„Das ist Ole von gestern Abend. Er segelt auf dem großen Racer mit dem schwarzen Spinnacker und dem roten Adler drauf“, schrie ich stolz gegen die laute Musik an. Den kannten alle.
„Das ist der Brandenburger Adler“, erklärte Ole. Da hätte es bei mir ‚Klick’ machen müssen, denn nur der Eigner selbst dieser stolzen Rennziege würde wohl das Logo auf dem riesig großen Spinnacker auswählen. Sie hatten nun wieder ein tolles Thema und dann, wem denn wohl die Yacht gehörte.
„Irgend so ein verrückter Amerikaner“, lachte Ole. Darauf, dass er es selbst war, kam ich nicht im Traum. Dann stutzte ich:
„Die beiden Typen da hinten saßen doch gestern ein paar Tische weiter bis zum Schluss noch im Restaurant. Heute im Old Inn waren sie auch da und jetzt schon wieder und gaffen hier zu uns rüber. Die verfolgen uns, wir werden beschattet – Stasi oder so“, lachte ich.
„Nein, nein“, kam es scherzend von Ole zurück, „die gehören zu uns und passen auf, dass ich nicht zu viel trinke, damit ich morgen zur Regatta wieder fit bin.“
Jetzt musste ich aber die Story mit Harald vom Nachmittag zum Besten geben, die ja letztlich der Grund für das Gelage war. Harald war nämlich Eigner einer Zahnprothese, die ihm zwar keine Schmerzen, jedoch Kummer bereitet hatte, als sie sich infolge des Genusses von Erdnüssen zwischen den oberen Schneidezähnen zweigeteilt hatte. Seine Versuche, zunächst in Eigenleistung mit Bordmitteln, mittels Tesafilm, Kaugummi und so weiter, wenigstens optisch das Problem zu beheben, scheiterten, da sie den Anforderungen in der Praxis nicht gerecht wurden. So tanzten beim Sprechen die beiden Schneidezähne ständig auseinander und wieder zusammen, dass man sich verzückt mehr auf dieselben konzentrierte als auf das, was Harald mitzuteilen hatte. Sicherlich müsste doch in dem deutschen Seglertross irgendwo ein Zahnarzt dabei sein, hatten wir resümiert. Folglich wandte ich mich per Funk an alle Schiffe und schilderte Haralds Problem. Schon kam der erlösende Rückruf von Peter, der kurz nach unserem Ankerplatz fragte und wenig später mit dem Gummiboot heranrauschte. Er stürzte wie ein Erste-Hilfe-Sanitäter mit seinem Werkzeugkoffer aufs Schiff und setzte am Kartentisch mit gekonnten Eingriffen Haralds Kauwerkzeug wieder dauerhaft benutzbar instand. Als Honorar wurde ein Rumpunsch abends vereinbart, und da kamen wir gerade richtig. Nach Lage der Dinge allerdings artete die Honorarbegleichung zu einem Besäufnis aus, denn wie bei derartigen Gelagen meist üblich, so verpflichtete sich jeder der Anwesenden zu weiteren Revanchen.
Auch Ole empfand das Prothesendankfest so unkompliziert lustig und war wie ausgewechselt. Schließlich versackten auch wir mit den übrigen Sailors fürchterlich und verließen zum Schluss wie zwei Saufbrüder umgefasst, jeder noch mit einem Becher Rumpunsch in der Hand, dumme Sprüche lallend, die Open-Air-Bar. Mein Gast fand es ’great’. Plötzlich wurden unsere Schatten, die beiden Kerle, aktiv. Sie übernahmen meinen Part, hängten Ole in ihre Mitte, und als seine Beine nicht mehr wollten, pfiffen und sangen die Männer ein Marschlied, worauf auch Oles Beine wieder Tritt fassten. Ole hatte mir zuvor noch signalisiert, dass es sich um keine Entführung handelte und dass es schon O.K. sei mit den beiden. Beruhigt und vergnügt steuerten auch wir mit unserem Gummiboot unsere Kojen an.
Heimkehr des Republikflüchtlings
Der Thrombosebomber brachte uns von Martinique, wo wir unsere Charteryacht zurückgeben mussten, wieder nach Europa. Obwohl in meiner Abwesenheit recht viel Arbeit angefallen war, erfüllte ich Oles Wunsch, schon aus eigener Neugierde, und sah mich in Radow um. Auf den ersten Blick ein unscheinbares Bauerndörfchen in sozialistischem Grau aber wunderschön am See gelegen mit einer kleinen, recht reparaturbedürftige Kirche und einem romantischen Schloss auf einem herrlichen Seegrundstück. Hier und da verschandelte, für meinen Geschmack, DDR-Flickarchitektur die ländliche Idylle. Wenn man sich Derartiges weg dachte, so wäre es ein schönes Fleckchen Erde. Die Personen, nach denen ich mich erkundigen sollte, wohnten noch dort, so erfuhr ich, bis auf den Lehrer Heinz Kosche, der sei gestorben, ein Unfall. Und Ole Kosche? Warum ich danach fragte, der sei schon lange tot, und ich, wer ich denn überhaupt wäre. Die Frage machte mich ein wenig stutzig, ein entfernter Verwandter sei ich, ein Cousin zweiten Grades aus dem Westen. Seltsam das Verhalten, dachte ich – und wieso war er tot? Mochte sein, dass derartige Fragerei wegen der Stasischnüffelei in der Vergangenheit bei den Ossis noch immer Misstrauen verursachte.
Ich kabelte Ole meine knappe Recherche, und schon einige Tage später meldete er sich frühmorgens erneut:
„Da bin ich nun. Ich habe dir versprochen, dich in Berlin
zu besuchen.“
„Du bist in Berlin, seit wann?“
„Wir sind gestern Abend gelandet. Sehen wir uns heute Abend?“
„Tut mir leid, aber heute habe ich ein volles Programm. Das kann spät werden. Und morgen?“
Spontan wollte ich mich ein wenig interessant machen wegen angeblich wichtiger Termine.
„O.K., morgen Abend sieben Uhr im Hotel Adler.“
„Im Grandhotel Adler? Schön, ich freue mich, bis morgen“.
Dann kamen noch ein paar knappe Sätze und tschüß. Eigentlich war ich doch ein wenig überrascht, dass er Wort gehalten hatte und tatsächlich gekommen war. Zu häufig waren derartige Versprechen nur freundliche Gesten. Dass er im teuren Adler abgestiegen war, machte mich etwas stutzig. Hatte er damals auf Antigua mein Angebot doch nicht abgelehnt, in meinem Büroapartment zu schlafen.
Offiziell wollte Ole sich informieren, was an Volkseigentum der DDR durch die Treuhandgesellschaft versilbert und privatisiert werden sollte. Deshalb waren seine Sekretärin Ann und seine rechte Hand Walter mit gekommen und auch sein Freund Joe. Ole wollte sich dann mit mir absetzen und nach Radow fahren. Da ich aber keine Zeit hatte, musste er umdisponieren, und so beschlossen die vier, sich erst einmal einen Tag zu akklimatisieren. Eine Limousine mit Fahrer hatten sie schon von drüben gechartert, die sie durch die ehemalige DDR chauffieren sollte, um einen allgemeinen Eindruck zu bekommen. Ann zog es allerdings vor, einen Stadtbummel zu machen.
Ole saß vorn neben dem Chauffeur, ein mittelgroßer Mittfünfziger mit Teilglatze, die er unter seiner Schirmmütze verbarg. Man spürte, dass ihm die Dienerhaltung eines Profikutschers schwer abging. Mag auch sein, dass er aus dem Osten kam und in der alten Republik einen angenehmeren Posten bekleidet hatte. Er sprach kein Englisch und glaubte, amerikanische Touristen oder Geschäftsleute zu kutschieren, denn die drei Herren trugen dunkle Anzüge mit Krawatte. Sie sprachen Englisch, denn Ole wollte nicht, dass der Fahrer ihm möglicherweise die Ohren voll schwatzt. Hier und da brachte Ole ein paar deutsche Worte mit amerikanischem Akzent heraus, die der Fahrer entsprechend beantwortete wie ‚russisch Frau’ oder ‚Schwarzhändler Zigarretts’, wobei der auf irgendwelche Asylanten wies, die an bestimmten Stellen ihre Schmuggelware anboten. Joe und Walter im Fond kommentieren die schmalen, gewölbten Straßen, die hüpfenden, stinkenden Trabbis und die grauen Fassaden.
„Wir sollten hier Farbe verkaufen. Es ist alles so schrecklich grau in grau“, versuchte Walter Stimmung zu machen.
„Das verstehst du nicht Walter, Grau ist hier die ausgesprochene Modefarbe“, hielt ihm Joe lachend entgegen. Ole war nicht sehr gesprächig. Ihm schienen die Straßen unverändert seit damals zu sein und registrierte es kommentarlos.
Die Ränder des Kopfsteinpflasters waren ausgewaschen und von wunderschönen Alleebäumen gesäumt, keine Fahrbahnmarkierungen, wenige Verkehrsschilder, jedoch malerisch, wie die Kulisse in einem uralten Heimatfilm. Für Ole war es noch wie damals, als sie mit ihren Fahrrädern Ausflüge machten. Es hatte sich wirklich nichts verändert. Ihm war seltsam zu Mute und er versuchte seine Gefühle zu verbergen, denn dies alles hatte er einmal von Herzen geliebt. Nur heute gab es mehr Autos, meist Trabis, teilweise mit kleinen Anhängern, die ‚Klaufix’ genannt wurden, und Wartburgs mit ihren knatternden, stinkenden Zweitaktmotoren. Putzig anzusehen, wie sie jede Straßenunebenheit durchhüpften, wobei alle Autos die Mitte benutzten wegen der rund gewölbten Fahrbahn eben und den noch schlechteren Rändern. Kam ihnen ein Fahrzeug entgegen, flitzten sie schnell nach rechts, um wenige Sekunden später wieder auf der Fahrbahnmitte weiter zu sausen. Sicherlich würden all diese lustigen Vehikel bald ausgestorben sein, denn gelegentlich begegneten sie schon einem komfortableren ‚Westwagen’ mit neuem Ost-Kennzeichen und leuchtender roter, gelber, grüner oder blauer Lackierung, denn die Ostwagen waren in der Regel alle in Grautönen lackiert, eben in der DDR Modefarbe. In den Westländern gab es ja auch in der Landschaft und in den Orten etliche Bereiche, die weniger gepflegt waren, aber hier? Hier machte ja alles irgendwie einen schmuddeligen Eindruck. Es gab nirgends elegante Highlights, die dem Betrachter aus dem Westen Bewunderung abverlangte. Auch erhaltenswerte alte Bausubstanz bot sich ihnen durchweg in beklagenswert heruntergekommenem Zustand, wenn sie nicht schon einfach abgerissen worden war, wie die Baulücken zeigten, weil mit den geringen Mieterträgen keine Reparaturen möglich waren. In Amerika war ja auch nicht alles Glanz und Gloria, aber hier erzeugte die Fahrt bei den Besuchern nach kurzer Zeit schon etwas Deprimierendes, vielleicht auch weil man automatisch an die Bewohner dachte, die hier die ganze Zeit leben mussten, da sie in ihrer Republik eingesperrt waren.
Читать дальше