In diesem zehnten Schuljahr wollte Lena unbedingt ihren Realschulabschluss schaffen. Sie konzentrierte sich darauf bis zum Schuljahresende so sehr, dass sie den Weggang ihrer Mutter zuerst nur am Rande wahrnahm. Daher schien ihr das Fehlen der Mutter zur Verwunderung des Vaters auch nichts auszumachen. Zunächst.
Die Schmerzen brachen erst durch – und dann mit Wucht –, als sie eines Tages mit ihrem Abschlusszeugnis hach Hause kam. Das hatte sie in der Schule zum Erstaunen ihrer Mitschüler gleichgültig in Empfang genommen. Immerhin hatte sie ausgezeichnete Zensuren und sogar eine Zugangsberechtigung zur elften Gymnasialklasse.
In ihrem Zimmer legte sie den Schutzumschlag mit dem Zeugnis auf ihren Schreibtisch, warf sich aufs Bett und begann hemmungslos und laut zu schluchzen. Ihren Vater, der hereinkam, weil er ihr Weinen gehört hatte, bemerkte sie nicht. Leise stahl Lukas sich wieder hinaus und schloss die Tür zu ihrem Zimmer.
Monate später hatte Lena sich mit ihrer Lage abgefunden, ohne Mutter und mit einem Vater, der immer häufiger betrunken war. Anfangs versuchte sie ihm zuzureden. Aber dann wurde ihr klar, dass ihr Vater weder fähig noch willens war, seine Lage zu ändern. Also versuchte er seine Empfindungen darüber mit Alkohol zuzuschütten.
Weil er dabei niemals aggressiv, wütend oder gewalttätig wurde, ließ Lena ihn gewähren. Allerdings war sie es, die einige klare Regeln für ihr weiteres Zusammenleben aufgestellt hatte. Er musste lernen, Teile des Haushalts zu übernehmen. Und ihr Vater hielt sich an diese Regeln, so gut er konnte. Während Lena gern das Essen zubereitete, kümmerte sich Lukas ums Aufräumen, Putzen und Wäschewaschen.
Lena hatte es zur Bedingung gemacht, dass ihr Vater lernte, wie man mit Waschmaschine und Spülmaschine umging. Wie man Böden und Fenster putzte, wie man den Teppich saugte. »Sonst ziehe ich ebenso aus wie Mama!«, hatte sie gedroht, »Notfalls gehe ich in ein Heim!«
Natürlich hatte Lena das niemals vor, aber die Drohung beeindruckte ihren Vater, sodass der sich schnell bereit erklärte, die von ihr gewünschten Aufgaben zu erlernen und zu übernehmen.
Eine ganze Reihe von Dingen, deren Erledigung Lena ihrem Vater nicht zutrauen wollte, nahm sie selbst in die Hand. Dazu gehörte zuallererst das Kochen und Backen – zumal Lena dies leidenschaftlich gern tat. Außerdem bügelte sie die Wäsche lieber selbst und verstaute sie dann ordentlich in den Schränken. Beim Reinigen von Bad, Toiletten und Waschbecken hatte sie ein größeres Sauberkeitsgefühl, wenn sie diese Aufgaben selbst übernahm.
Es blieb immer noch genug Arbeit übrig, die ihr Vater erledigen konnte, während sie sich um eine Lehrstelle bemühte. Lena hatte vor, in einem sozialen Beruf zu arbeiten. Weiter zur Schule zu gehen und das Abitur zu erreichen, reizte sie nicht.
Viele Monate vergingen, und mit ihnen nahm die Resignation bei Lukas Wagner zu. Und Lena hatte den Eindruck, dass ihr Vater gar nicht wieder berufstätig werden wollte. Schon zweimal hatte er eine Stelle nicht bekommen, die ihm vom Arbeitsamt angeboten wurde. Weil er alkoholisiert zum Vorstellungsgespräch erschienen war.
Erst eine angedrohte und dann auch durchgeführte Kürzung seines Arbeitslosengeldes brachte ihn dazu, eine Stelle als Lagerarbeiter anzunehmen. Aber schon einen Monat später wurde er entlassen. Er war betrunken zwischen den Kisten eingeschlafen, die er verladen sollte.
Weil auch Lena keinen Erfolg mit ihren zahllosen Bewerbungen hatte, blieb es bei der Rollenverteilung im Haushalt. Beide lebten vom Arbeitslosengeld des Vaters und vom Kindergeld, das Lena ab und zu durch einige Gelegenheitsjobs aufbesserte. Die aber alle nur jeweils ein paar Wochen oder Monate dauerten.
Durchbrochen wurde die Eintönigkeit durch das Zeitungsinserat von Kolberts Eltern. Sie suchten längerfristig ein Kindermädchen für nachmittags, erst einmal stundenweise – allerdings fünf Tage die Woche. Lena kam das gerade recht. Denn so war sie öfter außer Haus und hatte nicht das ständige Lamentieren ihres Vaters zu ertragen. Außerdem verlieh ihr das selbstverdiente Geld ein größeres Gefühl von Selbständigkeit. Und sie konnte Material zum Lesen und Lernen mitnehmen.
Bei Lenas erstem Versuch war die Stelle schon vergeben. Aber gut zwei Wochen später meldete sich Kolberts Mutter telefonisch mit der Frage: »Sind Sie noch an dem Job als Kindermädchen interessiert?«
Natürlich hatte Lena Interesse. Und so war sie jetzt seit über einer Woche Kolberts Aufpasserin und Spielgefährtin. Wie es schien, sollte das ihr erster richtiger und längerer Job werden.
Und weil sie spürte, dass es ihr Spaß machte, und weil diese Stelle auch nicht schlecht bezahlt wurde, hatte Lena spätestens zu diesem Zeitpunkt keinen Grund mehr, den Pessimismus ihres Vaters zu teilen. Und zum ersten Mal ertappte sie sich bei dem Gedanken, ihren Vater verlassen zu können.
Es konnte nicht ausbleiben, dass Lena eines Tages die ungewöhnliche Eigenschaft Kolberts bemerkte. Gerade hatte sie ihn gesäubert und war dabei, ihm eine neue Windel anzulegen, als sich sein ganzer Körper silbergrau färbte.
Nicht oft, aber von Zeit zu Zeit wechselte Kolberts Haut ohne sein Zutun zu einer Art Neutralgrau. Als müssten sich die Pigmentzellen neu justieren.
Und genau das erlebte Lena nun zum ersten Mal mit. Obwohl sie schon eine Weile als Kindermädchen bei der Familie Glaser war, hatte sich ein solcher Farbwechsel vor ihren Augen bislang nicht ergeben.
Es war zwar schon vorgekommen, dass sich Kolberts Standard-Hautton zu einem Blassrosa aufhellte oder fast bis zum Blutorange verdunkelte. Doch wenn Lena dies aufgefallen war, hatte sie es nicht als außergewöhnlich registriert.
Aber jetzt war es anders. Das erste Mal, dass Lena Kolbert in einer wirklich auffällig anderen Hautfarbe sah. Anfangs stieß sie einen kurzen Schrei aus, lachte zweimal schrill. Und stand dann wie versteinert vor ihm. Kolbert erstarrte ebenfalls, denn er hatte ihr Verhalten richtig interpretiert und auf seine Hautfarbe bezogen. Und nun bekam er plötzlich Angst, Lenas Zuneigung zu verlieren.
Da spürte er ihre Hände, die sie auf seinen nackten Bauch gelegt hatte. Zärtlich fuhr Lena auf seiner Haut auf und ab. Kolbert sah sie an und bemerkte ein zuerst kaum erkennbares, dann immer mehr ausgeprägtes Lächeln. Das schließlich Lenas ganzes Gesicht erfasste.
Sie verteilte ihr Streicheln mit beiden Händen auf Kolberts Kopf, dann über die Schultern auf seine Arme, und über die Hüften auf seine Beine. Damit wollte sie ihm zeigen, dass sie ihn auch mit anderer Hautfarbe akzeptierte.
Und Kolbert verstand dies wohl. Wenn sie diese Farbe zulassen konnte, gefiel ihr vielleicht auch eine andere? Und er dämpfte die Wirkung seiner Gelbzellen, um seine Hautfarbe vom hellen Grau in ein sanftes Himmelblau übergehen zu lassen.
Überrascht nahm Lena ihre Hände hoch, und Kolbert befürchtete nun es übertrieben zu haben. Doch dann lachte sie und senkte ihre Hände wieder, um mit dem Streicheln fortzufahren. Das veranlasste Kolbert, seine Haut ein weiteres Mal umzufärben. Nun verstärkte er die Wirkung der Gelbzellen wieder, und diesmal schwächte er die der Purpurzellen ab: Seine Haut glänzte leicht in einem zarten Grasgrün.
Erneut hoben sich Lenas Hände, und Kolbert hörte ihr Lachen. Dann berührte sie wieder behutsam seine Haut. Die Verfärbungen hatten Kolbert angestrengt, mit einem letzten Kraftaufwand ließ er seinen Hautton wieder in das übliche Orangerosa wechseln. Diesmal blieben Lenas Hände auf seinem Körper und fuhren mit dem Streicheln unvermindert fort.
»Grau, blau, grün«, hörte Kolbert sie sagen, »Hast du noch mehr Farben zu bieten?«
Doch Kolbert war müde geworden, seine Augen konnte er kaum noch offenhalten. Lena bemerkte das, gab ihm eilig seine Windel und zog ihn wieder an. Dann hob sie ihn vorsichtig auf und trug ihn zu seinem Bettchen. Kolbert spürte noch, wie sein Körper sanft auf der Matratze landete. Dann war er eingeschlafen.
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