Mit Gallilei erwachten Wissenschaft und Technik
Gallilei rückte die Erde aus dem Mittelpunkt, die Erde wurde endgültig zur Kugel, Amerika entdeckt und die christliche Welt, allen voran die Italienische, erwachte zu neuer Blüte, ja Hochmut. Das brachte Luther und auch andere auf und das Machtgefüge der Katholiken über das Abendland wurde schwer angeschlagen. Könige und Kaufleute kamen zu neuer Macht und in lokalen Zentren entstand ein wahrer Bildungsboom.
Stück für Stück wurde das Weltenrätsel gelöst. Wenn sich auch lange kaum ein Philosoph traute, Gottes Rolle offen anzuzweifeln, so wurde sie doch immer weiter zurückgedrängt.
Emanzipation von Gott in der Französischen Revolution
Mit Rousseau begann die Gottlosigkeit. Man nennt die Zeit die Romantik, in der der Mensch sich in einer maßlosen Weise seiner Freiheit und offensichtlichen Herrscherrolle über die Natur erfreut. Daraus entwuchsen zwei Linien der menschlichen Hybris: die Romantische, die sich als Allmachtsgefühl (ich bin bzw. wir sind auserwählt) über Nietzsche bis zu Hitler aufschaukelte und heute immer wieder im Autoritären Populismus hochkocht, und die rationalistische, die sich über Robespierre und Marx bis zum Stalinismus entwickelte, im Glauben, ein rational beherrschbares Staatensystem konstruieren zu können.
Gleichzeitig entwickelte sich der Liberalismus, der schließlich zu demokratischen Systemen und Kapitalismus führte.
And the winner is:
Ob die Welt aus dem Jenseits oder aus dem Diesseits gelenkt wird, ist immer noch umstritten. Nach einem starken Hang zum Diesseits seit der Französischen Revolution ist der Trend der Zeit heute in großen Gruppen auch wieder stark Jenseitsgeprägt.
Keine der Formen, die die Vertreter einer diesseitigen Schicksalsbestimmung erfunden haben, war zudem wirklich erfolgreich. Zwei führten zu grandiosen Katastrophen, der Liberalismus ist gerade dabei, sich selbst zu besiegen.
Das Ablehnen einer Ordnung hat zu einer Ordnung geführt, die keiner mehr zu beherrschen scheint. Die Rolle der Technik bei letzterem ist mit ein Grund, warum es gerade für Techniker wichtig ist, sich jetzt mit Philosophie zu befassen.
Die Schöpfungsgeschichte und die Erkenntnis
Nicht umsonst ist der Biblische Sündenfall, aufgrund dessen Adam und Eva aus dem Paradies geworfen wurden, der Wunsch nach Erkenntnis. Das paradiesische Leben war frei davon, es war vielmehr ein einfaches Hinnehmen dessen, was ist. Adam hätte das wohl genügt, doch Eva wollte nicht leben wie die Tiere, sie wollte mehr.
Die Fähigkeit zur Erkenntnis hat die Menschheit in tiefste Zweifel gestürzt, zu wüstesten Utopien geführt, Arroganz und Streit ausgelöst und Unterdrückung begründet. Andererseits ist sie der Kern von Kreativität und Fortschritt, von schöpferischem Denken und Weisheit.
Wahrnehmung der Wahrheit?
Die große Frage ist, ob Wahrgenommenes wahr ist. Oder natürlich, ob Wahrheit überhaupt existiert. Und wenn, wie sie erkannt wird. Das ist immer eine große Streitfrage gewesen.
Ein Kernproblem ist die Tatsache, dass Wahrnehmung ja immer subjektiv ist, also das Objekt der Wahrnehmung mit eingeschränkten Mitteln betrachtet.
Die Frage, ob ein Ding ein Ding ist, oder erst durch die Benennung zum Ding wird, oder gar erst durch die Betrachtung, spielt dabei eine zentrale Bedeutung. Sie scheint müßig zu sein, andererseits lehrt uns die Quantenmechanik das Gegenteil. Auf die Idee, dass ein Teilchen seinen Zustand erst durch die Beobachtung bekommt, wäre Heisenberg ohne die Denkschule der Philosophie möglicherweise gar nicht erst gekommen.
Die Philosophen der Antike haben sich in dem, was sie Erkenntnis nannten, gerne auf die reine Theorie zurückgezogen und die sinnliche Wahrnehmung (sehen, hören, fühlen etc., auch alles messbare) stets als ungenau herabgestuft, womit sie im Prinzip recht hatten. Platos Ideenlehre verfolgte genau diesen Ansatz.
Auch Jahrtausende später sagt John Locke (1632-1704) beispielsweise: „Unser Wissen ist nur insofern ein reales, als zwischen unseren Ideen und der Realität der Dinge Übereinstimmung herrscht.“
René Descartes gibt mit „Ich denke, also bin ich“ ein Erkenntnispostulat. Die Erkenntnis des eigenen Seins begründet sich aus genau diesem. Über die Existenz der Anderen sagt es allerdings nichts aus.
Die Erkenntnistheorie unterscheidet dabei zwischen dem „Idealismus“ und dem „Empirismus“. Man kann es ein wenig sehen wie theoretische und experimentelle Physik. Die Experimentelle erzeugt Ergebnisse, die dazugehörige physikalische Lehre entsteht aber erst aus der Theorie, wenn die Ergebnisse in formale Modelle überführt sind, die aus sich heraus stimmig sind. Ohne diesen theoretischen Unterbau ist das Experiment nichts als ein nettes Spiel.
Hier wird aber auch deutlich, dass die Wahrheit, die durch die Erkenntnis entsteht, immer abhängig ist von dem Theoriemodell, in dem sie erzeugt wird. Fällt das weg, ist auch die Wahrheit weg. Lange Zeit hat sich die Geschichte dafür mit der „Demonstrativen Erkenntnis“ beholfen: der göttlichen Wahrheit. Letztendlich ist das aber auch nichts anderes als eine nicht hinterfragte Hypothese. In der Mathematik würde man sagen, ein Axiom.
Erkennen ist ein schöpferischer Akt
Wer einmal im Alten Testament geblättert hat, erinnert sich an die häufige Formulierung, Jemand ‚erkannte sein Weib‘. Sie meinten damit: sie erkannten, dass sie zusammen gehören und dass daraus etwas Neues entsteht. Es ist ein schönes Bild. Erkenntnis ist wie die Liebe: sie kommt aus dem Nichts und verändert alles.
Erkenntnis unterscheidet sich nämlich grundsätzlich von „Lernen“ oder auch von „Erfahren“. Erkenntnis ist vielmehr ein rein geistiger Prozess, der das Verständnis der Welt um etwas vorher nicht Dagewesenes erweitert.
Diese Definition ist natürlich insofern heikel, als sie eine persönliche ist. Meine Erkenntnis kann jemand anderes bereits gehabt haben, für mich bleibt sie dennoch Erkenntnis. Diese Unterscheidung betrifft aber nicht die Frage der Erkenntnis an sich, sondern eher die von der Eindeutigkeit des Universums.
Karl Marx machte Erkenntnis zu etwas Mächtigem
Die meiner Ansicht wichtigste Erkenntnis zur Erkenntnis hatte Karl Marx mit dem dialektischen Materialismus.
Bis dahin erzeugte Erkenntnis mehr oder weniger ein tieferes Verständnis der Ordnung der Welt, die aber war von Gott gegeben und unveränderlich.
Marx erklärte: Durch den Akt der Erkenntnis verändert sich die Welt. Denn die Erkenntnis führt zu einer Einflussnahme, die die Zustände verändert.
Revolution und Verantwortung
Das war Revolution. In mehrerlei Hinsicht. Plötzlich konnten Ordnungen aufgebrochen werden, die Welt war gestaltbar und der Mensch ihr Architekt. Das Experiment des Sozialismus als völlig neue Gesellschaftsordnung nahm hier seinen Ausgang. Mit allen Folgen. Ebenso etliche weitere Experimente, die eine neue Weltordnung erzeugen wollten.
Andererseits ist es Verantwortung. Marx dialektischer Materialismus ist es, der uns klar macht, dass wir für unser Handeln selbst verantwortlich sind. Im Sinne der Umwelt, im Sinne der sozialen Auswirkungen unseres Tuns, im Sinne der Auswirkungen auf Leib und Leben anderer.
Marx‘ Erkenntnis war ebenso mächtig wie unbequem. In doppeltem Sinn ein Problem für die die damalige Gesellschaft. Aus heutiger Sicht hatte er in dieser Frage allerdings recht.
Das ist wiederum wichtig für den Berufstand der Techniker, die gerade heute so viel Einfluss auf das Geschehen haben. Die sich andererseits aufgrund ihrer Ausbildung und Neigung meist wenig und wenn dann eher ablehnend mit dem dialektischen Materialismus befassen.
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