»Was heißt das?«, wollte Kreithmeier wissen.
»Du wirst es erfahren. Machen wir es ein bisschen spannend. Warte bis die Herrschaften da sind. Ich war heute früh schon fleißig. Während du noch im Bett gelegen bist, habe ich mit Kiew telefoniert.«
»Mit Russland?«
»Alois, noch einmal, Kiew liegt in der Ukraine, die Bogdanow ist keine Russin, sondern Ukrainerin. Und sprechen tun sie dort Ukrainisch, aber die meisten können Russisch. Und meine erste Fremdsprache an der Schule war Russisch. Also ein Leichtes für mich, dort in den zuständigen Stellen anzurufen und mich nach einer gewissen Olga Bogdanow zu erkundigen.«
»Und? Was hast du herausgefunden?«
»Später Alois, später. Ich werde dir alles verraten. Doch später. Es ist jetzt 11 Uhr. Lassen wir die Herrschaften nicht warten. Komm. Sie sind da.«
Pünktlich um 11 Uhr kam ein Anruf von der Pforte, dass für die Kriminalkommissare Besuch angekommen sei und kurze Zeit später standen die zwei Personen vor Alois Kreithmeiers und Melanie Schützens Büro: Lukas Wirth und Olga Bogdanow. Beide trugen noch die schwarze Bekleidung vom Gottesdienst im Festzelt.
Melanie und Alois hatten beschlossen die beiden getrennt zu befragen. Falls sie doch etwas mit dem Ableben des Helmut Wirth zu tun hatten, wäre das die bessere Art und Weise, ihrem vermutlichen Geheimnis auf die Spur zu kommen. Beide Befragungen wollten die Beamten auf Video aufnehmen, um im Nachhinein eventuelle Ungereimtheiten erkennen und deuten zu können. Alois sollte sich um den Sohn des Mordopfers kümmern und Melanie um die Lebensgefährtin des Toten. Die Kommissare hatten jeder ein Blatt Papier in der Hand mit den ihrer Meinung nach wichtigsten Themen: Erbschaft, Verwandtschaft, Geschäftspartner, Feinde, Vermögen und Geld, das Verhältnis zu den Mitarbeitern und der plötzliche Zuschlag für den Festzeltbetrieb. Zwischen allen diesen relevanten Themen sollte der Grund für die Ermordung des Gastwirtes liegen.
Eine Stunde später waren Alois und Melanie mit der Befragung fertig und begannen gemeinsam vor dem Bildschirm ihre Aufzeichnungen anzuschauen. Melanie hatte zunächst die Videosequenzen mit der Befragung des Juniorchefs zum Laufen gebracht. Andächtig saßen sie jetzt nebeneinander auf der Coach im Büro, jeweils mit einer Tasse Kaffee in der Hand, und blickten gespannt auf die bewegten Bilder vor sich im Monitor.
Die Videokamera war so im Raum platziert gewesen, dass beide Gesprächspartner zu sehen waren, insbesondere der Befragte, vor allem seine Mimik und seine Gestik.
Lukas Wirth saß ganz entspannt im Vernehmungszimmer und wartete auf die Fragen des Kommissars. Er schien gelangweilt zu sein und gab sich keine große Mühe, dies zu verbergen. Er wusste nicht so richtig, was er hier sollte.
»Mittwoch 12. September 2012. Befragung im Fall Helmut Wirth. Nur fürs Protokoll, Sie sind also Lukas Wirth, der Sohn des Ermordeten Unternehmers Helmut Wirth?«, begann Kreithmeier die Befragung seines Gesprächspartners.
»Das haben Sie mich schon mal gefragt. Heute Nacht. Es hat sich nichts geändert, ich bin es immer noch. Wollen Sie meinen Personalausweis sehen?«
»Sie wissen, wir zeichnen das Gespräch auf, deshalb die Eingangsfrage an Sie, damit wir auch ganz sicher sind.«
»Ich wiederhole es gerne noch einmal für Ihre Gesprächsprotokolle, ich bin der Sohn von Helmut Wirth, ich heiße Lukas und bin 28 Jahre alt. Genauer gesagt, geboren am 28. Juli 1984.«
Melanie stoppte den Player: »Er ist ein Löwe. Ein Alphatier. Wann hatte sein Vater Geburtstag, weißt du das Alois?«
Alois stand auf, schritt zu seinem Schreibtisch und blätterte in ein paar Unterlagen.
»Der Helmut Wirth hatte am 16. Januar Geburtstag. 1952. Er war sechzig Jahre alt. Dafür sah er aber noch ganz fesch aus.«
»Und er war ein Steinbock. Löwe und Steinbock. Interessant.«
Alois sah seine Kollegin überrascht an. »Und was hat das mit unserem Mordfall zu tun? Astrologie und der ganze Horoskopscheiß?«
»Das weiß ich noch nicht. Sehen wir uns erst einmal deine Befragung weiter an.« Melanie drückte auf Abspielen und auf dem Monitor ging die Befragung weiter.
»Ein paar Fragen zu Ihrer Familie. Ihre Mutter ist gestorben. Wann und warum?«
Lukas Wirth hob den Kopf und sah den Kommissar fragend an.
»Was hat das alles mit dem Mord an meinem Vater zu tun«, fragte er.
»Nur der Routine halber«, antwortete Kreithmeier, »wir wollen alles genau wissen und müssen jeder Spur nachgehen.«
»Meine Mutter ist vor sieben Jahren gestorben, an Krebs, was wollen Sie damit sagen, jeder Spur nachgehen.«
»Ihr Vater hatte eine neue Freundin, die er nach unseren Angaben schon sechs Jahre kannte. Ihr Haus ist etwa 8 Jahre alt, wurde also noch zu Lebzeiten Ihrer Mutter fertig gestellt. Und nun setzt sich eine neue Frau ins gemachte Nest. Das interessiert uns. Und vor allem was fühlen Sie dabei?«
»Sie meinen doch nicht, dass jemand meinen Vater erschlagen hat, weil er sich nach dem Tod meiner Mutter eine neue Partnerin genommen hat.«
»Was ist daran so ungewöhnlich?«
Die beiden Kommissare sahen auf dem Monitor, wie Alois Kreithmeier nach seiner letzten Frage den jungen Mann genau anvisierte und seine Körpersprache versuchte zu studieren. Doch Lukas Wirth war nicht aus der Ruhe zu bringen. Keine Regung, nicht mal ein Zucken seiner Augen. Er antwortete nicht.
»Es ist schon öfter passiert, dass ein Freund der Verstorbenen oder ihr eigener Sohn die Liebschaften ihres Ehemannes nicht huldigte und ihn somit aus dem Wege schaffte. Verletzte Eitelkeit oder falsche Moralvorstellungen.«
Lukas Wirth lachte auf. »Sie glauben das aber alles nicht selbst, was Sie da gerade verzapfen. Sie meinen doch nicht etwa, dass ich meinen Vater umgebracht habe. Außerdem habe ich für die Tatzeit ein Alibi. Ich war zu Hause. Olga hat mich gesehen. Sie kann es bestätigen«
»Die ganze Nacht? In der Tat eine reizende Geschichte. Olga Bogdanow gibt Ihnen ein Alibi und Sie im umgekehrten Sinn ihr.«
Lukas Wirth verschränkte die Arme und sah den Kommissar böse an. »Ja, so ist es. Die ganze Nacht. Von halb 11 bis zu dem Zeitpunkt als sie bei uns Sturm läuteten.«
Kreithmeier sah den jungen Mann an und blickte nebenbei auf seinen Notizblock. Melanie stoppte erneut die Aufnahme.
»Was machst du, Alois? Es ist eine Befragung, kein Verhör, die beiden waren vorerst nicht verdächtig. Und woher weiß der Wirth den genauen Todeszeitpunkt? Von dir?«
»Nein. Ich habe ihn ihm nicht gesagt. Aber das ist ja auch nicht schwer es sich zusammen zu reimen. Die Kasbauer hat den Wirth kurz nach Mitternacht gefunden. Das wird sie dem Sohn sicher gesagt haben. Und der Sohn ist für die Morgenschicht im Zelt verantwortlich, war also laut Aussage der Mitarbeiter schon um Zehn Uhr verschwunden. Und für die Zeit von 22.30 bis zu unserem Eintreffen in Attenkirchen hat er das Alibi von dieser Olga. Der Mord ist zwischen 23.30 Uhr und Mitternacht passiert. Also eine mögliche Tatzeitspanne von nur einer halben Stunde. Attenkirchen Freising, das ist in 10 bis 15 Minuten mit dem Auto zu bewerkstelligen. Wenn er die Villa um 23.15 Uhr verlassen hätte, hätte er um 23.45 wieder zu Hause sein können. Es ist also machbar. Und die beiden Herrschaften haben ja sicher nicht die ganze Nacht zusammen in einem Bett verbracht.«
»Spekulationen, Alois, nichts als Spekulationen. Lass uns weiterzuhören.« Melanie ließ die Aufnahme weiter laufen.
»Gibt es ein Testament?«, führte Kreithmeier die Befragung fort.
»Hundertprozent, solche Dinge überließ mein Vater nicht dem Zufall. Das wird bei Rechtsanwalt Netzer in Freising liegen.«
»Kennen Sie den Inhalt. Oder anders ausgedrückt, hat Ihr Vater mit Ihnen darüber einmal gesprochen?«
Читать дальше