»Also, gleich nach Hause muss ich jetzt ja nicht. Ganz sofort werfe ich die Flinte doch nicht ins Korn. Ihr wollt doch nur meine sechs Prozent von der Firma,« versucht Lucas noch zu scherzen.
»Ach quatsch. Aber wovon willst du denn leben, mal so ganz bescheiden gefragt?« Alex hat sich wieder etwas beruhigt.
»Es ist ja jetzt nicht so, dass ich über überhaupt keine Vermögensreserven verfüge. Ein bisschen Puffer ist ja schon da. Außerdem suche ich gerade einen belanglosen Zwischenjob. Irgendwas um die Miete zu zahlen. Mann, ich habe doch sonst keine großen Ausgaben. Nicht mal ein Auto.«
»Trotzdem,« schaltet sich Matthias wieder ein. »Versau nicht deine Zeit mit blöden Aushilfsjobs. Die macht man, wenn man Student ist. Aber nicht mehr danach.«
»Ist ja nicht lang. Wirklich.« Auch Lucas Stimme wird wieder ruhiger und freundlicher. Mit seinem Fingernagel kratzt er leise auf der Türscheibe herum.
»Wenn du meinst.« Seine beiden Brüder wünschen ihm noch pflichtschuldig viel Glück. Danach beendet Lucas das Gespräch und legt sein Smartphone auf dem Tisch ab. Tags drauf liegt die Zusage von Bettina im Postfach des E-Mail-Accounts.
In dem Moment, als Lucas in die Straße zum Marktplatz einbiegt, fällt die Sonne hinter die Firste der Altbaudächer. Ansonsten machen sich noch einige Wolken am Himmel breit, die das Abendlicht diesig auf die Menschen in den Gassen werfen. Gleich ist Feierabend und in der Luft liegt schon diese nervöse Unruhe, den Arbeitstag endlich hinter sich lassen zu können.
Für Lucas hingegen fängt das Arbeiten gleich erst an. Ein halber Probetag. Etwas nervös legt er die letzten Meter zur Italo-Fast-Food-Filiale zurück. In schwarzer Hose und schwarzen, bequemen Schuhen. So wurde es vorgegeben.
Die Schiebetüren öffnen sich und Lucas tritt erwartungsvoll ein. Hinter der Kasse, die direkt vorne beim Eingang steht, hält ihm wieder das Mädchen mit dem Pferdeschwanz die Buchungskarte entgegen. »Ach, du bist es.« lächelt sie Lucas an, reicht ihr Lächeln aber auch gleich an die nächsten Gäste weiter. »Gehe einfach nach hinten ins Personalbüro,« ruft sie ihm noch hinterher und Lucas läuft, wie ihm geheißen zwischen der Pizza- und Pastastation durch die Schwingtür. Das Büro befindet sich gleich rechts dahinter, ist aber so klein, dass höchstens zwei Leute reinpassen. Und einer davon muss stehen.
»Guten Abend. Hallo,« begrüßt Lucas die Filialleiterin, nach dem er höflich geklopft hat.
»Hallo Lucas. Pünktlich auf die Minute. Perfekt. Dann komme doch gleich mal mit.« Bettina hat wieder etwas sehr dezentes an, diesmal in dunkelblau. Dennoch wirkt sie chic und elegant.
Beide schälen sich aus dem Büro und Bettina deutet auf einen Fahrstuhl, der gleich daneben liegt. Sie muss nur den Knopf drücken und die beiden grauen Metalltüren öffnen sich. Der Fahrstuhl war ohnehin oben.
»Ich freue mich immer, wenn wir neues, engagiertes Personal bekommen. Das muss jetzt alles für dich ganz aufregend sein, oder?« Bettina hat ihren Satz noch nicht einmal ganz ausgesprochen, da hat der Fahrstuhl schon sein Ziel, den Keller einen Stock tiefer, erreicht.
»Ja. Also, naja.« Lucas befindet sich gedanklich noch immer in dem Zwergenbüro, das woanders wegen Platzmangel nicht einmal als Besenkammer genützt werden würde.
Bettina deutet lose einen Gang runter und erklärt, dass sich da die ganzen Kühlräume befinden. »Die zeigen dir dann aber Diego oder Baba, ich meine Bashir. Genauso wie die ›Prep‹. Die ist oben und da werden die ganzen Zutaten für euch zusammengestellt. Von mir bekommst du jetzt erst einmal deine Arbeitskleidung.«
Aus einer Nische zieht sie Kopftuch und Schürze. »Welche Größe hast du noch mal?«
Lucas sagt ihr, dass er ›M‹ hat und sie sucht eine passende Kochjacke heraus. Die Jacke ist weiß. Die Plastikknöpfe an der zweireihigen Verschlussleiste tomatenrot. Schürze und Kopftuch ebenfalls rot. Auf allen drei Textilstücken prangt das Logo der Restaurantkette.
»Die Jacke ist leider sehr verknittert. Da musst du bitte noch einmal drüber bügeln. Tja, Pech. Eine Nummer größer und die Jacke wäre tiptop gewesen. Im Pausenraum da,« sie deutet auf eine Tür gegenüber der Wäschenische, »steht ein Bügeleisen. Generell musst du immer mit sauberer und gebügelter Arbeitskleidung zum Dienst erscheinen! Und waschen musst du selber bei dir daheim. Das geht hier nicht.«
Die Waschmaschine in der Nische ist wohl kaputt, denkt sich Lucas und schaut auf das Gerät unterhalb der Regalbretter. Oder nur für Chefwäsche oder so.
»Oberstes Gebot hier ist immer freundlich zu den Kunden zu sein. Der Kunde ist König. Kannst du dir aber sicher denken. Und alle versuchen hier jeden Tag ein bisschen besser ihren Job zu machen. Deswegen kontrollieren wir uns zum Einen gegenseitig und zum Anderen lassen wir uns von Mystery-Shoppern kontrollieren. Das sind Agenturen, die den Service in Unternehmen testen.«
Lucas nickt. Erstens weiß er, was Mystery-Shopper sind, zweitens hat er sich schon so etwas gedacht.
»Jetzt zeige ich dir noch deinen Spind, der steht in der Umkleide.« Sie geht den Flur weiter zu einem Raum mit Schränken und Bänken. »Egal ob Mann oder Frau, hier ziehen sich alle um. Also, man zieht ja nur seine Jacken an.« Der letzt Satz klingt wie eine Entschuldigung oder ein Hinweis, damit nichts falsch verstanden wird. Toiletten und eine Dusche gibt es hier auch.« Sie schaut sich etwas irritiert um, begreift aber schließlich, warum genau sie in dem Raum sind. »Hier ist dein Spindschlüssel. Nummer 25. Da drüben. Und was brauchst du noch? Ach ja! Deine Personalkarte. Mit der musst du dich immer ein- und ausstempeln. Um wenn du was essen willst geht das auch darauf. Dann bekommst du alles um die Hälfte. Die Karte habe ich leider oben im Büro gelassen.«
Sie schaut noch einen Augenblick lang stumm über die Schränke hinweg, verlässt aber die Umkleide, nachdem sie Lucas gebeten hat, die besagte Karte gleich im Büro abholen zu kommen.
Dann steht Lucas alleine vor seinem Spind. In der Hand Schürze, Kopftuch und eine zerknitterte Jacke. Missmutig fällt sein Blick auf das Ding, das er jetzt selbst noch bügeln muss. Warum hat er nicht einfach ›Large‹ gesagt?
Mit der just abgeholten Karte hat sich Lucas schon gleich einstempeln müssen. Vorne an der Kasse bei dem Pferdeschwanzmädchen.
»Willkommen noch mal. Jetzt bist du richtig bei uns,« lächelt sie besonders freundlich.
Noch nicht ganz, denk sich Lucas beim Fortgehen. Erst muss er diesen Probetag überstehen. Und dann überhaupt auch gewillt sein, vier mal die Woche diese dämliche Schürze zu tragen.
Mit etwas staksigem Gang, dieser rote Riesenlappen reicht bis runter zu den Schuhen, steuert er auf die Pizzastation zu. Der Rest der weiß-roten Uniform sitzt ein wenig zu weit an Lucas Körper. Trotz ›M‹. Oder sie ist einfach schon ausgeleiert und wurde tausendmal durch die Mangel genommen.
»Hi. Ich bin Lucas,« hebt er freundlich seine Hand, nachdem er die Stufe zum fünf quadratmetergroßen Arbeitsbereich nebst Pizzaofen erstiegen hat. Sein neuer Kollege stapelt gerade hektisch Kisten mit Teiglingen. Es ist der Südländer mit den Dreads. Seine Haare sind mit bunten Garn und Kugeln verziert, aber nicht schwarz, wie man aufgrund seiner Herkunft annehmen könnte, sondern nussbraun.
»Cabrón, da bist du endlich. Wo warst du? Zieh dir Handschuhe an und hilf mit an.«
Sofort streift sich Lucas zwei von den Gummihandschuhen über, die es auch in Arztpraxen gibt, und will sich eine der Kisten greifen – doch der Kollege hält ihn davon ab. »Das mach ich. Du den Rest. Du weißt, wie das geht?«
Lucas schüttelt den Kopf. Vor dem Tresen warten schon zwei hungrige Kunden und schauen ungeduldig zu den beiden Jungs.
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