Beide schweigen.
DASCHA: (wütend) Und jetzt? Was ist jetzt?! Ein Jahr später sitzen wir noch immer im Wartezimmer der Gerechtigkeit! Dieses beschissene Warten! Wie lange kann das denn noch dauern?
ILJA: Über die Wahlen reden sie schon lange. Irgendwann müssten die doch stattfinden.
DASCHA: (zynisch) Die Qual haben wir schon, jetzt fehlt nur noch die Wahl. Aber wer darf sich beklagen? Alle scheinen glücklich zu sein, außer dir und mir. Und wie heißt es so schön: „Die Stadt ist sicher, sicher ist unsere Zukunft!“
Beide lachen.
Spätnachts, die Stadt scheint zu schlafen. Ilja spaziert alleine durch die schmalen Gassen, ganz in Schwarz, seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Mit stillen, langsamen Schritten. Keinem Ziel versprochen versucht er, ungesehen zu bleiben. Die Straßen sind sauber und leer, keine Menschenseele ist anzutreffen. Von den großen Straßen hallen synchrone Schritte wider, an jeder Kreuzung surren die Kameras der Stadt, folgen jeder auch noch so kleinen Bewegung.
Ilja sucht die Schatten. In seiner rechten Hand ein Stück Kreide. Er schraubt alle Glühbirnen aus den Straßenlaternen und Hauseingängen und zieht einen Schleier der Dunkelheit hinter sich her. Die schmalen Gassen verschwinden in der Dunkelheit. Ilja atmet erleichtert aus. Jetzt schläft die Stadt wirklich.
Die Seitengasse führt zu einem kleinen, ruhigen Innenhof. Es ist nach 3 Uhr und alle Gasthäuser haben geschlossen. Nur wenige Personen torkeln durch die Gassen nach Hause. Die meisten meiden die großen Straßenadern, die sporadisch von lautem Gleichschritt beschallt werden.
Entschlossen klettert Ilja durch ein angelehntes Klofenster in eine Taverne. Seine Bewegungen sind routiniert, seine Beine finden trotz Dunkelheit ihren Weg durch das Lokal. Erst nachdem alle Vorhänge zugezogen sind, zündet er Kerzen an und geht zielstrebig zum Billardtisch. Auf dem Tisch stehend hebt er eine Styroporplatte aus der Zimmerdecke und holt einen Schlafsack, ein Handtuch und eine Zahnbürste samt Zahnpasta heraus. Ilja geht ins Klo. Nachdem er sich am Waschbecken gewaschen, sich die Schuhe ausgezogen und es sich am Billardtisch gemütlich gemacht hat, kramt er ein noch druckfrisches Exemplar der Stadtzeitung „New Times“ aus seiner Jacke hervor.
NEW TIMES:
Zonenbegrenzung im Endspurt: Mehr Sicherheit für die Stadt. Die Bürger atmen auf! Schon in zwei Wochen werden die Grenzen der einzelnen Zonen fertiggestellt, wodurch größere Sicherheit gewährleistet wird. Für alle Zonen sind jeweils zwei Kontrolltore geplant, die nur mit gültigem Identitätspapier (IP) passierbar sein werden. Damit soll bestmögliche Transparenz sichergestellt und die Kriminalität in allen problematischen Zonen gesenkt werden. Wichtige Information: Jeder Bürger ist gesetzlich dazu verpflichtet Identitätspapiere (IP) zu beantragen. Nur mit diesen kann die Mobilität und Bewegungsfreiheit innerhalb und außerhalb der Stadt weiterhin garantiert werden. Zur positiven Bearbeitung muss Aufschluss über Name, Adresse, Geburtsdatum, Beruf, Familienstand und Einkommensverhältnisse eingebracht werden. Die Stadt ist sicher, sicher ist unsere Zukunft!
Wütend schmeißt Ilja die Zeitung in die Ecke und sucht am Boden nach Zigaretten. Er findet zwei Zigarettenstummel, zündet sie mit der Kerze an und hält nach ein paar schnellen Zügen nur noch die Filter in der Hand.
Von draußen sind Stimmen zu hören. Schlagartig richtet sich Iljas Aufmerksamkeit auf die Eingangstür. Sofort bläst er die Kerzen aus und hält den Atem an. Drei oder vier Männerstimmen sind zu hören. Ilja beobachtet durch den Vorhangschlitz, wie sie die Straße entlanggehen.
Durch den Schlitz strahlt das Mondlicht. Im Schutz der Dunkelheit blättert Ilja durch die „New Times“ und bleibt gebannt bei einem Artikel hängen.
NEW TIMES
Warnung: Seit Tagen werden in den Zonen 4, 6 und 7 Sabotageakte gemeldet. Geschäfts- und Hausbesitzer beklagen sich über destruierte Straßenbeleuchtungen und mit Kreide beschmierte Hausfassaden. Die Exekutive hat angekündigt, ihre Präsenz in den betroffenen Zonen zu verstärken, um weiteren Eskalationen rigoros entgegenzuwirken.
Schmunzelnd legt er die Zeitung beiseite und sich selbst auf den Billardtisch schlafen.
ZORA: Ja? Hallo? Wer ist da?
ILJA: Ich bin’s. Ilja.
ZORA: (überrascht) Ilja?
ILJA: Ja, wirklich.
ZORA: (erfreut) Hallo! Guten Morgen! Was machst du hier? Was hat dich hierher verschlagen? Wie geht es dir?
ILJA: Kann ich …
ZORA: Ja, komm rauf! 3. Stock.
Das Haustor surrt, Ilja tritt ein. Es ist ein prachtvolles Gebäude in Zone 1. In der Lobby empfangen ihn bewaffnete Sicherheitskräfte und winken ihn auf Zoras Befehl zum Treppenhaus durch. Prunkvoller Marmorstein, das Treppenhaus hallt. Sie erwartet ihn in der Tür, sie umarmen sich wortlos.
Zora führt ihn durch die Wohnung, kommentarlos setzt er sich in einen der Ohrensessel im Salon. Sie nimmt vis-à-vis Platz und bietet ihm Tee an.
ZORA: (aufgeregt) Viel zu lange ist es her. Schön, dich zu sehen. Du siehst so … Deine Haare! Wann haben wir uns das letzte Mal …
Beide schweigen. Zora trinkt ihren Tee aus, schenkt sich nach. Ilja hat seine Tasse nicht angerührt, sein Blick kreist nervös durch den Raum. Unbehagen. Stille.
ZORA: (überschwänglich) Ich habe jetzt meine eigene Ordination! Unten im ersten Stock. Es läuft ganz gut, ich kriege laufend neue Patienten... Ich meine, für die Praxis läuft es gut. Die Patienten tragen schweres Leid mit sich … Versteht sich.
Ilja schweigt.
ZORA: Unlängst musste ich an dich denken, ein Satz eines Patienten hat mich an dich erinnert. Interessiert dich das überhaupt? (zögert) Tut mir leid. Wenn ich unsicher bin, dann rede ich wie ein Wasserfall.
Beide schweigen.
ZORA: Vielleicht kaufe ich mir eine Katze. Anastassi arbeitet rund um die Uhr, Kinder will er keine. Er meint, dafür sei er schon zu alt. Eigentlich ist seine Zeitung wie sein Kind. Katzen sind toll. Sie sind eigenständig, brauchen aber auch Nähe. Sie sind edel, aber eigentlich wild. Hast du deinen Hund noch?
Ilja schweigt. Zora wird ungeduldig, steht auf und schiebt ihren Sessel näher an Ilja heran. Sie sieht ihn direkt an, er weicht ihrem Blick aus. Zora greift nach seiner Hand, umschließt sie und fängt seinen Blick.
ZORA: Ilja, länger als ein Jahr lang höre ich nichts von dir. (zögert) Sprich mit mir. Warum bist du hier? Wie kann ich dir helfen?
ILJA: (zögernd) Wie schön es ist, jemanden von damals… Dich zu sehen … Ich freue mich für dich … und dein Leben. Du hast hart dafür gearbeitet und es dir schon damals so ausgemalt. Oder so ähnlich.
ZORA: Oder so ähnlich. (hält inne) Wenn ich ehrlich bin, habe ich mir große Sorgen um dich gemacht, nachdem das Centar… Ich bin wochenlang immer mittags zum Brunnen gegangen, in der Hoffnung, dich zu sehen. Niemand wusste, wo du warst, niemand wusste irgendetwas. Marija hat mir später anvertraut, dass du bei der Front warst.
Ilja lässt die Zuckerdose fallen. Zora hilft ihm, die großen Scherben zu beseitigen. Sie holt eine Schale, sortiert die Splitter aus und füllt den Zucker ein.
ILJA: Du kannst dir sicher vorstellen, dass ich nicht des Tees wegen gekommen bin. Zora, ich bitte um deine Hilfe. Ich wusste nicht, an wen ich mich sonst wenden sollte… (zögert) Ich sage es geradeheraus: Die Zonenbegrenzung kommt und ich brauche eine Meldebestätigung. Mir ist bewusst… Mir ist die Schwere der Bitte bewusst! Vielleicht erkennst du die Ausweglosigkeit meiner Situation.
ZORA: (verwundert) Eine Meldebestätigung? Demnach hast du weder Arbeit noch Wohnung. Wäre das eine vorübergehende Lösung?
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