Patrik Bitter - 23 - Und Schnitt!

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Patrik ist 23 Jahre alt, als seine Welt zerbricht. Nach einer Reise auf die indonesische Insel Bali, raubt ihm eine mysteriöse Krankheit beinahe das Leben. Eine schwierige und ungewöhnliche Reise zurück ins Leben und zu sich selbst beginnt. Seine Suche führt ihn über Yoga und spirituelle Erfahrungen nach Indien bis hin in die Südstaaten der USA. Die autobiografische Geschichte schildert seinen Weg durch das und raus aus dem Leiden. Sie zeigt, wie und wo er seinen Glauben und Hoffnung wiedergefunden hat.

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Mit meinem Vater bin ich zu der Zeit einige Male angeeckt. Natürlich auch, weil er mich privat im Stich gelassen hatte. Gerade aber auch, weil er keine Ahnung hatte, wie ein Geschäft zu führen war. Eine dieser Situation blieb nachhaltig haften.

Wir waren eines Nachmittags in der Essener Innenstadt unterwegs. Ich weiß nicht mehr wieso, aber sowohl meine Mutter, als auch mein Vater waren bei mir. Mein Vater sagte im Zuge unserer Auseinandersetzung zu mir so etwas wie: „Ich habe ja nicht zwei Monate lang Urlaub gemacht.“

Das war für mich unglaublich verletzend und ich brach innerlich zusammen. Ich weinte und schrie ihn an. Meine Mutter gab mir daraufhin Halt und Trost.

Die Zeit plätscherte weiter so dahin und schon war der 21. Juli gekommen. Ich war zu Hause und gegen Mittag klingelte es. Ich war gerade am Kochen und Lin überraschte mich etwas. Sie hatte sich nicht verändert.

Weiterhin hatte sie eine unglaublich tolle Ausstrahlung. Ich konnte mich trotzdem kaum freuen. Wir unterhielten uns über das, was passiert war. Nach einigen Minuten lag ich weinend in ihren Armen. Sie tröstete mich. Über den Tag versuchte sie mich immer wieder aufzumuntern, doch leider vergebens. Sie hatte mir mehrere Geschenke mitgebracht: ein Bild von unserem White Water Rafting Trip aus Bali und ein Bild von Durga, einer der Göttinnen des Hinduismus. Sie stellte mir noch eine CD mit ihrer Lieblingsmusik zusammen. Sie verbrachte fast den gesamten Tag in Essen. Später waren wir noch gemeinsam mit meinem Vater und seiner Freundin essen. Sie wollte den Stomabeutel sehen. Für sie hatte es keine große Bedeutung. Vielmehr war sie inspiriert davon, dass ich das alles so überstanden hatte.

Es war ein trister Tag.

Der Mensch, den ich neben meinen Eltern vor dem Krankenhaus am meisten in mein Herz geschlossen hatte, kam zu mir nach Essen und ich konnte es nicht wertschätzen.

Nicht mal ein Lächeln konnte ich mir abringen. Wir verabschiedeten uns am Nachmittag am Essener Hauptbahnhof.

Wenige Tage später schickte sie mir noch per E-Mail einen Link zu einem Artikel über „Yoga bei Depressionen“ und zwei Fotos, die sie mit mir in Essen gemacht hatte.

In der Zwischenzeit war ich noch bei einem anderen Therapeuten. Ich erzählte ihm meine Geschichte und er zeigte sich verständnisvoll. Gerade, weil ich so einen Medikamentencocktail im Krankenhaus bekommen hatte, hielt er den Verlauf dort für plausibel. Mir ging es weiterhin hauptsächlich um meine Gedächtnisprobleme und meine Konzentrationsfähigkeit, die weiter beide unverändert schlecht waren. Unterm Strich war das Gespräch jedoch ernüchternd. Er hielt Medikamente für die einzige Option und wollte mir ein Antidepressivum verschreiben: Cipralex.

Das berichtete ich Lin. Ihre Reaktion war ebenfalls skeptisch. Sie sprach mir erneut Mut zu, zu kämpfen und weiterzumachen. Ich verzichtete auf weitere „Experimente“ mit Psychomedikamenten.

Etwas Ablenkung hatte ich dann doch. Die Olympischen Spiele in Peking fanden im August statt. Ich hatte in den Jahren zuvor Sport breit verfolgt und mit Recherchen, Analysen und Statistiken hatte ich gutes Geld verdient. Somit war ich den August über fast durchgängig beschäftigt – zwar weiterhin nicht glücklich, dafür aber nicht so viel am Grübeln.

Ein paar Dinge versuchten wir in den nächsten Monaten.

Zu den etwas skurrileren Versuchen gehörte der Besuch bei einem ägyptischen Heiler in Essen. Ich hatte auch tatsächlich was gespürt, denn von seinen Händen ging eine starke Wärme aus. Nachhaltig änderte das jedoch nichts.

Ich machte mich schlau, was es so an natürlichen Alternativen zur Stimmungsaufhellung gab. Ich probierte Johanniskraut aus. Jedoch kam ich zur Erkenntnis, dass ich auf Dauer mein Denken ändern müsste, damit sich meine Welt wieder aufhellt.

Die Firma wurde meine vorrangige Beschäftigung. Hatte ich noch Ende 2007 für mich damit abgeschlossen, war sie nun nach dem Verlust meiner körperlichen Integrität das Einzige, was mir von vorher geblieben war. Solange ich nur da saß und zusah, wie mein Vater und seine Freundin agierten, war die Situation entspannt. Ich erlangte aber nach und nach mehr von meiner Klarheit und meinem Selbstbewusstsein zurück.

Im Oktober spitzte sich die finanzielle Situation zu. Wir mussten uns unterhalten. Zunächst kam es zu zähen Verhandlungen zwischen mir und der Freundin meines Vaters. Sie war ebenfalls Geschäftsführerin und Teilhaberin und die Einzige von uns mit einem geregelten Einkommen. Ich wollte, dass wir einen Kredit beantragen, um die Firma neu auszurichten. So ging es nicht weiter:

Unsere Fixkosten überschritten unseren Gewinn Monat für Monat, wir verkauften fertige Produkte, die wir zukauften und unser Umsatz stagnierte. Die Verhandlungen mit ihr waren nervenaufreibend. Wir setzten einen Vertrag auf, dass mein Vater und ich das gesamte Risiko des Kredits tragen würden und noch viele andere Zugeständnisse zu ihren Gunsten. Als wir uns einig waren, war ich erleichtert. Alles war unterschrieben und ich hoffte, dass wir nun eine Lösung gefunden hätten. Ich machte meine Rechnung jedoch ohne sie. Am nächsten Tag informierte sie mich, dass ihr jemand davon abgeraten hätte.

Letztendlich war meinem Vater und ihr die Firma egal. Sie hatte neben der Textilfirma ihres Bruders und ihrem Chirurgenjob noch eine kleine, eigene Akupunkturpraxis und er war noch freiberuflich in seinem alten Job tätig.

So blieb mir nur, Geld aus meinen Reserven in die Firma zu investieren. Zunächst nur soviel, um die Firma am Laufen zu halten.

Mein Vater holte wenig später seinen Cousin zu uns. Er war knapp um die 50, und zuvor jahrelang Verkäufer für alles Mögliche: Unter anderem Wäschespinnen und Tonerpatronen. Jetzt war er langzeitarbeitslos und für uns aufgrund der Unterstützung vom Arbeitsamt eine günstige Arbeitskraft. Er kam mit großem Elan und einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein zu uns, die schon an Überheblichkeit grenzte. Er hatte viele Vorschläge, von denen ich viele aufgriff und so wieder anfing, produktiv zu arbeiten. So hatte seine Anwesenheit durchaus etwas Positives.

Lin meldete sich im Oktober auch wieder. Sie schickte mir ein Foto, auf dem sie einen großen Freudensprung machte, und forderte mich auf, ihr auch ein Bild zu schicken, auf dem ich einen ähnlichen Sprung mache. Ich konnte ihr nichts wirklich Positives berichten, außer ihr für das Bild und die Mail zu danken.

Dann passierte etwas, dass eine große Signalwirkung hatte: Stevia wurde in den USA offiziell als Lebensmittel zugelassen. Nicht die ganze Pflanze, doch einige Inhaltsstoffe. Nun war es klar, dass die EU-Zulassung nicht mehr so fern sein könnte.

Wir vertrieben Stevia seit 2003, und es hieß jedes Jahr, eine EU-Zulassung stünde bevor. Ohne eine Lobby war das wohl nicht möglich. Nun war die Lobby gegeben, denn in den USA hatten die Zulassung „Coca Cola“ und „Cargill“ tatkräftig angetrieben und die notwendigen Studien finanziert. Es war an der Zeit, die Firma neu auszurichten. Ich hatte eine klare Vorstellung, wie das auszusehen hatte:

Wir brauchten eine eigene Marke mit professionellem Aussehen. Produkte mit eigenen Rezepturen, für uns in Deutschland hergestellt. Eine Webpräsenz, die professionell und ansprechend wäre.

Dafür war nun mehr Einsatz nötig. Ich müsste auf mich selbst setzen. Eine riskante Wette.

Zum Jahresende kam dann noch ein weiterer Tiefpunkt in der Beziehung zwischen mir und meinem Vater hinzu.

Gerade nach diesem schweren Jahr für mich fuhr er mit seiner neuen Familie über meinen Geburtstag und über Weihnachten in die Türkei.

Mehr und mehr wurde meine Mutter die Kraft in meinem Leben, die mich stützte.

Für eine Weile funktionierte die Konstellation in der Firma.

Ich ließ mich auf fast alle Vorschläge des Cousins meines Vaters ein, solange es nicht zu kostspielig war. Irgendwann kamen wir doch an einen Knackpunkt. Durch seine Art eckte er gerade bei meiner Mutter an, die schon jetzt mir auch in der Firma half. Er schaffte es, auch mich aus der Fassung zu bringen. Die Art und Weise, wie er mit mir umging, war wie mit einem Angestellten. Ich war sein Chef und das machte ich ihm dann einmal rigoros und lautstark klar. Ab dann waren die Fronten klar verteilt.

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