Lucas fühlt sich mit einem Schlag unendlich flau. Aus seinem Körper scheint alle Kraft zu weichen und sein Fleisch eins mit der weichen Polsterung des Lederstuhls zu werden.
»Und … was … heißt das jetzt?« bringt er mit wankender Stimme hervor.
»Ja.« Der Chef schüttelt beinahe unmerklich den Kopf. Auf sein Gesicht hat sich der typische Ausdruck eines Firmenoberhaupts gelegt, mit dessen übermenschliche Verantwortung nicht selten auch eine immense Tragik einher geht. »Wenn es dir hilft, könnten wir noch einmal das Praktikum verlängern. Aber ob die Situation sich in einem halben Jahr ändert, kann ich dir nicht versprechen. Das verstehst du sicher, oder?«
»Schon. Aber die Festanstellung war ja eigentlich Vorraussetzung für das Praktikum. Also im Sinne: Ich soll schauen, ob es mir hier gefällt. Dann wird das Ganze fix. Und mir gefällt es hier. Also …!«
Der Chef rudert hektisch mit den Armen durch die Luft. »Ja ich weiß. Und glaube mir, wir könnten dich so gut brauchen. Du bereicherst die Firma ungemein. Aber ich kann mich ja nicht den Anweisungen aus der höheren Etage entziehen. Und nicht, dass da was missverstanden wird,« er hebt wieder abwehrend eine Hand in die Höhe, »auch von unserer Seite war das Praktikum nur ein Test und keine Garantie für dich.« Er schlägt noch ein wenig die Arme umher, dann lässt er sie wieder schlaff nach unten fallen und glotzt beleidigt auf seinen Schreibtisch.
Wenn er jetzt wieder dieses blöde Kugelgelenk-Helferlein anfasst, schießt es Lucas durch den Kopf, dann rammt er ihm den in seinen bescheuerten Arsch. Mit den spitzen Greifklammern voran.
Zurück bei den Zimmerkollegen hängt eine merkwürdige Mischung aus Neugierde, böser Vorahnung und durch die Gerüchteküche geflossene Gewissheit in der Luft.
Viel kommt Lucas nicht über die Lippen. Nur ein paar Worte, dass es wohl bei diesen paar Monaten bleibt und eigentlich schon zum Wochenende vorbei ist. Er habe ja noch ungenütze Urlaubstage übrig.
Den Rest des Tages überarbeitet er mechanisch ein paar Tabellen. Aber es könnten da jetzt auch chinesische Schriftzeichen stehen, beides scheint mit einem Mal gleich bedeutungslos. Gelegentlich schaut er noch raus aus der Fensterfront und rüber auf das oberste Geschoss des Kaufhaus-Parkdecks. Er konnte nie eine gewisse Schadenfreude unterdrücken, wenn manche Kunden drei Versuche brauchten, um ihren übergroßen SUV in eine normale Parklücke zu manövrieren.
***
In der Küche brennt einzig die kleine Lampe über dem Tisch, ansonsten ist nur noch der sich aufheizende Backofen ein weiterer, schwacher Lichtspender. Draußen vor dem Fenster hängt schwarzer Abendhimmel und drinnen in den Zimmerecken trübe Schatten.
Lucas öffnet die Klappe seines Gefrierfachs und zieht eine Tiefkühlpizza hervor. Immerhin, denkt er sich. Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ’ne Pizza her. Er reißt kurz die Pappe auf, befreit den gefrorenen Fladen von der eingeschweißten Verpackung und starrt auf die freigewordene Salamipizza, die mit all dem fleischigen Rot und dem weißgelben Käse im Halbdunkel aussieht wie ein kryonisch eingefrorenes Frankenstein-Experiment. Kopfschüttelnd holt er aus dem Kühlschrank noch ein paar Stücke gegrillte Paprika aus dem Einmachglas und drei kleine Brocken Schafskäse. So gepimpt wird die Pizza kurzerhand ins Rohr geschoben und anschließend stiert Lucas in das Nichts aus dunklen Dachfirsten jenseits seiner Wohnung. Mit der Sache heute hätte er nie gerechnet. Keine Sekunde. Beim Vorstellungsgespräch haben sie mehrmals und nachdrücklich versichert, dass sie eine langfristige Teamergänzung suchen. Und das Praktikum, das sei höchstens eine verlängerte Probezeit oder ein Entgegenkommen von Lucas nicht gleich mit einem Vollzeitgehalt anzutreten. Ein sehr großzügiges Entgegenkommen, denn schon das Praktikum war ein Minusgeschäft, das sein Konto nicht unerheblich belastete. Verärgert verschränkt er seine Arme. Vielleicht hätte er sich einfach gar nicht darauf einlassen sollen!? Dabei sah der Plan zu Beginn wirklich gut aus.
Einfach mal weg von Zuhause. Und vor allem das machen, was die älteren Brüder nicht geschafft haben. Wirkliche Freiheit und Selbstständigkeit – außerhalb der behaglichen Heimatregion, wo einem diese ewig vertraute Landschaft so vorkam, wie ein Trickfilm mit einer rennenden Cartoonfigur. Die liefen auch zigmal vor dem immer gleichen Hintergrund vorbei. Zum ersten mal überhaupt war er seinen Brüdern einen Schritt voraus. Und dann das.
Dabei bewunderten Alex und Matthias seine Pläne heimlich sogar ein bisschen. Den ganzen Umzug, einige neue Möbel, Besteck und Küchengeräte, sogar den monetären Ausgleich vom unwirtschaftlichen Praktikum finanzierte Lucas mit Erspartem. Endlich mal nicht an der Geldbörse der Eltern klammern. Mal richtig selbstverantwortlich auf eigenen Füßen stehen. Und eine neue Stadt. Keine Großstadt zwar, nicht Berlin oder München, aber immerhin größer als die Provinzstädte, in denen man bisher versucht hat sein Leben mit Abenteuern zu füllen. Was meist immer in der gleichen abgestanden Eckkneipe endete, in der sich schon die Generationen vor einem die Samstage schön soffen.
Nach knapp einer Viertel Stunde ist endlich die Pizza fertig und Lucas schiebt sie sich auf einen Teller. Mit einem Messer teilt er sie noch in acht Stücke, dann stellt er sich damit an die Balkontür. Um raus zu gehen ist es zu kalt, aber dafür löscht er die kleine Lampe über dem Tisch. Sie soll sich beim Hinaus schauen nicht störend in der Scheibe reflektieren. Der Backofen ist ja ohnehin schon abgeschaltet.
Vor seinem inneren Auge zieht noch einmal jener Donnerstag vorbei, an dem er von daheim fortgezogen ist. Montags drauf fing gleich sein Praktikum an. So hatte er noch drei Tage, um sich einzurichten und fehlendes Mobiliar und diversen Kleinkram zu kaufen. Die zwei Tage vor dem Umzug war er nur mit Packen beschäftigt gewesen, dann, am Mittwoch Abend, traf er sich mit Freunden und Familie im Lieblingslokal ›Roter Hirsch‹. Zum Verabschieden. Das Beste aber war, dass am Donnerstag Morgen seine Brüder noch mal vorbei kamen. Lucas hatte gerade den Sprinter von der Verleihfirma geholt, da standen sie vor der Tür seiner WG und wollten helfen. Der große Alex und der noch größere Matthias. Beide mit führenden Positionen im Familienunternehmen, hatten sie einfach ihre Termine nach hinten verschoben, um dem kleinen Bruder unter die Arme zu greifen. Obwohl, oder gerade weil sie vor seinem Umzug an den südlichen Rand der Bundesrepublik gewarnt hatten.
Kisten, Krams und auseinander genommenes Mobiliar waren ruck-zuck im Sprinter verstaut. Der Kleiderschrank blieb beim Mitbewohner. Und über die drei großen Kreuzungen bis sich die Wege trennten, fuhren die beiden Brüder Eskorte. Ein kurzes Hupen noch, dann rollte Lucas schon auf der Landstraße Richtung Autobahnauffahrt.
Die Fahrt verlief bis auf die letzten Hundert Kilometer einwandfrei. Aber ganz zum Schluss kam er dann doch noch in den Feierabendverkehr. Der blöde Stau mit Menschen, die sich gar nicht glücklich genug schätzen konnten, einen geregelten 9to5-Job ohne massig Überstunden zu haben, kostete Lucas eine geschlagene Stunde. Und gefährdete seinen Plan, den Transporter noch am selben Abend, Punkt Fünf vor Acht, am Hauptbahnhof der neuen Heimatstadt abzugeben. Er hatte den Wagen nur für einen Tag gemietet, obwohl seine Brüder versucht hatten, ihn eines Besseren zu belehren. Der Weg zu seiner neuen Wohnung war schnell gefunden. Er war ja schon einmal hier, um sich die Wohnung anzusehen. Damals, als er auch sein Vorstellungsgespräch hatte.
Zwei Stunden vor Sprinter-Abgabe fuhr er in die Wohnstraße ein, die sein neues Zuhause beherbergen sollte. Dezent verzierte Altbauten, manche nicht mehr ganz taufrisch. Dazu diverse Kastanien auf beiden Seiten der Straße und vorne an der Kreuzung Container für Altglas und Papier. Er fand auch einen Parkplatz direkt vor der Tür. Doch sein Überschwang, mit dem er aus dem Sprinter kletterte, wurde deutlich abgebremst, als auch nach wiederholten Klingeln beim neuen Vermieter niemand die Türe öffnete. Nicht einmal am Mobiltelefon war er zu erreichen. Lucas hatte noch keine Schlüssel. Der Vertrag wurde per Post hin und her gesendet, bei den Schlüsseln aber wollte man kein Risiko eingehen. Deshalb war ausgemacht, die Übergabe direkt am Abend seiner Ankunft zu machen.
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