Zum Warmwerden ein bisschen mainstream small talk , oder was?
„Ja, anfangs lief das ganz gut. Meine Eltern haben dank Nyereres Kampagnen, die sich ja ungewöhnlicherweise erstmal an Erwachsene wandten, erst richtig Lesen und Schreiben gelernt. Rechnen konnte mein alter Herr zwar vorher schon, hat jahrelang geschmuggelt, was das Zeug hielt, aber ...“ Bevor meine Kehle vom vielen Reden trocken wird, bringt eine Kellnerin zwei kühle Safari Lager.
Nach einem tiefen Schluck aus der Flasche fahre ich fort. „Dadurch, dass viele abseits siedelnde Familien zum Umzug in Dörfer bewegt wurden, wo Schulen und Gesundheitsstationen gegründet wurden, verbesserte sich die soziale Versorgung der Landbevölkerung ganz erheblich. Später aber gab es auch Zwangsumsiedlungen von Leuten, die ihre Felder und angestammte Umgebung nicht verlassen mochten. Dass die dann in ihrem neuen Dorf gemeinschaftlich wirtschaften sollten, hat nicht mehr gut geklappt, die Erträge brachen ein. Da hieß es, Nyereres ujamaa -Politik habe der ‚Agrarindustrie’ das Genick gebrochen – angesichts des embryonalen Entwicklungsstands unserer Landwirtschaft natürlich eine dümmliche Phrase. Pleite gegangen sind wir schließlich nicht durch Nyereres Politik oder gar deren Verstaatlichungen. Das traf gerade mal fünfzig Großbauern, ein paar Banken und Versicherungen“, erkläre ich meinem Gast aus Deutschland. „Bankrott ist Tansania seit dem elenden Krieg gegen Idi Amins Uganda 1979. Danach kam der IWF mit seinen Krediten und konnte uns praktisch alles diktieren ...“
„Ja, das weiß bei uns fast niemand, dass Tansania diesen Massenmörder gestürzt hat ... Prost!“ Petermann knallt seine Flasche „Safari“ gegen meine.
„Der hat sogar Mwanza bombardiert! Zwei oder drei seiner in Russland ausgebildeten Piloten sind da mit ihren MIGs aufgetaucht. Nyaucho, mein Vater, wäre damals fast eingezogen worden ...“ 1978, als der ugandische Diktator Amin den Nordwestzipfel Tansanias überfallen hatte, einen kleinen, ungemein fruchtbaren Landstrich bei Bukoba, und der Krieg ausbrach, war ich keine zehn Jahre alt. Alle in der Familie hatten große Angst, dass es zu einer „Generalmobilmachung“ kommen könnte – das Wort erinnere ich noch genau! Meinen deutschen Gastgeber hingegen, dessen Flasche schon halb leer ist, zieht es zurück zu seinem Museumsbesuch vom Mittag.
„Immerhin verschafften Nyereres Ideen Ihrem Land ein ungeheuer positives Image. Jahrzehntelang hatten Sie enormen Kredit unter Politikern im Norden. Nyereres Ideal einer gerechten und unabhängigen Gesellschaft, die auf ihre eigenen Kräfte setzt, verbreitete sich auf der ganzen Welt!“ Will der mzungu mir jetzt einen Vortrag halten? Petermann fährt unbeirrt fort: „Unterschätzt aber hat er zweifellos die weltwirtschaftlichen Kräfteverhältnisse, da war sein Traum wohl von Anfang an zum Scheitern verurteilt.“
„ Yes, Sir. Da treffen wir uns. Hab ich ja selbst erlebt, als unsere Textilfabrik wegen der vermaledeiten Altkleider, mit denen Sie unsere Märkte überschwemmen, Pleite ging ...“
„Ich dachte, daran war der IWF schuld?“
„Sie meinen, weil der uns zwang, die Schutzzölle abzuschaffen? Und unsere Fabriken zu privatisieren?“
„Ja, danach ging doch nichts mehr, oder?“
„Stimmt, das war der Anfang vom Ende ... Wäre aber ohnehin nicht mehr lange gut gegangen. Heute gehört alles den Chinesen.“
Ehe wir jetzt den ganzen Abend über Politik quatschen, wüsste ich allmählich schon ganz gern, worauf ich mich eigentlich einlassen soll. Auch mein Tagessatz sollte mal besprochen werden. Ein wenig ratlos suche ich nach einem verfänglicheren Thema, das aufs Wesentliche zielt.
Petermann kommt mir zuvor: „Danach haben Sie sich doch selbstständig gemacht, oder? Als consultant , richtig? Wie ist es Ihrer Firma denn ergangen?“
„Danke der Nachfrage.“ Nach meiner Entlassung – kurz vor Erhalt der Prokura für eine staatliche Textilfabrik! – blieb mir ja gar nichts anderes übrig. „Jemand, der seinen eigenen Besitz hat, braucht nicht den des Nachbarn“, wie man so schön sagt. Erst Petermann allerdings hatte mich auf die Idee gebracht, wie meine neue Selbstständigkeit vielleicht wirklich einmal zu ein klein bisschen „Besitz“ führen könnte. Als Berater wäre das nie etwas geworden, dazu fehlt es bei uns noch bis zu meinem Lebensende an Kunden, die Geld für lokale Expertise auszugeben in der Lage sind. Gibt schließlich genug ausländische Experten.
„ Sie , Jens, haben mir doch damals den Tipp gegeben: Habe meinen Laden umfirmiert!“ Guter Rat ist Glück, so heißt es. „Statt Wirtschaftsberater bin ich jetzt Detektiv. Läuft deutlich besser.“ Den letzten Satz hat mir Honorata beigebracht. Egal, wie die Wirklichkeit auch immer aussehen mag: Alles positiv darstellen! Besser als kein Geschäft ist jedes noch so kleine.
Außerdem lief es in den letzten Monaten wirklich langsam an: Vier, fünf Diebstahlsgeschichten in den Touristenhotels und neugierige Gatten untreuer Ehefrauen sicherten mir den Unterhalt. Zuletzt kam sogar die Polizei einmal auf mich zu, als es darum ging, die Schuldigen einer Serie von Babymorden ausfindig zu machen. An den Filtern der örtlichen Kläranlage waren wiederholt fürchterlich zugerichtete Neugeborene hängengeblieben, grundsätzlich Mädchen. In den anliegenden Siedlungen aber mochte niemand mit den Bullen sprechen. Als der öffentliche Aufschrei immer lauter wurde, wandte sich der CID schließlich in seiner Verzweiflung sogar an private Ermittler. Das aber war etwas für Lebensmüde: In einer Jauchegrube voll mahari -Scheiße, Aberglauben, Hexenverbrennung und Wahnsinn rumzustochern, überlass ich lieber den Bewaffneten. Da endet jeder Fahndungs-Erfolg schnell tödlich. Den Auftrag hab’ ich dankend abgelehnt.
Der Deutsche könnte jetzt mal zur Sache kommen, finde ich. Und tatsächlich setzt Petermann nun endlich an. „Freut mich, dass ihre Firma floriert! Könnten Sie sich denn trotzdem ein paar Tage für mich freimachen. Hannes?“
Wer sagt’s denn, jetzt geht’s ums Bezahlen. „Theoretisch sicher, Jens, hab´ schon mal im Kalender nachgeschaut. Aber ich muss ja auch Geld verdienen ...“
„Klar, diesmal bezahle ich Sie sofort. Waren ja außergewöhnliche Umstände, damals, sorry, dass das dann so lang gedauert hat. Wo liegt denn mittlerweile ihr Satz?“
Darüber hatte ich natürlich längst nachgedacht. „350.000 Shilling pro Tag sollten es schon sein“, sage ich prompt.
Nahm der Deutsche meine Forderung vor zwei Jahren, als er kaum eine andere Wahl hatte, diskussionslos hin, so scheint ihn der Betrag diesmal doch leicht zu verschrecken. „Waren es letztes Mal nicht nur Zweihundert?“
„Ja, aber sie vergessen die Inflation. Vor zwei Jahren war der tansanische Shilling fast dreißig Prozent mehr wert! Zudem hab ich mittlerweile auch deutlich höhere Kosten.“ Wie spärlich mein Ein-Raum-Büro in Moshi aussieht, muss der mzungu ja nicht erfahren.
„Wie? Haben Sie etwa Nachwuchs bekommen?“, überspielt der Deutsche seine Überraschung scherzhaft.
„Nein, das nicht. Ich bin und bleibe wohl der einzige unvermählte, kinderlose Sohn meines Vaters. Hat auch Vorzüge ...“ Jetzt könnte er mich ja endlich einmal höflich nach meiner Familie fragen. Dafür aber ist der mzungu schlicht zu ignorant. Stattdessen nimmt er die Verhandlung wieder auf.
„Kommt mir entgegen. Diesmal wird das Ganze nämlich eventuell etwas länger dauern und ziemlich teuer. Können wir uns nicht vielleicht in der Mitte treffen?“
„Dreihunderttausend pro Tag zuzüglich aller Spesen, und ich bin ihr Mann, Mister Petermann. Auf einen Vorschuss aber sollten wir uns einigen.“ Endlich zahlen sich Honoratas ewige Belehrungen einmal aus. „Und natürlich sollte ich schon noch etwas genauer erfahren, worum es eigentlich geht.“
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