Perspektivlos stand er bei Kriegsende plötzlich vor einem existenziellen Scherbenhaufen. Er wurde entnazifiziert, wieder Lehrer, ein innerlich nicht überzeugter Kommunist und begann deshalb zu trinken. Er plapperte die Sprüche der neuen Obrigkeit und bat die Leute in Radow es ihm gleich zu tun, denn es wäre sicherlich vorteilhafter, wenn das Dorf gut da stünde. Man würde sie dann auch eher in Frieden lassen. Seine Frau Marlen unterstützte ihn, auch wenn ihre kritische Einstellung und die Torheiten der Kinder nicht selten einen politischen Drahtseilakt von ihm erforderten. Als Ole schließlich in den Westen türmte, schien es auch für Heinz Kosche zunächst keine Zukunft mehr zu geben, denn er hatte in seinem Suff Ole auf der Straße im Dunkeln nachgerufen: „Den Bengel bringe ich um.“ Einige im Dorf hatten sein Geschrei gehört, und das Gerücht ging um, er habe dem Jungen tatsächlich etwas angetan. Doch irgendwann wurde bekannt, dass in jener Nacht auch jemand auf der Flucht erschossen worden war. Aber das Gerücht jedoch wollte nicht verstummen, dass der Junge von Heinz beseitigt worden sei. Um ihn zu entlasten beteuerten Marlen und er gemeinsam, dass der Junge schwer erziehbar gewesen war, nicht kollektivfähig, und er für den Sozialismus nur nachteilig sein konnte, da sei sein Tod auf der Flucht doch das Beste für alle.
Ohne dass Heinz Kosche die Wahrheit erfuhr, wurde er fortan mit seinem schlechten Gewissen von der Stasi erpresst und zum informellen Mitglied, was bedeutete, dass er alle auszuspionieren hatte. Doch seine Berichte, die er verbotenerweise mit einem Durchschlag ausführte, waren alle so verfasst, dass sie niemanden ernsthaft belasten konnten. Heinz begann noch mehr zu trinken bis es schließlich zu dem tödlichen Unfall kam.
„Du hast mir überhaupt noch nicht erzählt, wie es dir in der ganzen Zeit ergangen ist, Ole. Wieso haben denn alle geglaubt, du seihst tot?“
„Die haben mich im Wasser nur angeschossen und verbreiteten wohl, ich sei tot. Aber darüber reden wir nachher noch mal“, lenkte Ole ab, denn er sprach, warum auch immer, äußerst ungern darüber. Außerdem spürte er wieder seine rastlose Unruhe.
„Ich bin heute Abend zum Essen verabredet. Es würde mich freuen, wenn du mich begleitest. Unterwegs können wir ja noch weiter reden und du kannst auch bei mir schlafen, wenn es später werden sollte, denn hier wartet doch ohnehin niemand auf dich.“
Felix zögerte einen Augenblick und überlegte.
„Meinst du wirklich? – Gut, warum nicht? In einem richtigen Hotel habe ich auch noch nie geschlafen. Ja, das machen wir.“ Felix zögerte, „und was kostet das?“
„Das kostet dich nichts. Ich lade dich ein. Du kannst bei mir schlafen“, antwortete Ole schmunzelnd. Felix freute sich, trank hastig seinen Kaffee aus und verschwand, um in seiner abgewetzten Aktentasche einen Schlafanzug, Zahnbürste, Rasierzeug, Handtuch und einige Toilettenutensilien zu verstauen, die ihm wichtig erschienen, wenn er in einem Hotel übernachten würde. Vorsichtshalber schrieb er noch einen Zettel ‚ Bin mit einem alten Freund über Nacht unterwegs ’, und stand marschbereit vor Ole, noch ehe der seinen Kaffee ausgetrunken hatte.
Die beiden Freunde stiegen ins Auto und fuhren Richtung Berlin, und als Felix nach einigen bewunderten Worten über das Gefährt wieder fragte, wie es tatsächlich damals war, begann Ole ein wenig zögerlich mit seiner Geschichte:
„An dem Abend, als ich damals abgehauen bin, war ich mit Elke im meinem Zimmer zusammen. Wie üblich war sie recht laut dabei. Wo Mutter war, weiß ich nicht, scheinbar war sie nicht zu Hause, jedenfalls glaubten wir es. Vater Heinz kam mal wieder betrunken heim, was wir im Eifer des Gefechts nicht bemerkt hatten und stand plötzlich bei uns im Zimmer und wollte sich mit irgendetwas in der Hand auf mich stürzen, doch ich war schneller, und er fiel, besoffen wie er war, auf mein leeres Bett, denn Elke hatte sich auch schon an ihm vorbei in ihr Zimmer verkrümelt und eingeschlossen. Als er nun im ganzen Haus nach mir suchte, schlich ich zurück in mein Zimmer, zog mich rasch an und schnappte die Tasche mit meiner ‚Ausrüstung’, die ich schon lange für unsere Flucht vorbereitet hatte, den alten Gasmaskenbehälter, in dem mein Ausweis und alle Papiere waren, Karten und auch das alte Empfehlungsschreiben, das ihr damals von Fritz bekommen hattet, und dann verschwand ich durch das Fenster.“
„Denn hattest du das alles ja schon lange geplant“, unterbrach ihn Felix.
„Genau, das hatten Elke und ich gemeinsam geplant und uns geschworen, niemandem etwas davon zu erzählen. Du warst damals so happy, dass wir immer so aktiv beim Sprachunterricht des Schulfunks teilgenommen haben. Nun kennst du den Grund.“
„Elke hat aber nachher auch nie darüber gesprochen.“
„Wie sollte sie auch? Einerseits hätte sie gegen unseren Schwur verstoßen, und andererseits hätte sie dich möglicherweise verletzt oder sogar mit reingezogen.“
Felix blickte eine Weile nachdenklich durch die Seitenscheibe in die vorbeiziehende Natur.
„Elke hat viel geweint, sehr viel, besonders, als sie merkte, dass sie schwanger war. Und als sie es schließlich Marlen anvertraute, da haben wir gemeinsam einen Weg gesucht, und sie ist dann trotzdem weiter zur Schule gegangen, und nach der Geburt hat sie noch ihr Abi gemacht. Marlen hat sich dann um das Kind gekümmert, damit Elke ihre Ausbildung machen konnte. Sie hat sich in der Zeit sehr verändert und war nicht mehr so ein verrücktes Huhn wie sonst. Aber mit der Zeit fing sie sich wieder. Am Meisten hat sie wohl darunter gelitten, dass du nicht mehr da warst“, meinte Felix schließlich und es klang fast etwas vorwurfsvoll.
„Das tut mir leid. Ich habe aber wirklich nichts geahnt“, entschuldigte sich Ole und „wen hat sie denn als Vater angegeben?“
„Das war auch noch so eine Geschichte. Da du ja offiziell ein Blutsverwandter warst, hätte man sicherlich auch noch deine Eltern wegen Aufsichtsverletzung zur Rechenschaft gezogen, auch wegen Kuppelei. So hat sie dann angegeben, dass sie häufiger als einziges Mädchen mit mehreren Jungen aus dem Heim gleichzeitig zusammen war. Als man die Jungen dann befragen wollte, hat sie gesagt, dass es im Ferienlager an der Ostsee genau so mit mehreren abgegangen sei. Und wie sie nun als absolut haltloses Mädchen da stand, hat man an dich, ihren Bruder überhaupt nicht mehr gedacht. Wir konnten gerade noch verhindern, dass sie nicht in ein Heim gesteckt wurde, wo man ihre sexuelle Triebhaftigkeit besser unter Kontrolle hätte.“
Ole war verstummt, darum begann Felix wieder:
„Na ja, du bist also zu Hause abgehauen und dann?“
„Dann bin ich mit dem Rad an die Stelle gefahren, die Elke und ich schon vorher ausgekundschaftet hatten, denn nach dem Mauerbau sind wir viel herumgefahren und haben nach einer günstigen Stelle gesucht. Wir haben verschiedentlich auch mit den Grenzern gesprochen und mit denen ein bisschen rumgeblödelt, denn die waren ja doch auch nicht viel älter als wir. Aber ständig wurde alles noch sicherer gemacht, und wenn wir erneut zu bestimmten Stellen kamen, die wir als Fluchtweg in Erwägung gezogen hatten, sah wieder alles ganz anders aus, bis wir schließlich nur noch eine Möglichkeit sahen, wir müssten durchs Wasser. Deshalb hatte ich auch den alten Gasmaskenbehälter für die Papiere genommen.“
Oles Stimme klang jetzt, als wolle die ganze Kühnheit von damals vermitteln. Noch nie hatte er jemandem seine Geschichte so erzählt. Doch seinem alten Freund Felix, der ihm fast noch den Hintern als Baby abgewischt hatte, dem mochte er sich offenbaren, wohl auch, dass ihm auch nach der Rückkehr in die alte Heimat jetzt ein Stein vom Herzen gefallen war, und so plauderte er weiter:
Читать дальше