, zieht sich ein Mundwinkel von ihm kurz nach oben und ich verstehe sofort, was er hier treibt. Aiden will spielen.
Okay, das kann er bekommen. Ich verschränke die Arme und schnaube theatralisch auf. "Und du glaubst wirklich , dass es mit deiner widerlichen Kuhhaut funktioniert hätte? Nein, Baby, das ist einfach nur abartig. Meine Art der Verhütung war wenigstens weniger mit irgendwelchen tierischen Bakterien beschmutzt, die mir und dir höchst wahrscheinlich wieder diese ekelerregenden Pickel verabreicht hätten."
Ich höre das alte Pärchen hinter mir erschrocken Luft holen und auch die Frau vor uns scheint die Ohren noch mehr zu spitzen. Nicht mal die junge Apothekerin redet noch ein Wort mit der Kundin, sondern kramt unauffällig in irgendeiner Schublade herum. Es ist dennoch deutlich zu sehen, dass sie unser Gespräch genauso interessant und gleichzeitig grotesk findet, wie alle anderen hier.
Ich sehe, dass Aiden stark damit zu kämpfen hat, sich ein Grinsen zu verkneifen. "Miss, was schauen sie denn so?", fragt er an die Apothekerin gerichtet, die uns nur noch perplex anstarrt, als wir an der Reihe sind. "Wir sind nicht hier hergekommen um einen Starrwettbewerb zu veranstalten, sondern meine verirrten Samen mit dieser tödlichen Pille aus meiner Freundin zu entfernen."
Bei dem Wort Freundin bleibt mir kurz die Illusion, dass ich tatsächlich Aidens Freundin sein könnte. Auch, wenn der Rest seines Satzes eher nicht in meiner Fantasie stattfindet.
"Richtig", stöhne ich und lehne mich an die Theke, die uns von der Apothekerin trennt. "Sie wissen ja nicht, wie sich das anfühlt mit so einem Zeug vollgepumpt zu sein. Vor allem, weil die Tüte sich anscheinend auch irgendwie in mir verirrt hat. Also könnten wir uns bitte beeilen? Wir müssen nämlich hiernach noch dringend zum Arzt."
Die Apothekerin sieht mich erschüttert an und nickt ganz langsam. "Ehm, ja, klar... Das wäre vielleicht... hilfreich." Sie tut mir gerade wirklich leid, wahrscheinlich ist sie traumatisiert, wenn sie nachher nach Hause geht. Vor allem, weil sie so jung aussieht, dass man meinen könnte, sie ist gerade mal im ersten Jahr ihrer Ausbildung. Das arme Ding.
"Baby, musst du das so offen sagen? So was muss nicht sofort jeder wissen, der näher als zwei Meter steht. Den Bäcker von vorhin hat es auch nicht interessiert", sagt Aiden gespielt sauer.
Die Apothekerin will gerade etwas sagen, aber ich falle ihr noch ein letztes Mal ins Wort. "Ach ja? Der Bäcker hätte bestimmt gewusst, dass man nicht mit Kuhhaut verhütet!"
Aiden schüttelt mit dem Kopf und sieht dann zur Apothekerin. "Könnten Sie uns einfach die Pille danach geben? Ich würde es nicht aushalten, noch eine dieser Spezies zu ertragen", sagt er durch zusammengebissene Zähne und deutet auf mich.
"Ja, natürlich", sagt die Apothekerin schnell und geht in den Raum hinter der Kasse.
Aiden und ich werfen uns kurz triumphierende Blicke zu, sind aber sofort wieder ernst, weil wir tatsächlich immer noch von den ganzen Leuten in der Apotheke angestarrt werden. Diesen Moment werde ich mein Leben lang nicht vergessen.
"Hier, bitte schön." Die Apothekerin kommt mit rotem Kopf wieder zurück und legt uns ein kleines Päckchen auf den Tresen. "Ehm, am besten nehmen Sie sie sofort und in den nächsten vierundzwanzig Stunden keinen Alkohol trinken." Sie räuspert sich verlegen und fährt fort. "Es könnten Beschwerden wie Kopfschmerzen oder Magenschmerzen hervorgerufen werden, aber sonst - "
"Kopfschmerzen!", rufe ich aus und werfe die Hände in die Luft. "Natürlich diese Kopfschmerzen! Wieso gibt es eigentlich Medizin, wenn Medizin sofort andere Symptome hervorruft? Das ist doch dieser dämliche Kreislauf des Lebens."
Aiden muss immer mehr mit dem Lachen kämpfen.
Die Apothekerin schweigt und sieht mich mit aufgerissenen Augen an. Sie scheint wirklich nicht mehr zu wissen, was sie jetzt tun soll.
"Gib ihr endlich das verdammte Geld", sage ich zu Aiden und schnappe mir das Päckchen.
Aiden legt ihr schnell zwanzig Pfund auf den Tresen, nimmt mich an der Hand und führt mich an den Leuten vorbei nach draußen.
Wir gehen laut lachend zum Auto und ich habe das Gefühl, dass ich bald krepiere, weil ich wirklich so laut lache, dass ich kaum mehr Luft bekomme. Ich lehne mich erschöpft an Aidens Auto und halte mir die Hand an den Kopf. "Das war der absolute Wahnsinn", schnaufe und lache ich gleichzeitig, während ich versuche, mich zu beruhigen.
Aiden stellt sich vor mich. " Du warst absolut Wahnsinn", lacht er und kommt einen Schritt auf mich zu.
"Das wird Aby mir nie - ", will ich anfangen zu erzählen, werde aber von Aidens weichen Lippen gestoppt.
Erschrocken und gleichzeitig überglücklich lasse ich mich von Aiden gegen das Auto pressen, während er seine Hände in meinen Haaren verschwinden lässt und mich küsst.
Das ist der Moment, auf den ich so lange gewartet habe und er ist noch viel besser als der Kuss im Auto. Dieser Kuss hier ist einfach viel... echter. Es hat sich so viel entwickelt zwischen uns in den letzten Tagen, dass es mir schon vorkommt wie eine halbe Ewigkeit, als würde ich Aiden schon immer kennen. Als wäre alles was ich vor Aiden erlebt habe nicht existent und unwichtig.
Reflexartig greife ich mit meinen Händen in sein T-Shirt und ziehe ihn noch näher zu mir. Für mich kann es gerade nicht genug Nähe sein. Ich spüre Aiden leicht grinsen, als ich mich in seinem Shirt verhake und er vertieft den Kuss, als ich seine Zunge auf meiner Lippe merke.
O man, wenn mir vor zwei Wochen jemand gesagt hätte, dass ich mit ihm knutschend an seinem Auto stehe - mitten in der Stadt -, nachdem wir die Pille danach gekauft haben, hätte ich dieser Person wahrscheinlich laut grunzend ins Gesicht gelacht.
Küssen ist toll, aber was wenn,... Wenn ich es schaffe, jemanden zu küssen, für den ich auch tatsächlich Gefühle habe und worauf ich so lange gewartet habe, ihn endlich wieder küssen zu dürfen, ich sein Gesicht streicheln darf und darüber nachdenken darf, wie schön seine Lippen sind und wie toll sie sich auf meinen anfühlen. Einfach wow.
Nach unbestimmter Zeit löst sich Aiden wieder von mir und sieht mich schmunzelnd an.
Ich kann nicht anders, sondern muss einfach breit grinsen. Es ist nutzlos, jetzt noch irgendwelche Gefühle herunterzuspielen. Ich habe mich in ihm verloren und das weiß ich. O, wie ich das weiß.
Читать дальше