In gemächlichem Tempo rollten die Amerikaner mit ihrem schweren Wagen durch die schöne Landschaft, wobei die wuchtigen Reifen auf das Kopfsteinpflaster trommelten und Ole bewusst wurde, wie viel von alle dem er damals als Junge gar nicht wahrgenommen hatte, weil es früher einfach so normal war. Heute mutete ihn alles winzig und peinlich schäbig an, deshalb mochte er gar nicht betonen, dass dieses einmal seine Heimat war. Und immer wieder kamen sie an Russenkasernen vorbei. Schäbige, heruntergekommene Einrichtungen mit zerbrochenen Fensterscheiben und von ewig langen, grauen hohen Mauern uneinsehbar umgeben, hinter denen man kein menschliches Leben vermutete. Vor den Einfahrten waren große Blechtore mit einem roten Stern darauf. Unterwegs stand hier und da ein schmächtiger Sowjetsoldat und schien zu winken, doch der Fahrer klärte seine Fahrgäste auf, das seien Streckenposten, die die Straßen zu sperren hätten, wenn eine Militärkolonne käme, aber die Kameraden mit der anderen Feldpostnummer hätten sie nicht zu fürchten – nicht mehr. Arme Schweine seien es und die winkten auch nicht, die bettelten um Zigaretten, meinte der Fahrer. Walter übersetzte, sonst würde Joe von all dem nichts verstehen. Ole besann sich auf sein bisschen Schulrussisch und verspürte das Bedürfnis, einen kleinen Soldaten anzusprechen. Er ließ halten, fuhr die Scheibe herunter und sagte freundlich auf russisch zu dem schüchternen Jungen:
„Guten Tag, wie geht’s?“
„Zigaretten?“ kam es zurück.
„Darfst du denn schon rauchen?“
Der Russe lachte nicht und wiederholte monoton:
„Zigaretten.“
Ole griff in seine Jackentaschen und holte eine Aluminiumkartusche mit einer seiner guten Zigarren heraus.
„Nicht doch“, meinte der Fahrer, „damit wisse der doch nichts anzufangen.“ Er reichte Ole mit den Worten, er habe noch mehr, eine DDR Zigarettenschachtel ‚f6’, und Ole gab sie dann dem Soldaten, der sich mit einem verlegenen Lächeln bedankte. Noch erstaunt darüber, dass sein amerikanischer Gast russisch sprach, reichte Walter von hinten dem Fahrer über die Schulter sogleich ein Fünfmarkstück für die Schachtel. Ole freute sich, als hätte er gerade ein paar Enten am Teich gefüttert. Seine beiden Begleiter beobachteten stumm, staunend den Vorgang aus dem Fond.
„Die Russen behandeln doch noch immer ihre Soldaten wie den letzten Dreck, wie Vieh, auch heute noch. Das müsstet ihr mal sehen, wie die hausen, nicht nur die Soldaten in den Kasernen auch die Familien in den schon seit Kriegsende besetzten Häusern. Da hat sich mit Sicherheit seit damals nichts geändert. Und wie die saufen! Und beim Militär wird auch noch geprügelt“, erklärte Ole seinen staunenden Begleitern und weiter: “Dabei fällt mir ein, in der Schule hing ein Transparent ’Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen’ . Seht ihr, und so sehen nun die Sieger aus.“
Ja, es hatte sich in all den Jahren wirklich nichts geändert. Den Amerikanern erschien alles so unwirklich, jetzt nach dieser stillen, historisch einzigartigen, Revolution in Ostdeutschland, sich mit dem ehemaligen Feind so auf Tuchfühlung zu bewegen. Es war für sie jedenfalls ein seltsames Gefühl, einfach hier seien zu können, so zu sagen im einstigen Feindesland.
„Das alles hier kann einen schon ein wenig depressiv machen“, meinte Walter schließlich nachdenklich, „so habe ich es mir nicht vorgestellt.“
Ole navigierte den Fahrer auf Umwegen nach Radow, ohne seinen Begleitern zu sagen, dass es einmal sein Heimatdorf gewesen war, und ließ ihn unten am See halten.
„Lasst uns ein wenig die Füße vertreten“, meinte er. Es war für ihn ein unbeschreibliches Gefühl, als freier Mensch diesen Boden wieder zu betreten. Er war überglücklich und fühlte sich als Feigling und zerrissen zugleich. Wie würde er reagieren, wenn er jetzt jemandem von früher gegenüber stünde. Unwillkürlich setzte er sich zur Tarnung Baseballkappe und Sonnenbrille auf. Es war ihm, als wäre er der Junge von damals, der zu spät nach Hause gekommen war, und eine Moralpredigt oder Prügel zu erwarten hatte. Nein, dieses Wiedersehen hätte er wohl doch besser alleine, ohne Begleitung planen sollen, denn er befürchtete, seine Gefühle nicht in den Griff zu bekommen.
Der kleine Ort schien wie ausgestorben, als die drei auf dem Kopfsteinpflaster hinauf zu seinem Elterhaus am Ende der Dorfstraße spazierten, wo sie kurz verweilten, und Ole unauffällig mit Herzklopfen nach irgendeinem Lebenszeichen im Bereich des Hauses suchte. Nein, da war nichts. Und auch auf den Nachbarsgrundstücken konnte er niemanden entdecken. Doch auf dem Rückweg sahen sie, wie auf dem kleinen Friedhof gerade jemand zur letzten Ruhe gebettet wurde. Deshalb also waren im Dorf keine Leute anzutreffen. Die drei änderten ihren Kurs und steuern geradeswegs auf die kleine HO-Gaststätte zu, die ganz früher mal privat gewesen war, um dort einen kleinen Imbiss zu einzunehmen oder wenigstens eine Tasse Kaffee zu trinken.
An der Tür hing ein Schild: ‚Vorübergehend geöffnet’ . Ole registrierte auch hier fast keine Veränderung in all den Jahren, im Gegenteil, er empfand es jetzt nur noch viel schlampiger, und so war es auch. Auf der Terrasse standen einige Stühle und Tische angeschmuddelt kreuz und quer herum, in der Ecke ein vergammelter Sonnenschirm, der dort sicherlich schon überwintert hatte, und die Bodenplatten waren uneben und grün bemoost.
Der Gastraum mit seinen faden Neonleuchten an der Decke kam Walter vor, wie ein Lagerschuppen in dem man nur ein paar Tische und Stühle lieblos abgestellt hatte. Nein, da hatte die billigste Fernfahrerbude im mittleren Westen mehr Charme. Die Parolen an den Wänden aus der DDR Zeit, die Ole damals so albern empfunden hatte, waren allerdings nicht mehr da, nur an den hellen Stellen und den dunklen Rändern konnte man erkennen, dass sie all die Jahre überlebt haben mussten. Aber der Mief war geblieben. Ja, der Geruch war es, der Ole seine Erinnerungen gleich wieder lebendig werden ließen. Hier hat damals sein Vater in seiner Eigenschaft als kommunistischer Vorturner und Aktivist im Arbeiter- und Bauernstaat die politischen Phrasen gedroschen von Planerfüllung, dem sowjetischen Brudervolk, von Imperialisten und Kriegstreibern. Ja, das konnte sein Vater – aber saufen, das konnte er auch. Hier haben sie die sozialistische Internationale und ‚ Auferstanden aus Ruinen’ gebrüllt – und das besonders, wenn sie besoffen waren. Demnächst allerdings sollte Ole erfahren, dass das von seinem Vater alles nur Show gewesen war, aber im Augenblick empfand er es wie damals als äußerst primitiv.
Eine mollige Bedienung mittleren Alters mit blank gescheuertem Dress und fettem Hinterteil, die strähnigen Haare zu einer Art Pferdeschwanz zusammengeschnürt, nahm die elegant dunkel gekleideten Herren in Empfang:
„Wenn sie zur Beerdigung wollen, die ist da drüben“, und zeigte dabei in Richtung Kirche. Verdutzt über diesen unfreundlichen Ton blickten die drei die Frau wortlos an.
„Wenn sie essen wollen, wir haben heute kein Essen. Wir haben nur Beerdigungskaffee.“
Die Gäste schüttelten die Köpfe und murmelten so etwas wie einen Gruß, während die Frau ihnen den Platz anwies:
„Sie sind sicher von drüben?“
Dann sah sie Ole unvermindert an.
„Irgendwie kenne ich sie. Waren Sie schon einmal hier?
Ich vergesse kein Gesicht.“
Ole tat so, als verstünde er kein Wort und verzog auch keine Miene, weil er die Frau wieder erkannte, denn sie waren einmal gemeinsam in einer Grundschulklasse gewesen, kam aber nicht auf ihren Namen. War ja auch unwichtig. Als die drei sich setzten, kommandierte sie:
„Hier wird aber nicht geraucht!“
Walter staunte über den rüden Ton, Ole und Joe sahen sich belustigt an. Dieser Empfang war natürlich etwas für Oles Verfassung.
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