Lasst uns weitergehen, wir gelangen hier auf den Schlossplatz. Rechts das Schloss, ein hohes, großartiges Gebäude. Die Zeit hat es grau gefärbt und gab ihm ein düsteres, aber desto majestätischeres Aussehen. Links wieder zwei schöne Straßen, die Breite Straße und die Brüderstraße. Aber gerade vor uns ist die Stechbahn, eine Art Boulevard. Und hier wohnt Josty! – Ihr Götter des Olymps, wie würde ich euch euer Ambrosia verleiden, wenn ich die Süßigkeiten beschriebe, die dort aufgeschichtet stehen! Oh, kenntet ihr den Inhalt dieser Baisers! O Aphrodite, wärest du solchem Schaum entstiegen, du wärest noch viel süßer!
Auch die übrigen Attraktionen lassen den Sensualisten nicht kalt: Wie gefällt Ihnen aber die Universität? Fürwahr, ein herrliches Gebäude! Nur schade, die wenigsten Hörsäle sind geräumig, die meisten düster und unfreundlich, und, was das Schlimmste ist, bei vielen gehen die Fenster nach der Straße, und da kann man schrägüber das Opernhaus bemerken. Wie muss der arme Bursche auf glühenden Kohlen sitzen, wenn die ledernen, und zwar nicht saffian- oder maroquin-ledernen, sondern schweinsledernen Witze eines langweiligen Dozenten ihm in die Ohren dröhnen und seine Augen unterdessen auf der Straße schweifen und sich ergötzen am pittoresken Schauspiel der leuchtenden Equipagen, der vorüberziehenden Soldaten, der dahinhüpfenden Nymphen und der bunten Menschenwoge, die sich nach dem Opernhaus wälzt. Wie müssen den armen Burschen die 16 Groschen in der Tasche brennen, wenn er denkt: Diese glücklichen Menschen sehen gleich die Eunike als Seraphim, oder die Milder als Iphigeneia. „Apollini et Musis“ steht auf dem Opernhause, und der Musensohn sollte draußen bleiben? –
Aber ich sehe, Sie hören schon nicht mehr, was ich erzähle, und staunen die Linden an. Ja, das sind die berühmten Linden, wovon Sie so viel gehört haben. Mich durchschauert's, wenn ich denke, auf dieser Stelle hat vielleicht Lessing gestanden, unter diesen Bäumen war der Lieblingsspaziergang so vieler großer Männer, die in Berlin gelebt; hier ging der große Fritz, hier wandelte – Er! Aber ist die Gegenwart nicht auch herrlich? Es ist just zwölf und die Spaziergangszeit der schönen Welt. Die geputzte Menge treibt sich die Linden auf und ab. Sehen Sie dort den Elegant mit zwölf bunten Westen? Hören Sie die tiefsinnigen Bemerkungen, die er seiner Donna zulispelt? Riechen Sie die köstlichen Pomaden und Essenzen, womit er parfümiert ist? Er fixiert Sie mit der Lorgnette, lächelt und kräuselt sich die Haare. Aber schauen Sie die schönen Damen! Welche Gestalten! Ich werde poetisch!
Ja, Freund, hier unter den Linden
Kannst du dein Herz erbaun,
Hier kannst du beisammen finden
Die allerschönsten Fraun.
Sie blühn so hold und minnig
Im farbigen Seidengewand,
Ein Dichter hat sie sinnig:
Wandelnde Blumen genannt.
Welch schöne Federhüte!
Welch schöne Türkenschals!
Welch schöne Wangenblüte!
Welch schöner Schwanenhals!
Nein, diese dort ist ein wandelndes Paradies, ein wandelnder Himmel, eine wandelnde Seligkeit. Und diesen Schöps mit dem Schnauzbart sieht sie so zärtlich an! Der Kerl gehört nicht zu den Leuten, die das Pulver erfunden haben, sondern zu denen, die es gebrauchen, d. h. er ist Militär. – Wollen Sie die Augen ergötzen, so betrachten Sie die Bilder, die hier im Glaskasten des Jagorschen Parterres ausgestellt sind! Hier hängen nebeneinander die Schauspielerin Stich, der Theolog Neander und der Violinist Boucher. Wie die Holde lächelt! O sähen Sie sie als Julie, wenn sie dem Pilger Romeo den ersten Kuss erlaubt! Musik sind ihre Worte. Er zitiert Milton:
Grace is in all her steps, heav'n in her eye,
In every gesture dignity and love .
Wandelnde Himmel, wandelnde Seligkeiten, die ihm unerreichbar bleiben! Er spürt die Reizüberflutung im großen Moloch der Stadt. Ein neuzeitlicher Tantalus, sieht er die Schönheiten der Metropole unberührbar, unantastbar vorüberschweben. Ich habe es längst gewusst, dass eine Stadt wie ein junges Mädchen ist und ihr holdes Angesicht gern wiedersieht im Spiegel fremder Korrespondenz. Aber nie hätte ich gedacht, dass Berlin bei einem solchen Bespiegeln sich wie ein altes Weib, wie eine echte Klatschliese, gebärden würde. Ich machte bei dieser Gelegenheit die Bemerkung: Berlin ist ein großes Krähwinkel .
Nach dem Abschied von einem Freund überfällt ihn wieder die drückende Einsamkeit im Moloch der Stadt: Ich bin heute sehr verdrießlich, mürrisch, ärgerlich, reizbar; der Missmut hat der Phantasie den Hemmschuh angelegt, und sämtliche Witze tragen schwarze Trauerflöre . Glauben Sie nicht, dass etwa eine Weiberuntreue die Ursache sei! Ich liebe die Weiber noch immer; als ich in Göttingen von allem weiblichen Umgange ausgeschlossen war, schaffte ich mir wenigstens eine Katze an; aber weibliche Untreue könnte nur noch auf meine Lachmuskeln wirken.
Glauben Sie nicht, dass etwa meine Eitelkeit schmerzlich beleidigt worden sei; die Zeit ist vorbei, wo ich des Abends meine Haare mühsam in Papilloten zu drehen pflegte, einen Spiegel beständig in der Tasche trug und mich 25 Stunden des Tages mit dem Knüpfen der Halsbinde beschäftigte.
Denken Sie auch nicht, dass vielleicht Glaubensskrupel mein zartes Gemüt quälend beunruhigen; ich glaube jetzt nur noch an den pythagoreischen Lehrsatz und ans königlich preußische Landrecht. Nein, eine weit vernünftigere Ursache bewirkt seine Betrübnis: Sein köstlichster Freund, der Liebenswürdigste der Sterblichen, Eugen von B., ist vorgestern abgereist! Das war der einzigste Mensch, in dessen Gesellschaft er sich nicht langweilte, der einzige, dessen originelle Witze ihn zur Lebenslustigkeit aufzuheitern vermochten, und in dessen süßen, edeln Gesichtszügen er deutlich sehen konnte, wie einst seine eigene Seele aussah, als er noch ein schönes, reines Blumenleben führte und sich noch nicht befleckt hatte mit dem Hass und mit der Lüge. – Gemeint ist wohl sein polnischer Freund Eugen Graf von Breza.
Er darf nicht die Verehrung unerwähnt lassen, die man dem Namen Goethe zollt, der deutsche Dichter, von dem man hier am meisten spricht. Aber Hand aufs Herz, mag das feine, weltkluge Betragen unseres Goethe nicht das Meiste dazu beigetragen haben, dass seine äußere Stellung so glänzend ist und dass er in so hohem Maße die Affektion unserer Großen genießt? Fern sei es ihm, Heine, den alten Herrn eines kleinlichen Charakters zu zeihen. Goethe ist ein großer Mann in einem seidnen Rock. Am großartigsten hat er sich noch kürzlich bewiesen gegen seine kunstsinnigen Landsleute, die ihm im edlen Weichbild Frankfurts ein Monument setzen wollten und ganz Deutschland zu Geldbeiträgen aufforderten. Hier wurde über diesen Gegenstand erstaunlich viel diskutiert, und seine – Heines – Wenigkeit habe folgendes mit Beifall beehrte Sonett beigesteuert:
Hört zu, ihr deutschen Männer, Mädchen, Frauen,
Und sammelt Subskribenten unverdrossen;
Die Bürger Frankfurts haben jetzt beschlossen:
Ein Ehrendenkmal Goethen zu erbauen.
„Zur Messzeit wird der fremde Krämer schauen“ –
So denken sie – „dass wir des Manns Genossen,
Dass unserm Miste solche Blum entsprossen,
Und blindlings wird man uns im Handel trauen.“
Oh, lasst dem Dichter seine Lorbeerreiser,
Ihr Handelsherrn! Behaltet euer Geld.
Ein Denkmal hat sich Goethe selbst gesetzt.
Im Windelnschmutz war er euch nah , doch jetzt
Trennt euch von Goethe eine ganze Welt,
Euch, die ein Flüsslein trennt vom Sachsenhäuser !
Der große Goethe hat bekanntlich allen Diskussionen dadurch ein Ende gesetzt, dass er seinen Landsleuten mit der Erklärung, er sei gar kein Frankfurter, das Frankfurter Bürgerrecht zurückschickte. Letzteres soll seitdem – um Frankfurterisch zu sprechen – 99 Prozent im Wert gesunken sein, und die Frankfurter Juden hätten jetzt bessere Aussicht zu dieser schönen Akquisition. Aber – um wieder Frankfurterisch zu sprechen – stünden die Rothschilde und die Bethmänner nicht längst al pari? Der Kaufmann hat in der ganzen Welt dieselbe Religion. Sein Comptoir ist seine Kirche, sein Schreibpult sein Betstuhl, sein Memorial seine Bibel, sein Warenlager sein Allerheiligstes, die Börsenglocke seine Betglocke, sein Gold sein Gott, und der Kredit sein Glauben!
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