Auf dem Gang angekommen zeigte sie ihm die leuchtende Schrifttafel. Er wunderte sich, dass er sie vor dem Eintreten und beim Warten nicht wahrgenommen haben sollte und konnte kaum glauben, dass sie tatsächlich schon dort angebracht gewesen sei. Freunde und berufliche Kollegen kannten ihn als umsichtigen, sorgfältigen und konzentrierten, manchmal auch nachdenklichen Menschen, weniger als verträumt, als einen, der sich gerne auch mal mehr Zeit nahm, wenn dies notwendig war, bessere Lösungen zu erbringen. Sollte er sich so sehr auf die Tür und das bevorstehende Interview konzentriert haben, dass er das Schild einfach übersehen hatte? Es hing deutlich sichtbar knapp über der Tür.
Er war sichtlich aufgeregt und fragte etwas besorgt, ob sein ungeschütztes Betreten des Labors ihm gesundheitliche Probleme bescheren konnte. Er empfand es, entgegen der Befürchtung der jungen Frau, als beruhigend, als sie ihm antwortete, dass die Schutzmaßnahmen dazu dienten, Staub von den, wie sie sagte, sehr empfindlichen Geräten und Materialien fernzuhalten, und dass sein Verhalten hoffentlich die Ergebnisse des laufenden Laborversuchs nicht verfälschte. Die Forscherin hatte inzwischen Schutzbrille und Schutzmaske abgelegt, und auf Markus Nell machte sie nun einen ungleich sympathischeren Eindruck.
„Entschuldigen sie, ich hab's wohl einfach übersehen“, meinte er, und er hörte sich dabei sehr unsicher an, als glaube er seiner eigenen Aussage nicht.
„Wo wollten sie denn überhaupt hin?“, fragte die Frau, die ihm nun noch jünger erschien, da sie ihr Gesicht offen zeigte und ihr hoch aufgestecktes Haar löste. Er wiederholte, was er bereits dem Pförtner gesagt hatte und fügte dessen Raumangabe hinzu. „Das ist doch Raum fünfzehn, Gang vier, oder nicht?“
Sie setzte ein verwundertes Gesicht auf und bat ihn, vor Raum acht zu warten, sie gebe dem Professor Bescheid.
Markus Nell wartete vor Raum acht, sehnte sich nach einem Interview mit einem Sänger, Schauspieler oder anderen netten Menschen, wo Leuchtschilder, wie beispielsweise vor den Schauspielergarderoben im Theater, klar sichtbar waren. Er bekam leichte Kopfschmerzen und war nervös. Er malte sich aus, wie der Mann aussehen würde, vielleicht mit weißem Kittel und langen grauen und verzottelten Haaren und korrigierte dann seine eigene Erwartung darin, dass nicht jeder Forscher wie Einstein aussehen müsse.
Nach etwa fünfzehn Minuten öffnete ihm ein hagerer älterer Mann die Tür, entschuldigte die Umstände, in die Markus Nell geraten war und bat ihn herein. Der Naturwissenschaftler wirkte in dem Jogginganzug nicht wie unser Journalist ihn sich vorgestellt hatte. Zunächst grub Markus Nell einen Notizblock und einen Kugelschreiber aus seiner Umhängetasche hervor, nachdem er den angebotenen Platz genommen hatte. Er befand sich in einem spartanisch eingerichteten Arbeitszimmer. Es hingen keine Bilder an den Wänden und die vorhandenen Bücher ließen sich an einer Hand abzählen. Das Büro entsprach der von Markus Nell erwarteten Kulturlosigkeit. Sicher kannte Markus Nell einige philosophische Schriften von Naturwissenschaftlern, die er durchaus schätzte, wie beispielsweise von Einstein, von Heisenberg, Schrödinger oder von Prigogine, doch die Neigung jüngerer Naturwissenschaftler, sich mit philosophischen Fragen zu beschäftigen, schien nach seiner Erfahrung nachzulassen.
Professor Ding war überraschend gut vorbereitet, und Markus Nell wehrte sich gegen die aufkommende Vermutung, dass dieser sich auf das Interview eingestellt hatte, während er draußen warten musste. Er stellte einige allgemeine Fragen zur Entwicklung des Instituts, zu dessen Arbeiten und Ergebnissen, zu den Menschen, die darin tätig waren und zu Leben und Ansichten des Professors und hatte dabei das Gefühl, Wörter auszusprechen, die er am Mittag lediglich im Internet gefunden hatte und deren Bedeutungen ihm selbst nicht ganz klar waren. Professor Ding war einer der Gründer des Instituts, welches inzwischen mit anderen Instituten aus den Bereichen Physik, Biologie, Psychologie und Medizin zusammen arbeitete, und Professor Ding war stolz auf die Ergebnisse seiner Forschung. Er begann nach Markus Nells etwas ungelenker Frage, was aktuell geforscht würde, weiter auszuholen und es folgten Ausführungen über Thermodynamik, Entropie, die Flussrichtung der Zeit bei der Entstehung von Entropie, von Aufträgen des Verkehrsministeriums und dem Zusammenhang von Staubildung und Entropie, von Verhaltensforschung in Biologie, Psychologie und Medizin, von Gleichgewichtsprozessen im Gehirn, von der molekularen Zusammensetzung von Zellen und deren Entwicklung im Zusammenhang mit der Entstehung von Entropie, von der Erforschung des Alterns und welche Rolle dabei die Entropie spiele – und Markus Nell glaubte, in jedem Halbsatz das Wort Entropie zu hören, so dass er schon darüber sann, was sich darauf reime, und dass ein kurzer Hinweis auf so etwas wie Entropieforschung und eine dazu passende kurze Erläuterung den Vortrag des Professors für den Beitrag in der Zeitung ausreichend zusammenfassen könne. Schließlich konnte er sich so richtig nur noch an das Wort Entropie erinnern. Allzu gerne hätte Markus Nell vom Zusammenhang dessen, was der Forscher referierte, mehr verstanden. Stattdessen kam er kaum mit seinen Notizen nach und wünschte sich seit Jahren zum ersten Male wieder ein Diktiergerät zu haben. Es quälte ihn jetzt schon der Gedanke, dass er das Gespräch in der Redaktion noch in eine druckbare Fassung bringen musste. Die Ausführungen erinnerten ihn in ihrer Verständlichkeit an seinen Chemielehrer. Schließlich stellte er noch eine kritische und als solche unvermeidbare Frage, weil die Leser solche erwarteten, nachdem er kurz überlegt hatte, ob das wirklich notwendig sei und das Interview nicht unnötig in die Länge ziehe:
„Besteht bei all dem nicht die Gefahr des Missbrauchs?“
Er hoffte, dass Professor Ding nicht die Rückfrage formulieren würde, bei was genau er denn mit einem solchen Missbrauch rechnen würde. Doch kam nur eine ebenso allgemeine wie gewohnte Antwort, dass alles missbraucht werden könne, alle Erkenntnisse, und die Beispiele kenne Markus Nell sicher selbst. „Wenn Wissenschaft und Forschung nur vor einer solchen Drohkulisse betrachtet würden, dann könnte man sie auch ganz lassen, und das will doch sicher niemand.“
Jetzt hätte es doch noch philosophisch werden können, dachte Markus Nell kurz, zum Beispiel, dass Wissenschaft kein objektives Dasein friste und die Ausrichtung ihrer Inhalte diskursbedürftig seien, dass Wissenschaft als solche keine Entität sei, dass nach dem dahinter stehenden Interesse gefragt werden müsse, nach den Auftraggebern, aber das hätte ihm zu lange gedauert. Eine andere Frage interessierte ihn wesentlich mehr, außerhalb des Interviews. Nachdem er gegenüber dem Gastgeber das Ende des Interviews markiert und sich bedankt hatte, beschrieb er sein Missgeschick, das Labor unerlaubter Weise betreten zu haben und fragte den Forscher, ob dies für ihn gefährlich gewesen sei. Doch Professor Ding gab ihm die gleiche Antwort wie schon seine junge Mitarbeiterin kurz zuvor. Er versicherte ihm, dass im Labor das Untersuchungsobjekt gut geschützt sei und beruhigte ihn, dass alles wie geplant abgelaufen war. Sie verabschiedeten sich, und vor dem Gebäude angekommen war Markus Nell erleichtert, die Aufgabe hinter sich zu haben.
Er versuchte, seinen Cappuccino vor seinem Stammcafé am Bahnhofsplatz zu genießen. Er grübelte darüber, warum er vor dem Laborraum die Leuchtschrift nicht gesehen hatte. Einerseits ärgerte er sich über seine Unachtsamkeit, um sich dann wieder sicher zu sein, dass das Hinweisschild zumindest nicht geblinkt habe. Er hatte vorher schon ein ungutes Gefühl gehabt, dass irgendetwas schief gehen würde, und nun fühlte er sich bestätigt. Die Formulierung des Interviews verschob er auf eine ferne Stunde, erfreute sich an der Ruhe und beobachtete das Treiben auf dem großen Platz. Er versuchte sich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass er bei seinen Interviews schon merkwürdigere Partner, seltsamere Orte, gewöhnungsbedürftigere Tages- und Nachtzeiten sowie erstaunlichere Themen gemeistert hatte. Dann fiel er wieder in Zweifel, ob er dieses Eigenlob dem gerade Erlebten nicht deshalb vorschob, um möglicherweise aufkommenden Problemen aus dem Weg zu gehen. Er hatte leichte Kopfschmerzen und ein merkwürdiges, nicht beschreibbares Gefühl einer gewissen Orientierungslosigkeit, als befände er sich in einem Kino, und alles um ihn herum spiele sich wie in einem Film für ihn unzugänglich ab.
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