Schweren Herzens surft Lucas ab Montag darauf durch die entsprechenden Plattformen im Internet – wobei sämtliche Sträflingsarbeiten wie Greenpeace-Spendensammlen oder Call-Center-Abzocke aus Prinzip gar nicht erst angeklickt werden. Für wieder Anderes fehlt dann entweder doch die Grundkenntnis oder sonstwie das Einfühlungsvermögen. Manches aber ist auch schneller vergeben, als es angeboten wurde. So bleiben unter dem Strich vorerst nur drei lausige Sachen: Fotograf im Stadtschloss, Verkäufer in einer Zoohandlung und Nachtportier im 4-Sterne-Hotel.
Das erste Vorsprechen ist im Stadtschloss.
»Hi, du musst der Lucas sein, nicht wahr? Ich freue mich. Ich bin die Marion!« stellt sich eine Anfang Dreißigjährige überzogen enthusiastisch vor, als würde Sie gerade einem angesagten A-Klasse-Promi ein neues Haus verkaufen wollen. »Hast du schon einmal fotografiert?« Sie wartet gar nicht erst ab, bis Lucas seine Identität bestätigt. Als wäre es ein Ding der Unmöglichkeit, dass da jetzt nicht der Erik oder der Ulrich inmitten der prunkvollen Vorhalle stehen könnten, der vielleicht nur nach dem Weg zur Toilette fragen will.
»Ja schon,« erklärt sich der Angesprochene etwas überrumpelt und schaut sich orientierungslos im Eingangsbereich des Schlosses um. »Also rumgeknipst mit der Kamera vom großen Bruder und so.«
»Ach,« winkt die stürmische Marion ab, »so wichtig ist das eigentlich auch gar nicht. Wir machen hier keine große Kunst. Das lernt so ein Fixer wie du in Null Komma Nichts.« Sie schiebt Lucas durch die große Zwischentüre, die zum Haupttrakt führt. Hier werden auch alle Besucher durchgeschleust. Im nächsten Raum ist die Karosserie einer königlichen Pferdekutsche aufgebockt. Zwei gepolsterte Sitzbänke vis-a-vis. Dahinter eine mit der Schlossfassade bedruckte Leinwand. Davor eine Kamera und zwei Flächenleuchten. Ein daneben stehendes Display verrät die Lösung des ganzen Brimboriums. Die Touristen werden in der Kutsche fotografiert, das Foto wird gedruckt und in einen Klappumschlag gesteckt, auf dem das Schloss von außen, diverses Fußvolk in höfisch-barocker Tracht, das fehlende Unterteil der Kutsche sowie zwei eingespannte Pferde zu sehen sind. Nun wirkt das Ganze so, als wären die Besucher just zur königlichen Audienz eingerollt. Ob hier tatsächlich mal ein König residierte oder nur ein größenwahnsinniger Fürst, entzieht sich Lucas Kenntnis. Scheint die meisten Touristen aber ebenfalls nicht zu interessieren.
»Schau dir ganz einfach mal an, wie wir das machen. Und dann machst du das nach, ja?« Marion ist immer noch vollkommen aus dem Häuschen, weil sie dem Promi ein selbiges verticken darf.
Lucas nickt und mustert betroffen das würdelose Schauspiel vor seinen Augen.
Zwei junge Kollegen, die diesen Job wahrscheinlich schon quälend lange machen, versuchen im schlecht geschneiderten Gardistenkostüm die Touristen abzufangen und auf den Kutschbock zu quatschen. Dafür müssen sie sich zwar den Besuchern in den Weg stellen, dürfen dabei aber keinesfalls zu aufdringlich sein, wie Marion mit wichtiger Miene versichert. ›Ein bestimmendes Einladen‹ formuliert es die Mittdreißigerin etwas auswendig gelernt. Nach dem vierten Versuch lässt sich ein altes Ehepaar schließlich dazu überreden. Wahrscheinlich, weil sie Gardisten noch aus ihrer Kindheit kennen und Angst vor ihnen haben. Das Paar muss einmal in die Kamera schauen, einmal nach links und einmal nach rechts. Wenn der Blick nach rechts wandert, sozusagen in Fahrtrichtung der Kutsche, starren sie den Pferden direkt auf den Arsch. Aber das scheint bisher wohl noch niemandem aufgefallen zu sein.
Lucas braucht ein paar Versuche länger als seine Kollegen, von denen er sich zu allem Übel auch noch Jacke und Hut überziehen musste. Der Hutrand ist schwitzig-feucht, aber Lucas beißt die Zähne zusammen.
»Wir machen hier Fotos. Sie in der Königskutsche. Einfach mal ausprobieren, müssen Sie auch nicht kaufen.« Doch kaum einer der Besucher reagiert. Dafür wird ein fetter Mann mit fetter Frau und noch viel fetteren Kindern ziemlich unwirsch. »Verpiss dich,« grunzt er nur und stößt Lucas unsanft beiseite. Unaufhaltsam wälzt die Elefantenfamilie den blaublütigen Gemächern entgegen.
»Selber,« ruft Lucas sauer hinterher, was aber gleich die überfreundliche Marion herbei springen lässt. Eindringlich mahnt sie, dass man immer freundlich bleiben muss. »Auch wenn die mal ein bisschen mürrisch drauf sind. Sonst gibt es eine Beschwerde und die anderen Besucher spüren auch ganz schnell die schlechte Stimmung im Raum.«
Ebenfalls ganz schnell fährt Lucas mit der Straßenbahn wieder weg vom Stadtschloss und zu dem Viertel hin, in dem das Zoogeschäft liegt. Tiere können einen wenigstens nicht beleidigen. Außerdem verlangen sie nicht, sich in einem ausrangierten Theaterkostüm zum Deppen zu machen.
Der Laden ist so unscheinbar und winzig, dass Lucas erst zweimal daran vorbei läuft. Das Schild über der Türe ist ein Relikt der frühen Achtziger, in den Schaufenstern hängen vergilbte Poster dieser Dekade und Lucas würde sich nicht wundern, wenn der Laden Monchichis, Mogwais oder Critters verkaufen würde.
Drinnen schlägt ihm erst einmal dieser abgestandene Gestank von Heu und Hamsterköddeln entgegen. Selbst wenn die Tierhandlung morgen dicht machen würde, wäre er für die nächsten Hundert Jahre kontaminiert. Wahrscheinlich müsste man wie bei Tschernobyl das Ding mit Beton zu schütten.
Dem tierlieben Mann hinter dem Tresen entgeht Lucas dezentes Naserümpfen natürlich nicht. Misstrauisch rückt der Ladenbesitzer in Cordjacke seine Nickelbrille zurecht.
»Hattest du schon mal ein Haustier?« will er wissen, als Lucas ihn auf den Verkaufsjob anspricht. Mit einer positiven Antwort rechnet er sicherlich gar nicht.
»Doch natürlich. Hat man ja so als Kind. Einen Hasen.«
»Aha,« ist der Mann erstaunt. »Und was für einen?«
Überall stehen Futterpackungen, spezielle Wärmeleuchten und diverses Aquaristikzubehör herum.
»Wie, was für einen?« fragt Lucas verunsichert und lässt sich von lebenden Grillen ablenken, die wild in Plastikboxen rumspringen und dabei ein Geräusch von ploppendem Popcorn verursachen. »Einen mit Kopf und zwei Ohren halt.«
»Du hattest sicher ein Kaninchen,« weiß es der Verkäufer besser. »Und kennst du dich sonst mit Tieren aus? Weißt du, ob es Warane lieber feucht oder trocken haben?«
»Nö.«
»Weißt du, was ein Bartagame ist?«
»Auch nö,« gibt Lucas zu.
»Was Drachensteine sind?«
»Keinen Schimmer. Aber kann man das nicht lernen?«
»Kann ich es mir nicht einfach machen und jemanden anstellen der so was schon weiß?« kontert der Cordträger.
Na gut, das mit der Zoohandlung war ein Reinfall, sieht Lucas beim Verlassen des Geschäftes ein. Das hatte er sich irgendwie einfacher vorgestellt. Bleibt jetzt nur der Nachtportier. Das Gespräch ist passenderweise erst Abends. So hat er noch genügend Zeit nach Hause zu fahren, um sich eine Kleinigkeit zu kochen.
***
Das 4-Sterne-Hotel sieht sowohl von außen wie auch von innen eher nach einer überbewerteten 3-Sterne-Standart-Klitsche aus. Wer auch immer diese Punktevergabe zu verantworten hatte, war wohl über die direkte Nähe zum Rathaus besonders begeistert.
Richtig vom Hocker wird Lucas von seinem potentiellen Arbeitsplatz schon mal nicht gehauen.
»Du bist für den Job hier?« will ein beleibter Vollblutwirt hinter der Rezeption wissen, der so aussieht, als hätte er anno dazumal höchstpersönlich den Frühschoppen in Deutschland eingeführt. Der Mann ist ein typisches Urgestein und in seiner Stimme schwingt unverkennbar der regionaltypische Dialekt mit.
»Ja. Sonst hätte ich ja einen Koffer bei mir,« witzelt Lucas. Aber der Gag kommt überhaupt nicht an.
»Wenn du wüsstest,« grummelt der weißhaarige Wirt und schaut kurz über seine Lesebrille hinweg. Seine Halbglatze schimmert im Licht der kalten Deckenleuchte. Zwischenzeitlich sortiert er immer wieder ein paar Unterlagen. »Junge, ich will ehrlich mit dir sein,« kommt er zum Punkt und schlägt einen Papierstapel auf dem Holztresen auf. »Jeder Depp kann nachts hinter der Rezeption stehen. Ein paar späte Gäste einbuchen, ein paar hungrigen Schlaflosen sagen, dass unsere Küche leider schon längst geschlossen hat. Aber ob es dir liegt, hinter dem Tresen die Nacht zum Tag zu machen, kannst nur du sagen. Am Besten, du probierst es einfach mal aus. Hast du heute noch etwas vor?« Sein Blick ist so müde und nichts sagend, dass Lucas überhaupt nicht einschätzen kann, ob es dem Mann vollkommen gleichgültig ist, wer den Job bekommt oder nicht.
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