Patrik Bitter - 23 - Und Schnitt!

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Patrik ist 23 Jahre alt, als seine Welt zerbricht. Nach einer Reise auf die indonesische Insel Bali, raubt ihm eine mysteriöse Krankheit beinahe das Leben. Eine schwierige und ungewöhnliche Reise zurück ins Leben und zu sich selbst beginnt. Seine Suche führt ihn über Yoga und spirituelle Erfahrungen nach Indien bis hin in die Südstaaten der USA. Die autobiografische Geschichte schildert seinen Weg durch das und raus aus dem Leiden. Sie zeigt, wie und wo er seinen Glauben und Hoffnung wiedergefunden hat.

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Ich trainierte zudem täglich das Trinken. Im Krankenhaus war es mir noch schwer gefallen, einen Liter pro Tag zu trinken. Laut Broschüre und aufgrund des fehlenden Dickdarms hatte ich nun einen sehr hohen Flüssigkeitsbedarf – drei bis vier Liter am Tag. Deswegen stellte ich mir morgens zwei 1,5 Liter Flaschen hin und machte es mir zur Aufgabe, diese über den Tag zu leeren.

Zwischenzeitlich erhielt ich eine Mail von Lin. Sie hatte meine Email aus dem Krankenhaus erst am 8. Mai gelesen und schrieb mir um 3 Uhr morgens Ortszeit aus Hongkong. Ich nahm es ziemlich emotionslos zur Kenntnis. Nichts hatte zu dem Zeitpunkt großen Wert oder Bedeutung. Trotzdem antwortete ich ihr und berichtete davon, dass so ziemlich alles schief gelaufen ist. Ebenso musste ich noch meine Yogalehrerausbildung absagen. Dies machte ich mit einer kurzen und knappen und ungeschönten E-Mail.

Ich hatte in der Zeit zwei Zimmergenossen: Einen älteren Herren, der kurz nach meiner Ankunft wieder entlassen wurde und einen jungen Mann. Wie der Zufall(?) es so wollte, hatte dieser auch keinen Dickdarm mehr, dafür aber eine Pouch – kurz beschrieben war das eine aus Dünndarmgewebe geformte Tasche, die als „Ersatz“ für den Dickdarm dienen sollte. Ob das in der Praxis funktionierte, war sehr individuell und unterschiedlich. Dass er nun hier nach einem Suizidversuch gelandet war, war nun auch nicht wirklich erbauend.

Nach knapp drei Wochen entschied ich, dass ich nach Essen gehen würde. Mein Vater hatte mich überzeugt, dass er und seine Freundin sich besser um mich kümmern könnten als meine Mutter, die alleine lebte, studierte und arbeitete. Für mich entscheidend war, dass auch meine Firma nun in Essen war. Sie war das Einzige, was mir von den Fundamenten meines vorherigen Lebens geblieben war: Mein altes Zuhause war nicht mehr da und Yoga war für mich auch gestorben.

So verließ ich nach mehr als zwei Monaten das erste Mal Düsseldorf und fuhr mit meinem Vater nach Essen.

Kapitel 4 – Das Leben danach

„Und sehr viele bleiben für immer an dieser Klippe hängen und kleben ihr Leben lang schmerzlich am unwiederbringlich Vergangenen, am Traum vom verlorenen Paradies, der der schlimmste und mörderischste aller Träume ist.“

Hermann Hesse, Demian, Gesammelte Werke

Ich sollte noch einige Wochen in Essen ambulant behandelt werden, damit die Umstellung langsam erfolgen konnte: vom Klinikleben wieder zurück in die reale Welt.

Wir fuhren daher direkt zum Krankenhaus in Essen. Dort hatten wir einen Termin mit der leitenden Ärztin. Im Entlassungsschreiben war vorgesehen, dass ich auch hier zunächst auf eine geschlossene Station kommen sollte. Das war gar nicht in unserem Sinne. Trotzdem ließen wir uns die Station zeigen.

Im Vergleich zu Düsseldorf, wo eine angenehme Atmosphäre herrschte, war das hier anders. Ich sah eine Patientin wütend einen Mülleimer durch den Raum treten. Einen Anderen sah ich aus der Distanz und hörte ihn wild schreien.

Schnell war meinem Vater und mir klar, dass ich hier nicht bleiben könnte. Also verließen wir im Einverständnis mit der Ärztin die Klinik. Ich wohnte daraufhin mit in der Wohnung der Freundin meines Vaters.

Diese Situation währte aber nicht lange. Seiner Freundin passte meine Anwesenheit gar nicht. Es musste umgehend eine Lösung gefunden werden. Mein Vater suchte daher nach der erstbesten Wohnung und schnell hatte er den Mietvertrag unterzeichnet. Er versprach die erste Zeit mit mir dort zu wohnen, denn ich war weiterhin schwach und hatte auch Angst bei möglichen Problemen oder Unfällen alleine zu sein. So zog ich in eine kleine Zweizimmerwohnung, einige Minuten von dem neuen Büro unserer Firma und der Wohnung seiner Freundin entfernt.

Das „Gemeinsam-mit-mir-zu-wohnen“ hielt mein Vater auch nicht lange durch. Nach drei Tagen setzte seine Freundin ihm das Messer auf die Brust. Wie schon zuvor hieß es sie oder ich. Er ließ mich in der Wohnung alleine. Ich bereute schon jetzt sehr, dass ich nicht zu meiner Mutter gegangen war. Als mich mein Vater nun mehr oder minder im Stich ließ, war sie fortan immer für mich da. Sie kam mehrere Male die Woche aus Düsseldorf, so oft wie es ihr Arbeits- und Studienalltag zuließ, und half mir, mein Leben wieder halbwegs eigenständig zu führen.

In den ersten Wochen hatte ich weiterhin Probleme mit der Nekrose am Steißbein. Da war das Wissen der Freundin meines Vaters sehr hilfreich. Sie behandelte mich mit chinesischen Kräuterauflagen, die die Wunde komplett schlossen. Die Ärzte im Krankenhaus hatten zuvor wegen der Tiefe der Wunde eine Heilung fast komplett ausgeschlossen.

Ich stand geistig weiterhin neben mir. Am liebsten hätte ich alles, was mit Yoga und meinem vorherigen Leben zu tun hatte, weggeworfen. Wohin hatte mich das alles gebracht? Nirgendwohin dachte ich. In meinem Zustand der Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit tat ich selbst das zum Glück nicht. Wegen des Prolapses im Krankenhaus hatte ich große Angst davor, mich körperlich irgendwie stärker anzustrengen. Das Aller-allerletzte, was ich wollte, war noch mal in ein Krankenhaus.

In den ersten Wochen und Monaten ging es für mich nur darum, jeden Tag aufzustehen und irgendetwas zu tun. Ich sah zwar keinen großen Sinn darin, aber nichts zu tun, wie in der Klinik, wäre noch unerträglicher gewesen.

Wieso sollte ich duschen? Wieso sollte ich irgendwo hinfahren? Etwas unternehmen?

Weder änderte es irgendetwas an meiner Situation, noch könnte ich mich lang daran erinnern. Ich feierte innerlich am Ende des Tages meinen kleinen Triumph: Wieder einen Tag überlebt.

Anfangs musste ich noch einige Male zwecks Kontrolle zur Blutabnahme. Einen Monat nachdem ich aus den Kliniken war und keine Medikamente mehr nahm, wiesen die Blutwerte schlagartig einen großen Mangel an Blutplättchen aus. Das bedeutet eine verstärkte Blutungsneigung und eine langsamere Blutgerinnung. Daraufhin machten wir einen Termin in einer onkologischen Abteilung eines Essener Krankenhauses aus.

Die Atmosphäre dort war gespenstisch. Die Patienten, die sich dort aufhielten, waren größtenteils viel schlimmer dran als ich. Die meisten von ihnen hatten Krebs in verschiedenen Stadien. So verwunderte es kaum, dass der Arzt mit mir recht sorglos umging. Er führte eine spezielle Blutuntersuchung durch. Der Befund war positiv: Es war eine 'echte' Thrombozytopenie. Ich wurde ohne weitere Behandlung mit den Werten nach Hause geschickt. Der Arzt meinte lapidar: „Kommen Sie wieder, wenn Sie konstant aus der Nase bluten. Dann machen wir noch eine Knochenmarksuntersuchung.“ Glücklicherweise, so plötzlich, wie der Wert gefallen war, normalisierte er sich ein paar Wochen später wieder.

Meine Vorstellung, dass die Aufgabe in der Firma mir es einfacher machen würde, war größtenteils ein Irrglaube. Ich ging täglich ins Büro, auch am Wochenende und die Zeit verging dadurch schneller. Ich saß aber eigentlich nur da und beantwortete ein paar Anfragen. Ich ließ meinen Vater und seine Freundin alles machen, wie sie wollten. Ich schaute dem Treiben teilnahmslos zu.

Lin schrieb mir wieder: Sie betete für mich und schrieb den anderen Teilnehmern des Bali-Retreats, das ebenso zu tun. Im Juli würde sie nach Deutschland kommen und wollte mich besuchen.

In meiner Situation war es mir recht gleich. Ich überließ ihr die Entscheidung – und so kündigte sie sich für den 21. Juli an. Sie hatte zuvor einen Termin in Frankfurt und würde alleine für mich einen Tag nach Essen kommen.

Ich sah tatenlos zu, wie meine Firma den Bach herunter ging. Bevor ich ins Krankenhaus kam, hatten wir auf unserem Konto gute Reserven. Diese waren jetzt fast aufgebraucht. Meine Mit-Geschäftsführer hatten die Firma zwar nach Essen geholt und sich um offene Bestellungen gekümmert. Sie hatten aber keine neuen Kunden hinzugewonnen und auch nicht darüber nachgedacht, ob ein teures Büro mit unserem Umsatz finanzierbar war.

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