1 ...6 7 8 10 11 12 ...20 „Wenn diese Ehe nicht geschlossen wird, bringt Dagobert uns drei um“, schüttelte die Kebsin den Kopf.
„Es bleibt mir nichts anderes übrig. Ich werde mich und Notburga umbringen!“
Samo dachte einige Minuten nach, dann eröffnete er ihr seine Gedanken.
„Und was wäre“, begann er, „wenn Ihr beide vor der Hochzeit auf nimmer Wiedersehen verschwinden würdet? Ihr könntet als Nonne in ein Kloster gehen oder Euch als Eremitin versteckt halten. Sicherlich wäre das auch gefährlich, aber immer noch besser als sich umzubringen. Oder? Und das Mädchen könntet Ihr als Eure Tochter ausgeben, deren Vater Euch im Stich gelassen hat.“
Jetzt war es Hildegunde die nachdenken musste.
„Und was ist mit Euch? König Dagobert wird Euch umbringen lassen. Und eine neue Frau an Eurer Seite, könnte ich mir gut vorstellen.“
„Wenn ich nicht mehr da bin, wenn der König davon erfährt, passiert mir gar nichts. Und eine neue Frau an meiner Seite? Die wäre mir nur hinderlich. Ich habe einen Kriegszug mit einhundert Männern vor mir, die seit einigen Wochen keine Frau mehr zu Gesicht bekommen haben. Was glaubt Ihr, was passiert, wenn ich so ein hübsches Ding wie Euch, anschleppen würde? Es gäbe sicherlich einen Aufstand – und das kann ich mir momentan nicht leisten.“ Erklärte Samo seine Situation.
„Darüber hinaus seid ja nicht Ihr, sondern Notburga die Betreffende. Ich werde mich mit einem meiner Vertrauten unterhalten, damit er Euch beide an einen geheimen, aber sicheren Ort bringt. Stellt Euch aber darauf ein, dass es dann sehr schnell gehen muss. An einen großen Abschied ist da nicht zu denken.“
Hildegunde fiel ihm um den Hals und küsste ihn auf die Wangen. „Ich danke Euch Samo. Ich hoffe ihr werdet Euer Glück wiederfinden“, rief sie und lachte als sich Notburga an die beiden schmiegte.
Die Bewohner der Burg hatten plötzlich den Eindruck, dass sich die Kebsin des Dagobert nun doch auf die Hochzeit ihres Zöglings freuen würde.
+++
Ein paar Tage später – Samo war wieder zu dem Dorf im Wald zurückgekehrt – tat sich Entscheidendes. Die Wagen mit den Waffen und Rüstungen trafen in Uburzis ein und wurden dort auf drei Kähne verladen. Samo, Benno und Arnulf überwachten die Arbeiten, als sich Ladislaus zu ihnen gesellte.
„Herr, es ist alles vorbereitet“, raunte er Samo zu und schlenderte den Main entlang, als ob er auf dem Weg zu seinem Heimatdorf an der Ochsenfurt wäre.
„Also gut Benno, dann werden wir beide uns mal in der Burg umsehen.“ Sagte Samo laut. „Arnulf, sollte es Probleme geben, Du weißt wo Du mich findest!“
Der Angesprochene nickte nur.
Samo und Benno machten sich zu Fuß auf den Weg in die Burg, ihre Pferde hatten sie dort gelassen, wo sie wesentlich besser untergestellt waren, als in dem kleinen Städtchen am Main.
Während des Aufstiegs zur Burg hin fing Samo an: „Erinnerst Du Dich noch an die kleine Höhle am Neckar in der Nähe von Cimbren 16?“
„Ja, klar. Ein ideales Versteck. Leicht zu verteidigen, kaum zu sehen, nahe am Fluss, aber trotzdem vor Überflutungen geschützt. Wenn ich mich recht erinnere, müssten wir noch Holz, ein paar Fackeln, einen Tisch, einen Stuhl, eine Liege und ein paar Felle dort haben. Warum? Willst Du Dich vor deiner Hochzeit verstecken? Verstehen könnte ich es, wer will schon ein kleines Mädchen ‚heiraten’.“
„Nicht mich sondern die ‚Braut’ und ihre Mutter!“ antwortete Samo.
„Wie bitte?“ entfuhr es Benno, „Aber wieso denn?“
„Die Mutter ist mit dieser Hochzeit genauso glücklich wie ich und hat mir, und vor allem sich selbst versprochen, sich und ihrem Zögling nach der Hochzeitsnacht das Leben zu nehmen.“ Samo atmete tief durch.
„Benno, ich will nicht eine Einjährige heiraten. Und jeder halbwegs gesittete Mann würde das auch nicht tun. Und deshalb will ich, dass Du die beiden in dieser Höhle versteckst, versorgst und dann nach Hause zurückkehrst. Vielleicht kommt Hildegunde dann von diesem Gedanken ab. Jedenfalls müssen wir uns keine Vorwürfe machen, wenn sie sich doch noch das Leben nehmen sollte und die Kleine ebenfalls umbringt. Ich komme mit den Männern schon zurecht.“ beruhigte Samo seinen alten Freund noch, bevor er fort fuhr: „Außerdem hatten wir geklärt, dass Du nicht mit zu den Wenden ziehen wirst. Du hast Verpflichtungen – im Gegensatz zu uns allen.“
„Also gut. Und wie soll die ganze Sache ablaufen?“ Benno war bei diesem Thema sichtlich genervt.
„Wir müssen doch sowieso Männer zur Bewachung der Kähne abstellen. Oder? Die Männer werden heute und morgen, nach und nach in Uburzis eintreffen. Ich habe schon entsprechende Anweisungen gegeben. Kunibert verlädt seine Schmiede auch heute schon und bleibt in Uburzis. Die meisten Pferde und Maulesel sind auch schon vor Ort. Die Männer können sich bis zur Nacht von Morgen auf Übermorgen noch mal in Uburzis in den Schänken und von mir aus auch bei den Dirnen austoben. Übermorgen werden wir jedenfalls noch vor Sonnenaufgang ablegen.“ Erklärte Samo seinen Plan.
„Du wirst auf dem Berg neben der Burg mit zwei Pferden warten, während ich Notburga und Hildegunde zu Dir bringe. Dort oben gibt es eine kleine Lichtung, von dort aus kennst Du selbst den Weg. Lasst Euch nicht erwischen!“ warnte Samo seinen Freund.
Dann erklärte er weiter: „Ich selbst steige dann den Berg hinunter, in den Kahn hinein und auf geht’s zu den Wenden. Ladislaus werden wir an der Ochsenfurt mitnehmen. Bis der Herzog und seine Leute merken was los ist, sind wir und Ihr schon über alle Berge.“ Schloss Samo seine Rede ab.
„Weiß die Kebsin schon Bescheid? Hoffentlich verrät sie nichts.“ Fragte Benno besorgt nach.
„Hildegunde hat ihren Reisesack gepackt und wartet auf meine Anweisungen. Das fällt weiter nicht auf, da ich als 'Bräutigam der Notburga' jederzeit ihre Mutter aufsuchen kann“, erklärte Samo weiter.
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Hildegunde saß tatsächlich auf gepackten Reisesäcken. Samo hatte sie mit dem Vorschlag eines Eremitendaseins überrascht, aber ihr kam dieser Vorschlag sehr gelegen. Der fast Bräutigam ihrer Tochter hatte eine Andeutung gemacht, dass er sie in die Nähe des Neckar würde bringen lassen, was sie wiederum sehr freute, da sie dort aufgewachsen war.
Sie hatte Notburga schlafen gelegt und begab sich zu Bett, als es an der Türe leise raschelte. Die Türe öffnete sich fast lautlos und wurde genauso lautlos wieder geschlossen.
Hildegunde wollte aufschreien, aber eine Hand drückte ihr den Mund zu: „Keinen Ton, sonst wird’s nichts mit der gescheiterten Hochzeit.“ Zischte ihr der Mann zu, dem diese Hand gehörte.
„Samo“, flüsterte sie zurück, „ich dachte schon, dieser Tag würde nie mehr kommen.“
„Zieh Dich schnell an, packe Notburga ein und komm mit, einer meiner Leute wartet mit zwei Pferden auf uns.“
Schneller als Samo es von seiner Adelgunde gewohnt war, hatte Hildegunde ihre Tochter und sich selbst angezogen und gab ihm ihre Reisesäcke, die er sich auf den Rücken band. Die kleine Notburga wurde mit einem großen Tuch ihrer Mutter vor den Bauch gebunden..
Dann schlichen sie sich aus der Kammer zum Wehrgang hin und zwar dort, wo der Felsen steil zur Stadt hin abfällt, warteten eine Lücke zwischen den Wachen ab und kletterten unbemerkt über den Wall hinweg.
Auf der anderen Seite betraten sie einen Saumpfad, der sie in das Tal zwischen dem heutigen Marienberg und dem heutigen Nikolausberg führte und bestiegen den Berg auf dem tausend Jahre später Balthasar Neumann das Käppele errichten würde.
Oberhalb der Grotte, die der Mutter Gottes geweiht ist, trafen sie auf Benno. Samo verlud Hildegundes Reisesack und half ihr auf’s Pferd, bevor er ihr Notburga reichte, die dann wieder befestigt wurde.
„Ich danke Dir!“ Wiederholte sich Hildegunde und „Gott sei mit Dir!“
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