Der Kollege nickt, steht auf und nimmt sich seinen Mantel vom Garderobenständer. Die anderen zwei machen sich ebenfalls zum Gehen bereit.
»Mahlzeit Jungs!« tönt es da schräg von der Tür her. Der CEO hat sich lässig gegen den Innenrahmen gelehnt und schaut wie nebenbei in den Raum hinein.
»Mahlzeit!« kommt es kumpelhaft aus vier Mündern zurück.
»Du Lucas, kannst du nach dem Essen mal bitte kurz zu mir kommen?« redet der CEO genauso locker weiter. »Ich wollt da noch eine Kleinigkeit mit dir bereden.«
»Ja klar, natürlich,« sagt Lucas und erntet ein joviales Grinsen von seinem Vorgesetzten.
»Komm einfach vorbei, wenn es gerade passt,« meint der noch und ist dann auch schon wieder aus dem Türrahmen verschwunden.
»Na dann,« etwas unkoordiniert sammeln sich die drei Kollegen in der Raummitte, »Mahlzeit erstmal.«
»Mahlzeit. Bis gleich,« hebt Lucas die Hand und wartet bis die drei aus dem Raum sind und er alleine ist im Zimmer. Er steht auf, zieht sein Smartphone aus der Hosentasche und geht rüber zur Tür, die seine Kollegen störenderweise einfach offen gelassen hatten. Mit Links drückt er sie zu, mit Rechts wischt sein Daumen über das Touchscreen. In den Kontakten scrollt er zu Alex - dem jüngeren seiner großen Brüder, setzt sich dann wieder auf den Stuhl und hält das Telefon ans Ohr. In dem Moment springt der Bildschirmschoner an und ein psychedelischer Regenbogen schwimmt durch ein schwarzes Meer aus eingeschlafenem Nichts.
»Hallo kleines Brüderchen,« kommt es aus dem Lautsprecher. »Sind die Sachen schon in der Post?«
»Nein«, wehrt Lucas ab, »ich ich hatte am Wochenende gegen eine kleine Grippe kämpfen müssen und da bin ich die Sachen noch nicht durchgegangen.«
»Ach Luci, so lange kannst du dir aber nicht Zeit lassen. Der Anwalt braucht die Papiere wieder, damit er alles fertig machen kann.« Lucas hört durch den Hörer geradezu, wie sein Bruder mit dem Kopf schüttelt. »Kaum lassen Matthias und ich dich aus den Augen wirst du krank und bekommst nichts mehr auf die Reihe. Oder hast du Sorge um deine drei Prozent? Die Unterlagen haben aber nichts mit der Wette zu tun.«
»Natürlich, ich weiß. Aber was kann ich denn dafür, wenn ich krank werde? Im Gegensatz zu euch da oben ist es hier im Süden des Landes um einige Grade kälter. Das bin ich noch nicht gewohnt. Und so ein Notar-Kauderwelsch ist auch verdammt schwer zu kapieren. Selbst wenn man keine zugeschwollene Stirnhöhle hat.«
»Tja, kleines Brüderchen,« brummt Alex in der entfernten Heimat, »dass das jetzt mit dir alles so kompliziert geworden ist. Hättest halt einfach doch da bleiben müssen. Dann wäre das alles ganz einfach und wir könnten uns direkt mit dem Anwalt zusammen setzen.«
»Ja. Ist halt nicht,« entschuldigt sich der kleine Bruder fast.
Eine kurze Pause entsteht, in der Lucas paralysiert dem Regenbogen auf seinem 20-Zoll-Monitor verfolgt. »Außerdem wird es schon nicht so eilig sein,« spielt er sein Versäumnis herunter. »Sonst hätte Papa uns seine Firma ja nicht am Heiligabend vermacht. Sondern irgendwann an einem Montag Vormittag.«
Lucas hasst die Diskussion um seinen Fortzug. Seine Brüder waren von Anfang an dagegen. Wegen des etablierten Netzwerkes, das man wegwirft. Der Familie, den Nichten und Neffen – die ihren Onkel jetzt nur noch vom Skypen her kennen würden – und natürlich wegen des Familienunternehmens. Ein Baumaschinenzulieferer, der seit letzte Weihnachten den drei Söhnen gehört. Zu je 33,3 Prozent. Einfach so in die Fremde wollte das kleine Brüderchen ziehen. Kopfüber und mit allem drum und dran. So etwas Hirnrissiges könne ja nur zum Scheitern verurteilt sein, waren sich die älteren Geschwister sicher. Also sah Lucas sich genötigt zu kontern. Irgendwie musste er seinen Brüdern ja zeigen, dass er es ernst meinte. An einen der hitzigen Gesprächsabende gingen sie eine kleine Wette ein. Pro Kopf drei Prozent des Firmenanteils – also sechs Prozent zusammen – wenn er es binnen eines Jahres schafft dort unten, in den Tiefen Süddeutschlands, Fuß zu fassen. Beruflich, sozial, Haus, Kind Garten, was auch immer. Hauptsache, er war nicht mehr das kleine Brüderchen unter den wohlwollenden Fittichen von Alex und Matthias.
»Macht dein Job da unten wenigsten noch Spaß?« will der immer noch große Bruder wissen.
»Auf jeden Fall. Ich geh auch gleich mit den Kollegen essen. Die sind nur schon mal vorgegangen.«
»Aber trotzdem ist es immer noch nur das Praktikum, nicht wahr?« In Alex’ Stimme schwingt etwas Sorge durch den Äther mit.
»Ja, schon.« Lucas kommt nicht drumherum sich über dessen dezente Besorgnis zu ärgern. »Aber nachher gehe ich mal zum Chef. Der wollte was von mir. Bestimmt wegen der Umstellung zur Festanstellung.«
»Na gut. Dann dir viel Glück. Ich muss jetzt auch mal weiter machen. Und setze dich heute Abend an die Papiere, dann ist Ende der Woche alles unter Dach und Fach.«
Alex verabschiedet sich und legt auf. Auch Lucas steckt sein Smartphone zurück in die Hosentasche. Steht dann auf und greift nach seinem Mantel. Er wird sich etwas beeilen müssen, wenn er seine gebratenen Nudeln mit Ente nicht alleine essen will.
***
»Hey, du wolltest mich sprechen?«
Lucas hat nach der Pause noch etwas Zeit verstreichen lassen, ehe bei seinem Chef an die Tür klopfte. Er wollte nicht den Eindruck vermitteln, er hätte sonst nichts zu tun.
»Ja. Komm’ rein und nimm Platz.« Sein Chef zeigt auf den freien Stuhl vorm Schreibtisch. Das Büro ist sehr groß. Ein Eckbüro und beglückt mit der besten Aussicht von allen Räumen in der Firma.
Erwartungsvoll setzt sich Lucas in den dunklen Lederstuhl, verschränkt leicht seine Beine und achtet darauf, nicht übermäßig hingefläzt zu wirken. Konzentriert beugt er seinen Oberkörper ein paar Zentimeter in Richtung Vorgesetzten. Der spielt leicht abwesend mit einem kleinem Schreibtischhelfer aus Edelstahl. Einem Männchen mit Scharnieren und Gelenken, das anstelle von Händen zwei spitze Greifklammern hat. Für Notizen oder als Stifthalter. Eines der Dinger, die man in Designshops kauft und mit denen man am Schreibtisch rumspielen kann, wenn man sich ablenken möchte.
»Also, du warst die letzten Wochen ja hautnah mit dabei. Hier in unserem Unternehmen,« reißt sich der Chef schließlich zusammen und lässt von dem Helferlein ab. »Und da hast du ja auch gemerkt, wie es hier läuft, wie so die Kunden ticken und so weiter.«
Lucas nickt freudig, überlässt das Reden aber seinem Gegenüber.
»Und dass der eine oder andere Kunde, wie soll ich sagen, sehr eigenwillig ist. Und manchmal halt nicht einfach. Oder nicht ganz das hält, was wir uns von ihm versprechen.«
Nichts was aus dem Rahmen fallen würde, denkt sich Lucas. Nickt aber trotzdem eifrig weiter.
»Und dann natürlich noch immer der Druck von oben, dem Headquarter.« Der Chef deutet mit seinem Daumen zum Himmel. »Da wird halt knallhart kalkuliert. Egal, ob sie sich dabei ins eigene Fleisch schneiden oder nicht.«
Das Telefon klingelt und während sein Gegenüber ausgiebig über Dinge diskutiert, die man viel effektiver per Mail klären könnte, fühlt sich Lucas gerade, als würde er an den spitzen Klammern des Helferleins zappeln. Worauf wollte sein Chef hinaus?
»Wo waren wir?,« setzt er schließlich wieder an, nachdem er das quälend überflüssige Telefonat beendet hat. »Genau. Dass Zentrale und Kunden manchmal unseren Spielraum hier ungemein einengen. Was soll ich sagen, lieber Lucas? Du bist ein ganz toller Mitarbeiter und ein großartiger und super Kollege.« Er beugt sich auf seinen Schreibtisch vor, als könne er damit der Last, die auf seinen Schultern ruht, ein Stück ausweichen. Dann driftet sein Blick ab. »Aber leider können wir dir nun doch nicht die Festanstellung bieten, die wir uns so für dich erhofft haben.« Er fällt wieder zurück in seinen Sessel und hebt abwehrend beide Hände. Egal ob ›Mich trifft keine Schuld‹ oder ›Bleibe mir bloß vom Leib‹, irgendwie sagt seine Körperhaltung gerade beides aus. »Tut mir wirklich Leid.«
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