„Ja, klar.“ Steffi setzte sich auf den Fahrersitz und öffnete von innen die Beifahrertür. Birgit wollte nach hinten klettern, als Henno ihr die Hand auf den Arm legte.
„Ich wollte dich nicht vom Vordersitz verdrängen!“
„Ach was, ich muss ja eh aussteigen, wenn du raus willst.“
Also setzte er sich neben Steffi. „Das nenne ich Glück! Mit der Straßenbahn wäre es jetzt schon unsicher gewesen. Ich weiß gar nicht, ob überhaupt noch eine fährt um diese Zeit.“
Steffi fuhr an und fragte: „Hast du dich schon eingelebt an der Technischen Uni?“
„Ja, eigentlich ganz gut. Allerdings sind wir etwas männerlastig. Frauen zieht es da nicht so hin.“
„Bei uns an der PH ist es genau umgekehrt“, lachte Birgit von hinten. „Die Arbeit mit Kindern und Teenies ist wohl nicht so beliebt bei euch Jungs!“
„Für mich könnte ich es mir nicht vorstellen“, gab Henno zu.
„Mein Vater hat auch an der TU studiert“, mischte Steffi sich wieder ein.
Damit weckte sie sein Interesse. „Architektur?“
„Ja. Er hat damit eindeutig seinen Traumberuf gefunden.“
„Nun, das ist auch mein Ziel. Oh, da vorne geht`s schon ab zur Luisenstraße! Du kannst mich hier aussteigen lassen.“
Steffi fuhr an die Seite und bremste ab. Er stieg aus und klappte den Beifahrersitz nach vorn, damit Birgit wieder nach vorn umsteigen konnte.
„Vielen Dank für diesen Mitfahr-Service. Ich hoffe, wir sehen uns bald mal wieder.“
„Das wird nicht so schwierig sein“, versetzte Birgit. „Man trifft ständig aufeinander in der Studiosusklause.“
„Ich werde es mir merken. Also dann – bis bald!“
Er winkte noch kurz zum Abschied und wandte sich dann um. Steffi blickte ihm nach, bis er in der Dunkelheit verschwunden war, dann fuhr sie weiter. Birgit gähnte plötzlich herzhaft.
„Ich muss mal wieder richtig ausschlafen. Gut, dass erst mal Sonntag ist.“
Später, als sie in ihrem Bett lag, fand Steffi lange keinen Schlaf. Das unerwartete Ende des Abends belebte sie, allerdings hatte sie auch das Gefühl, die kurze Autofahrt mit Henno nicht optimal genutzt zu haben. Irgendwie gelang es Birgit immer besser als ihr, mit Leuten locker ins Gespräch zu kommen!
Seufzend schob Steffi die Bücher zur Seite und las noch einmal, was sie bisher von ihrer Hausarbeit fertiggestellt hatte. Irgendwie fiel es ihr heute schwer sich zu konzentrieren, aber eigentlich war ihr der Grund dafür klar. Morgen war Samstag, und ihre Mutter erwartete ganz selbstverständlich, dass sie nach zwei Wochen wieder zu Hause aufkreuzte und das Wochenende mit ihren Eltern verbrachte. Sie wollte unbedingt mehr Wochenenden hier verbringen wie Birgit, doch das Gespräch mit Mutter scheute sie, da diese es immer wieder schaffte, ihr ein schlechtes Gewissen zu suggerieren, indem sie sie vorwurfsvoll und gleichzeitig tief traurig anschaute mit der unausgesprochenen Frage, wie die einzige Tochter denn nur so undankbar und familienfeindlich sein konnte.
Steffi beschloss in die Studiosusklause zu gehen, um sich abzulenken. Birgit war noch in einem Sportseminar und würde garantiert nachkommen, wenn sie fertig war. Samstag- vormittags saß sie jetzt regelmäßig bei Wertkauf an der Kasse und frischte so ihren Lebensunterhalt auf. Aus diesem Grunde fuhr sie gar nicht mehr mit nach Hause.
Aber ihre familiäre Situation war auch ganz anders als die von Steffi. Birgits Mutter war gestorben, als sie gerade neun und ihr Bruder Thomas elf war. Drei Jahre später hatte ihr Vater wieder geheiratet, und bereits ein halbes Jahr danach war ein Stiefschwesterchen da. Mit der neuen Frau konnten weder Birgit noch Thomas eine Beziehung aufbauen, und so empfand ihr Vater es durchaus als Erleichterung, dass beide ihr Studium nutzten, um sich vom Elternhaus zu lösen.
Steffis Mutter dagegen hatte in ihrer Tochter den ganzen Lebensinhalt gesehen, denn ihr Vater war als erfolgreicher Architekt immer beschäftigt. Die Familie schwamm im Geld, aber Zeit für ein gemeinsames Miteinander war Mangelware. So klammerte Frau Beck sich nach wie vor an Steffi und wollte nicht akzeptieren, dass diese inzwischen erwachsen war.
„Dieses Mal muss ich es durchziehen“, murmelte Steffi vor sich hin, während sie ihre Schreibarbeit auf die Seite packte.
Das Wetter war unfreundlich geworden. Heute war es feucht und kalt, ein richtiger Novembertag. Steffi fröstelte und beeilte sich, wieder ins Warme zu kommen.
Sobald sie den ersten Blick ins Kneipeninnere werfen konnte, entdeckte sie schon Babs, die missmutig vor einer Cola saß. Steffi ließ sich ihr gegenüber nieder.
„Was ist los?“ wollte sie wissen. „Hast du Ärger gehabt?“
Babs warf ihr einen raschen Blick zu und vertiefte sich dann wieder in ihr Getränk.
„Ist alles in Ordnung“, brummte sie.
„Das ist nicht zu übersehen“, konterte Steffi. „Komm, mir brauchst du doch nichts vorzumachen!“
„Also gut. Ich habe das Gefühl, mich ganz schön zum Affen gemacht zu haben.“
„Wie meinst du das?“
„Wegen Henno. Ich hatte doch tatsächlich angenommen, der Kerl macht sich etwas aus mir.“
Steffi schluckte. „Und jetzt glaubst du das nicht mehr?“
„Was heißt glauben? Ich weiß es! Nach meiner Party vor vier Wochen habe ich ja keinen Ton mehr von ihm vernommen. Habe mir eingeredet, er hat keine Zeit wegen seines Studiums und so. Aber heute bin ich mal zur Luisenstraße geradelt. Und während ich noch überlege, ob ich einfach klingeln soll kommt er doch tatsächlich aus dem Haus. Aber nicht allein! Eng umschlungen mit einer Blondine, die aus irgendeinem Starmagazin entsprungen sein könnte. Und als er mich sieht, ist er kein bisschen verlegen, sondern stellt mich vor als die liebe Babs, die ihn anfänglich ins Studentenleben eingeführt hat. Leider habe er grad gar keine Zeit, weil er, wie ich ja sehen könnte, sehr beschäftigt sei. Wir würden sicher mal wieder voneinander hören!“
„Hatte er dir denn irgendwelche Hoffnungen gemacht vorher?“
„Was weiß ich? Er war so nett und so zuvorkommend und hat mir das Gefühl vermittelt, er sei total gern mit mir zusammen. Aber wahrscheinlich habe ich mir alles nur eingebildet.“
Steffi seufzte. „Ich denke nicht. Eher scheint mir, dass er allen dieses Gefühl gibt.“
„Wie soll ich das denn verstehen?“
„Na ja, er ist einfach zu allen unheimlich nett und zuvorkommend. Birgit drückte sich in etwa so aus, dass er jedem das Gefühl vermittelt, die Hauptperson zu sein, aber sich nicht festlegen will.“
„Wie, ihr habt über uns gesprochen?“
„Nicht über euch, aber über ihn! Schließlich wird uns nicht jeden Tag so ein Typ vorgestellt.“
„Wohl wahr“, brummte Babs.
Als die Eingangstür aufging, blickten sie beide hoch und sahen Konrad hereinkommen.
„Kein Wort mehr davon“, zischte sie und setzte wieder ihr burschikoses Babs-Grinsen auf.
Er kam fröhlich an ihren Tisch und setzte sich. „Gut, dass ich euch treffe. Wir sollten uns am Wochenende mal zusammensetzen wegen unserer Arbeit. Ich habe einen Teil soweit fertig, jetzt müssen wir die Sache mal koordinieren.“
Das brachte Steffi wieder zu ihrem eigenen Problem zurück.
„Ich muss morgen nach Hause fahren.“
„Was, schon wieder? Du warst doch erst vor zwei Wochen.“
„Na ja, meine Mutter…“
„Mama klammert“, feixte Konrad, „Kannst du ihr nicht klar machen, dass unsere Arbeit wichtiger ist?“
„Ich komme Sonntag nicht so spät zurück. Vielleicht können wir dann an der Sache weitermachen.“
„Sonntagabend? Nicht optimal, aber wenn`s nicht anders geht. Wie sieht es bei dir aus, Babs?“
„Ist okay. Wir können uns ab 17.00 Uhr bei mir treffen.“
Wenige Minuten später kam auch Birgit mit einigen weiteren Kommilitonen herein. Das Gespräch driftete ab ins Allgemeine, worüber Steffi ziemlich froh war. Irgendwie hatte sie auch etwas zu verdauen….
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