„Was ist mit dir und Elke? Ich dachte immer, du wolltest was von ihr, weil du sie ständig bemuttert hast und mich nur ihretwegen akzeptiert hast“
Felix wurde ernst und sah Ole dabei in die Augen.
„Elke und ich, das ging nicht. Heute, wo dein Vater Heinz tot ist, kann ich es dir sagen. Elke ist meine Tochter. Es weiß aber niemand außer uns. Ich war damals siebzehn und deine Mutter eine erwachsene Frau.“
„Was, du und meine Mutter? Das kann doch nicht wahr sein!“
„Doch, warum soll ich dir hier Geschichten erzählen? Aber vielleicht ist es jetzt der richtige Zeitpunkt, dass du es erfährst.“
„Elke ein Kuckucksei. - Ist sie dein einziges Kind?“
„Ja. Ich glaube, ja“, und wieder war da sein bübisches Lächeln.
„Das bedeutet, dass Elke die Mutter deiner Enkeltochter ist? Aber wer ist denn der Vater deiner Enkeltochter?“
„Du hast aber eine lange Leitung! Junge überleg doch mal, sie hatte bis heute keinen Vater, weil alle glaubten er sei tot. Und jetzt?“
Ole verschlug es die Sprache. Er ließ sich zurück ins Sofa fallen, wobei Felix ihn erwartungsvoll ansah.
„Dann ist also damals doch etwas passiert?“
„Natürlich. Ihr beide konntet ja nie genug bekommen, und dann ist eben ein kleines Kerlchen vom ersten Schuss beim zweiten Angriff auf die Wanderschaft gegangen.“
„Heute bin ich auch schlauer“, sagte Ole nachdenklich, wobei die schönen Stunden mit Elke von damals kurz an seinen Augen vorbei zogen.
„Dann war sie also schwanger, als ich abgehauen bin? Das habe ich bestimmt nicht gewusst. Für euch war es sicherlich ein Drama?“
„Es hielt sich in Grenzen. Ich glaube, sie war schon im vierten Monat, als sie sich schließlich deiner Mutter anvertraut hat. Wir haben alle zusammen gehalten und die Kleine gemeinsam großgezogen“, antwortete Felix fast sachlich. Doch dann nahm Ole das Bild von der Wand und fiel seinem Freund um den Hals.
„Ich bin Vater! Ich habe eine Tochter! Das gib es nicht! Wie heißt meine Tochter?“
„Violetta.“
„Violetta?“
„Ja, nachdem du damals verschwunden warst, kam Elke ständig hier her, ging stumm nach oben in die Mansarde und spielte stundenlang die verkratzte La Traviata Platte und verschwand wieder, bis Marlen mir irgendwann anvertraute, dass die kleine Elke schwanger sei.“
Ole konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann er zuletzt Tränen in den Augen gehabt hatte, und jetzt war er den ganzen Tag am Heulen. Ihm wurde bewusst, wie gefühlsarm er all die Jahre nur den Geschäften nachgejagt war. Gut, er hatte sich auch viel Zeit für Muße genommen und über alles Mögliche nachgedacht, vor allem, wenn er mit der Segelyacht unterwegs gewesen war, aber die Gefühlsregungen der letzten Tage waren ihm völlig fremd geworden. Plötzlich war er Papa, sein Freund Opa, und dazu war er sozusagen auch noch sein Schwiegervater. Am liebsten wäre er da allein, um mit sich ins Reine zu kommen, aber nein, das ging nicht und er bemühte sich, cool zu bleiben und sich abzulenken.
Ausgehend davon, dass er bei Felix keinen Espresso bekommen würde, fragte Ole nach einer Tasse Kaffee als Abschluss der vorzüglichen Suppe. Felix warf noch etwas Holz ins Herdfeuer, setzte den Wasserkessel auf und bereitete konventionell zwei Tassen guten Bohnenkaffee zu, denn der war für die Ossis jetzt nach der Wende immer noch etwas Besonderes. Nachdenklich saß Ole zurückgelehnt mit verschränkten Armen wieder am Küchentisch und beobachtete Felix, wie scheinbar zufrieden der alte Mann so einfache Dinge verrichtete und ertappte sich dabei, wie er im Gedanken schon wieder alles umkrempeln und modernisieren wollte. Schließlich stellte Felix die beiden Kaffeebecher, Ole schwarz, Felix mit viel Milch, auf den Tisch.
„Wollen wir uns bei dem schönen Wetter nicht draußen auf die Bank setzen?“
„Natürlich“, stimmte Felix zu.
Die Bank hinter dem Kutscherhaus mit Blick nach Westen über den See, war damals schlechthin das kleine Kommunikationszentrum für die Leute im und um das Kutscherhaus. Hier wurde auch schon ausgesprochen, was weder im tausendjährigen Deutschen Reich noch in der Deutschen Demokratischen Republik nicht einmal gedacht werden durfte. Hier wurde philosophiert, geträumt und gehofft, geliebt und geweint. Hier saß auch schon die jüdische Familie, die die Jodelts im Keller versteckt hatten, bevor man ihnen zur Flucht über Schweden nach Amerika verhalf. Immer wieder hatten die damals bei Sonnenuntergang sehnsuchtsvoll in die Abenddämmerung rezitiert: „Da, wo die Sonne unter geht, da ist Amerika.“
Da wollten sie hin. Fortan sollte dieser Satz Ausdruck sein für das vergebliche Verlangen aus dem staatlichen Getto in die Welt zu fliegen. Auch bei Elke und Ole hatte Felix die Sehnsucht geweckt, waren hier dem Fernweh verfallen und paukten Englisch mit Felix, ohne ihm zu sagen, dass sie es sich fest vorgenommen hatten, sobald sie volljährig wären, wollten sie ihre Reisepläne realisieren und abhauen. Doch dann kam die Mauer.
„Ich habe nicht geglaubt, dass ich hier noch einmal mit dir sitzen würde“, sagt Felix, als er das Tablett mit den Kaffeebechern auf den roh gezimmerten Tisch stellte.
„Ich auch nicht“, kam es von Ole zurück, wobei er erleichtert daran dachte, dass ihm heute doch eine alte Last vom Herzen genommen worden war und nur gut, dass er mit niemandem über seine albern ängstlichen Gedanken zuvor gesprochen hatte. Felix machte ihm die Rückkehr wider erwarten so leicht und schenkte ihm darüber hinaus noch eine Tochter, dazu noch eine so hübsche. Wie Elke und Violetta wohl auf seine Heimkehr reagieren würden, doch Ole lenkte sich ab:
„Woran ist eigentlich Mutter gestorben?“ fragt er nach einer Weile.
„Sie hatte Krebs.“
„Und mein Vater?“
„Dein Vater hatte einen Unfall mit dem Fahrrad unten im Dorf und ist mit seinem Kopf so unglücklich auf einen Stein geschlagen, dass er sofort tot war. Er war ziemlich betrunken.“
„Ja, ja, er war häufig blau, und dann konnte er ein unberechenbarer Tyrann sein“, antwortete Ole ruhig.
„Wir alle haben ihn aber doch ein wenig verkannt. Deine Mutter hat nach seinem Tod seinen Nachlass studiert, denn er hatte sehr viel, auch Vertrauliches, aufgeschrieben und in den Sockeln seines Schreibtisches versteckt. Er war zunächst wegen seiner Nazivergangenheit, und dann nachdem du rüber gemacht hast, gezwungen worden, als Informant für die Stasi zu arbeiten. Das wusste natürlich keiner. – Aber letztlich wirklich verraten hat scheinbar auch niemanden.“
Der Dorfschulmeisters Heinz Kosche war schon als junger Mann vor der Machtübernahme ein Anhänger der neuen, starken politischen Bewegung. Ein überzeugter Nazi wurde er 1933, als er zum Reichsparteitag nach Nürnberg reiste und entflammt zurück nach Hause kam. Endlich war da einer, der nach dem Wirrwarr der vergangenen Jahre alles im Griff zu haben schien, einer der das sagte, was alle dachten, und der das internationale Judentum für alles verantwortlich machte. Er vermittelte dem Volk ein Feindbild, er vermittelte ihnen nach der Schmach des Krieges wieder den Stolz, Deutscher zu sein und eroberte ihre Herzen, denn Schuld waren nur die anderen. Und die Menschenmassen, die dem Führer enthusiastisch und voller Ergebenheit zujubelten, mussten einfach jeden mitreißen, der eigentlich noch zögerte.
‚Deutschland erwache’ war für Heinz Kosche als preußischer Beamter fortan auch das Zauberwort. Die Erfolge der ersten Jahre gaben seiner Einstellung Recht und die menschenverachtenden Negativgerüchte war jüdische Hetzpropaganda, soweit sie überhaupt zu ihnen aufs Land drangen. Plausibel hingegen waren die gut aufbereiteten Losungen. Als das Ende nahte, als die Hiobsbotschaften sich überschlugen, als Tod und Trauer den Alltag bestimmten, als das Gemunkel über Massenvernichtungslager nicht verstummte, da klammerte sich Heinz noch an das Versprechen seines geliebten Führers, an den Endsieg mit der Wunderwaffe. Heinz Kosche war ein Mitläufer, einer von vielen, die zwar niemandem direkt etwas zuleibe getan hatten, aber sich bedingungslos im Netzt der massiven Propaganda verfangen hatten.
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