Einmal tobtet ihr ziemlich wild, und im Abteil saß außer uns nur eine junge Frau, die störte sich nicht an euch und erzählte, dass sie aus Skandinavien sei und dass Kinder dort viel mehr dürften als hier.
„Seit Pipi Langstrumpf?“, fragte ich.
„Schon immer“, lachte sie.
Nein, ich bin nicht der Meinung, dass Deutschland ein besonders kinderfreundliches Land ist. Vieles hier stimmt, aber vieles eben auch nicht. Viele Restaurants haben eine Kinderkarte und geben zu den Menüs ein kleines Geschenk, aber meist beschränken die Speisen sich auf Hähnchen-Nuggets mit Pommes, Hähnchenschnitzel mit Pommes oder Spaghetti Bolognese. Bei Nordsee dann gibt es Fisch mit Pommes, in manchen Restaurants Frikassee mit Reis, das war es auch schon. Warum dann eigentlich nicht gleich zum Original, zu jenem Geschäft, das die Kindermenüs mit Geschenkbeilage erfunden hat? Da stört man sich noch am wenigsten daran, wenn Kinder toben, und kein Kellner rollt mit den Augen, wenn eine kinderreiche Familie hereinkommt.
Nein, Deutschland ist nicht sonderlich kinderfreundlich: Fast hätten wir unsere Wohnung wegen des Lärms verloren, nur ein guter Anwalt konnte das verhindern. Sicher waren wir zu laut, und meine dauernden Streitigkeiten mit deiner Mutter waren für die Nachbarn nur schwer zu ertragen (und für euch auch). Aber die Frau über uns klopfte schon gegen die Decke, als ihr geboren ward und nachts weintet. Sie selbst hat keine Kinder. Viele deutsche Frauen wollen und haben keine Kinder. Haben sie alle Nina Hagen gehört: „Warum soll ich meine Pflicht als Frau erfülln?“
Zum Glück hielt uns unsere Vermietergesellschaft den Rücken frei. Aber vor Gericht bekam uns die feindliche Mieterin dennoch. Das war eine Erfahrung! Sie hätte uns zusammenschweißen können, hat sie auch, aber das hielt nur kurz. Und vors Jugendamt hat uns die Frau gebracht. Irgendwie bissen sich alle an uns fest. Mir ging es immer schlechter in dieser Zeit, der Druck nahm zu. Unsere Streitereien nahmen zu. Ich sah keinen Ausweg. Ich wollte mir eine kleine Wohnung als Fluchtpunkt mieten, fand aber keine. Hätte ich weitere Entwicklung geahnt, hätte ich eine genommen, auch eine teurere, so viel ist sicher. Denn nichts ist so teuer wie ein Rosenkrieg, der in immer neue Runden geht.
Vielleicht hätte ich so Schlimmeres verhindern, hätte mir einen Fluchtpunkt, eine Rückzugsmöglichkeit schaffen können.
Oder vielleicht auch nicht? Ich hatte nun, vor rund drei bis vier Jahren, das Gefühl, den Einfluss auf die Dinge immer mehr zu verlieren. Besonders auf deine Mutter. Die regte sich schon morgens auf, und dann beruhigte sie sich gar nicht mehr. Unzählige Beleidigungen habe ich in den letzten Jahren von ihr erfahren. Und umgekehrt habe ich ihr auch viel Unrecht getan. Es macht wohl keinen Sinn, das gegeneinander aufzurechnen. Das Kapitel Groham-Ehe ist abgeschlossen. Weitere Kapitel wird es nicht geben.
Irgend etwas hatte sich mit der Geburt von Domi und dir geändert. Das soll aber nicht heißen, dass ihr an etwas schuld seid. Nein, das dürft ihr niemals denken. Mich wundert nur, dass sich die Dinge so zum Schlechten verändert haben. Eigentlich sollte es das größte Glück sein, zwei Kinder zu bekommen. Eigentlich sollte dann alles gut werden, und dieses Glück sollte die Eltern untrennbar verbinden. Beide sollten das Beste wollen und sich mit Respekt behandeln.
Ich habe eine Postkarte mit dem Konterfei von Clint Eastwood darauf gefunden und dem Zitat: „Eine Frau will von einem Mann das gleiche wie ein Mann von einer Frau: Respekt.“ Ich denke, das ist zwar nicht alles, doch aber ein ganz wesentlicher Punkt. Ein wenig mehr Respekt für meine Arbeit im Job, für die zu Hause und für die Beschäftigung mit den Kindern hätte ich mir schon gewünscht. Und deine Mutter hätte ich mehr akzeptieren müssen in der Art, wie sie war, selbst wenn mir vieles daran nicht gefiel.
Alles hätte super werden können, und dann wurde es das Gegenteil. Das ist ja das Verrückte: Wird man in einer Paarbeziehung beleidigt, dann hört man sich das ein paar Mal an, schließlich ist es genug, man beendet die Beziehung und geht. Nicht so, wenn Kinder da sind: Keiner will sie verlieren, also hält man die Beleidigungen aus. Jedenfalls tut man so. Unter der Oberfläche aber gärt es. Irgendwo muss der Druck hin, der entstanden ist. Irgendwann wehrt man sich und beleidigt nun ebenfalls, würdigt den anderen herab. Aus diesem Kreislauf sind deine Mutter und ich nicht mehr herausgekommen.
Ich hielt das oft nicht mehr aus, flüchtete aus der Wohnung, oder kam erst spät von der Arbeit zurück. Ich blieb lange im Büro, oder ich fuhr ziellos mit Bus und Bahn durch die Gegend, bis dorthin, wo der VRR und damit die Gültigkeit meines Tickets endete.
Spät abends kam ich zurück; deine Mutter war dann schon innerlich geladen und begann gleich mit Vorwürfen - abends, wenn ich meine Ruhe wollte, um am nächsten Tag wieder fit für die Arbeit zu sein. Wenn das Haus, in dem wir wohnten, zur Ruhe kam, dann wurde es bei uns laut. Fast jeden Abend, meist bis in die Nacht hinein. Nach Jahren, die ich in diesem Zustand des ständigen Streits und der ständigen Beleidigungen verbrachte, war ich nicht mehr derselbe. Ich wusste mir nicht mehr zu helfen. Ich suchte Rat bei Experten und Anwälten. Ich machte den Fehler, nicht für die Familie zu kämpfen, sondern gegen deine Mutter.
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