»Was mache ich hier?« Meine Stimme war nur ein Krächzen. Genau genommen, ein kaum hörbarer Hauch von einem Krächzen, was mich allerdings so unendlich viel Kraft kostete, dass ich mich erschöpft ins Kissen zurücksinken ließ. Schwester Resi watschelte an mein Bett, entfernte geschickt die Kabelage und den Piepsautomaten und richtete (meines Ermessens ein wenig zu grob) meinen steifen Oberkörper auf.
»Noch ana ganzn Woch Koma is hoid oiß noch a wengerl gstarrig vom vuin Rumliegn, aba des werd scho wieda, Frau Gaulkötter!«
Mir klappte die Kinnlade herunter. Meine Gedanken zentralisierten sich auf ihre eben gesagten Worte. Soviel hatte ich verstanden: Ich hatte eine Woche lang im Koma gelegen! Aber warum? Und wer zum Teufel war diese Frau Gaulkötter? Was für’n bescheuerter Name!
Mein Name war Stella Edwards!
Das musste alles ein riesiges Missverständnis sein. Eine dumme Verwechslung. Genau, das musste es sein, und mit Sicherheit würde sich das jede Minute aufklären. Ich brauchte einfach nur ein bisschen Zeit zum Nachdenken und Ruhe.
Ganz genau – RUHE. Doch davon konnte wohl kaum die Rede sein. Die lästigen kleinen Kröten waren nämlich zwischenzeitlich auf mein Bett geklettert und gerade dabei, meine Beine mit ihren spitzen Gesäßknochen zu Mus zu verarbeiten. Unfassbarer Weise stieß mein hilfesuchender Blick nur auf ein verzücktes Lächeln vonseiten der Krankenschwester, begleitet von einem »O mei, san de drai goidig!« Dann wandte sie sich um, steuerte auf den Tisch zu, auf dem ein Blumenstrauß in einer vergilbten Vase stand und meinte: »De Bleamen san ja ganz schwelch, soi is nausschoffa?«
Sag mal, spinnt die? Sie soll die Kinder rausschaffen!
Was interessierten mich die vergammelten Scheißblumen?
Leider fehlte mir die nötige Kraft, um ein Wort herauszubringen. Es reichte gerade noch für einen beklagenswerten Seufzer. Ich schloss die Augen. Ich musste nachdenken. Wo war meine Erinnerung, verdammt!? Was war passiert? Und wieso, um alles in der Welt, hatte ich im Koma gelegen?
Möglicherweise ein schrecklicher Unfall? Schade um mein nagelneues Cabriolet.
Und zu wem bitteschön gehörten diese Drillinge in Latzhosen, mit Micky-Maus-Aufdruck?
Fragen über Fragen, auf die mir keine plausible Antwort einfiel.
Da kam mir plötzlich etwas in den Sinn. Ja genau! Was, wenn irgendetwas schief gelaufen war, während ich im Koma gelegen hatte? Wenn mein Geist nicht in meinen eigenen, sondern versehentlich in den Körper dieser dreifachen Mutter mit dem scheußlichen Hausnamen zurückgekehrt war, nachdem der Allmächtige beschlossen hatte, mich doch noch ein Weilchen weiter leben zu lassen. Jeder macht schließlich mal Fehler. Das würde natürlich erklären, warum diese nervenden Kinder mich für ihre Mutter hielten. Und die Krankenschwester auch.
Dieser Gedanke löste überraschend eine Adrenalinwelle aus. Mein Herz pochte wie wild und mit einem Mal bahnte sich eine ungeahnte Energieexplosion ihren Weg aus meinem Innersten nach außen.
»SPIEGEL!...SPIEGEL!... «, kreischte ich. Keine Spur mehr von Erschöpfung.
»Wos? Wos moanan‘s?« Erstaunen breitete sich auf Schwester Resis Mondgesicht aus.
»Schnell, einen Spiegel!«
»Ja, so! A Momental gschwind!«
Gemächlich begann sie, in der Schublade meines Nachttisches zu kramen. Dass sie dabei nicht einschlief war alles.
»Geht’s vielleicht ein bisschen schneller?«, heischte ich voller Ungeduld. Immerhin hatte ich hier ein ernsthaftes Problem. Ich war anscheinend nicht ich ! Wer wäre dabei ruhig geblieben?
Endlich förderte Schwester Resi einen kleinen Handspiegel zu Tage. Sie sah mich fragend an.
»Her damit!«
Wie schwer von Kapee ist die eigentlich?
Ich griff nach dem Spiegel, der mir prompt meinen Arm nach unten riss. Es kostete mich den kläglichen Rest meiner Kraft, ihn wieder auf Gesichtshöhe anzuheben. Das Ding war beinahe so schwer, wie eine Zehn-Kilo-Hantel. Offenbar litt ich auch noch an Muskelschwund.
Noch immer sprangen die drei Kinder fröhlich auf meinem Unterkörper herum, als handelte es sich dabei um eine Hüpfburg. Deren Mutter (die arme Sau) war wirklich zu bedauern.
Ich würde drei Kreuze schlagen, wenn ich endlich wieder den Körper mit dieser Frau Gaulkötter getauscht hatte. Keine Frage, so eine folgenschwere Verwechslung, die dem Schöpfer da scheinbar unterlaufen war, musste er ja zwangsläufig korrigieren, ansonsten würde er wohl auch noch das letzte bisschen Glaubwürdigkeit verlieren. Nicht, dass ich mich je großartig mit ihm beschäftigt hätte.
Ein lautes Piepsen, draußen auf dem Flur, erregte Schwester Resis Aufmerksamkeit.
»Mei, des is a Notfoi, i muaß eich schnei aloa lossn. Bin glei wieder zruck. Johannes, Simon, Jakob seids ma ganz liab zu eirer Mama.« Dann verschwand sie eilig aus dem Zimmer.
»Halt Schwester…! Nehmen Sie doch bitte diese Kinder mit. Oder verpassen Sie ihnen wenigstens eine Beruhigungsspritze!«, rief ich ihr noch hinterher. Aber zu spät.
Dieses pausenlose »Mama-Geplärr« machte mich ganz kirre. Jetzt nur nicht hysterisch werden. Augen zu und tief durchatmen, Stella.
Ich würde das Geschehen um mich herum einfach ausblenden. In der Schule hatte das ja auch meistens geklappt, wenn die Lehrer mir auf den Keks gingen.
Ich war gespannt, was mich beim Blick in den Spiegel erwartete. Irgendwie traute ich mich nicht, die Augen zu öffnen. Ich hatte so ein komisches Gefühl, was diese Frau Gaulkötter betraf. Wer so einen Namen trug, konnte doch nur hässlich sein.
Das Gesicht von Stella Edwards (also mir ), wie ich es zuletzt in Erinnerung hatte, tauchte vor meinem geistigen Auge auf. Ungelogen, ich war schon immer ziemlich attraktiv gewesen. Da konnte ich gar nichts für. Die Gene eben. Also, mal abgesehen von ein paar unbedeutenden Sommersprossen, die mein persönlicher Kosmetiker und Allround-Stylist, Bjarne, aber dank diverser Bleichmittelchen geschickt zu eliminieren verstand, sah ich, ehrlich gesagt, sogar verdammt gut aus. Zugegeben, ohne Bjarne wäre es mir kaum möglich gewesen, mein tadelloses Aussehen aufrecht zu erhalten, immerhin war er einer der Professionellsten auf dem Gebiet der Rundumaufhübschung Münchens weiblicher oberer Zehntausend. Dank Bjarnes magischer Meisterleistung hatte es schon so manche Pseudo-Naturschönheit bis ganz oben, sozusagen in den Beauty-Olymp geschafft.
Wie dem auch sei, auf einen Termin bei diesem absoluten Styling - Guru wartete sogar eine angesehene Ex - Profi - Fußballergattin unter Umständen wochenlang.
Ich hatte mehr Glück. Ich kriegte Termine, wann immer ich welche brauchte. Folglich jeden zweiten Tag. Irgendwas gab‘s schließlich immer. Ein Nagel, der mir beim Hantel-Workout abgebrochen war oder eine Haarsträhne, die meinte, es sich unerbittlich auf der falschen Kopfseite bequem zu machen. Und die üblichen zwei, drei Gläschen Schampus plus den neusten Klatsch und Tratsch ließ ich mir natürlich auch ungern entgehen. Hach ja, bei Bjarne fühlte ich mich pudelwohl. Und ich wüsste nicht, was ich ohne ihn tun würde.
Bjarne und ich waren schon seit der Schulzeit befreundet. Ich glaube, ich wusste damals schon, dass mir der schlaksige Junge vom anderen Ufer irgendwann einmal nützlich sein würde. In Sachen Vitamin-B hatte ich schon immer einen ausgesprochen guten Riecher. Früh übt sich eben, wer später nicht ewig auf irgendwelchen Wartelisten stehen will.
Seit der fünften Klasse waren Bjarne und ich unzertrennlich gewesen, bis sich irgendwann (ich glaube es war in der achten Klasse) herausstellte, dass Bjarne in denselben Jungen aus der Oberstufe verknallt war, wie ich. Oliver Oberstetter, ein Traum von einem Zwölftklässler –Goldblonde Locken, obercoole Klamotten, steinreiche Eltern. Dumm nur, dass der begehrenswerte Bursche sich weder für Bjarne noch für mich interessierte, sondern – und jetzt kommt der Hammer – für unsere gemeinsame beste Freundin (hatten wir zumindest bis dahin angenommen) – Vera Merlinger, was Bjarne und mich letztendlich noch enger zusammenschweißte.
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