Aber die Dachwohnung ist halt einsame Spitze.
»Ähm, eine Sache noch, Herr Daxler.« Lucas läuft hinter ihm die Treppenstufen hoch. »Das Wasser in meiner Dusche wird nicht richtig warm. Könnten Sie da bitte etwas machen?«
»Das geht nicht,« zischt Häuptling Lederlatsche, ohne sich umzusehen. »Wir teilen die gleiche Therme. Dann würde bei uns kochendes Wasser rauskommen. Und zu heiß darf das Wasser bei mir nicht sein. Sonst greift es die Kristalle an, über die das Wasser in meiner Wanne und Dusche fließt. Du weißt wohl nicht, dass Edelsteine immanente heilende Kraft besitzen. Sie bringen das Wasser zum Schwingen. So reinigt es nicht nur den Körper, sondern bereichert ihn auch noch mit Energie.« Jetzt schaut er sich doch einmal kurz um. »Außerdem kann es so schlimm ja kaum sein. Es hat sich noch nie ein Mieter vor dir beschwert.«
»Ja, aber vielleicht hat es sich ja irgendwie verstellt?« setzt Lucas noch nach. Aber auch das scheint sein Vermieter nicht wirklich nachvollziehen zu können. Außerdem sei kalt Duschen gut für den Kreislauf und den Aufbau von Abwehrkräften, weiß Häuptling Rosenquarz noch. Ohne zufrieden stellende Konklusion lässt er Lucas einfach alleine im Treppenhaus zurück.
Bis zum frühen Abend durchforstet Lucas die Zeitungen und sämtliche Jobseiten im Internet. Erfolglos. Die einzigen brauchbaren Angebote sind erst in der Großstadt im übernächsten Landkreis zu finden. Zum Pendeln viel zu weit. Auf jeden Fall keine erstzunehmende Alternative.
Klar. Einige schöne Büros gäbe es in der Stadt schon. Allen voran einen weiteren Platzhirsch – die Hauptkonkurrenz der Ex-Firma. Nur suchen die erstens gerade niemanden und zweitens nehmen die sicher keine gescheiterten Praktikanten ihres Kontrahenten auf.
Verärgert und enttäuscht rollt er seinen Stuhl nach hinten und legt die Beine auf den Schreibtisch. Dieser verdammte Idiot von Ex-Boss. Als hätte der Typ ernsthaft bedauert Lucas nicht übernehmen zu können. Aber wehe, einer nimmt ihm sein blödes Zangenhelferlein fort, malträtiert er den Kerl gedanklich mit dem doofen Chromspielzeug.
Das mit Abstand Dämlichste in so einer Situation ist ja immer der Leerlauf. Ein schwarzes Loch aus Zeit und Motivation. Jetzt einfach losziehen und ein bisschen die Stadt erkunden ist nicht drin. Das schlechte Gewissen würde sofort Alarm schlagen wie NORAD bei einem Angriff mit Interkontinentalraketen. Schließlich geht es hier um das schützende Dach über dem Kopf. Die Miete. Den mit Fertiggerichten und Puddingbechern gefüllten Kühlschrank. Einfach um die nackte, elementare Angestelltenexistenz. Das verfassungsmäßige Bleiberecht in der Berufswelt. Ohne, dass man nach sechs Monaten, nach abgelaufener Praktikumsfrist, wieder zurück in die Notunterkunft des Kinderzimmers abgeschoben wird.
Entnervt klickt Lucas ein paar Pop-ups der Jobbörse fort und scrollt weiter über die Homepage. Drei Wochen sind vergangen. Ergebnis bis dahin: Null. Totale Jobwüste. Zur Zeit scheint alles gesucht zu werden, nur kein Mitarbeiter für Unternehmensberatungen. Oder irgendetwas, was man mit seinem Studienabschluss noch machen könnte, ohne gleich dabei sein mühsam angeeignetes Potential verraten zu müssen. Lucas' Zeit hier scheint schneller vorbei, als seinen Brüdern in die hohle Hand gewettet. Dabei hat er sich ja noch nicht einmal an der Brooklyn-Bridge im NYTTJA-Rahmen satt gesehen. Oder den Vögeln auf dem Strommast. Beide hängen als Fotos über der kleinen Couchgarnitur, die er extra für die Wohnung gekauft hat.
Unablässig öffnet er mit Rechtsklick weitere Jobangebote in einem neuen ›Tab‹. Bei einem merkt er erst hinterher, was es ist: Das neue Praktikantengesuch seines ehemaligen Arbeitgebers.
Kopfschüttelnd liest Lucas die großen Versprechungen samt dem auffällig vielen Selbstlob.
»Was ein Arsch,« schließt Lucas das Browser-Fenster und steht auf. Die ganzen letzten Tage hat er es vermieden, unnötigerweise das Haus zu verlassen, jetzt aber zieht es ihn dann doch ins Freie. Frustriert schnappt er sich Mantel und Schal, knallt die Tür zu und läuft los. Unten, am Absatz des Treppenhauses prallt er fast mit Herrn Daxler zusammen. Sein Vermieter begrüßt ihn mit einem stechend argwöhnenden Blick, der kaum die tief sitzende Sorge verhehlt, mit Lucas nun einen arbeitslosen Mietnomaden im Haus zu beherbergen. Einen, der auf 57 Quadratmetern abzüglich Dachschrägen seine 12-köpfige rumänische Großfamilie vor dem Zoll versteckt und in der Biotonne Giftmüll entsorgt.
Wie eine zerrissene Plastiktüte lässt sich Lucas vom eisigen Wind durch die abendlichen Straßen der Stadt treiben. Der Weihnachtsglitzer wurde allerorts längst wieder abmontiert und eingemottet. Jetzt ist alles nur noch grau und blöd.
Beim Geld Abheben am Automaten fällt ihm die Zahl auf seinem letzten Kontoauszug ein. Viel Luft ist nicht mehr. Zu knapp war das Ganze kalkuliert. Zu viel Kapital ging für die Wohnungseinrichtung drauf. Für den ganzen Kleinscheiß, an den man gar nicht denkt. Neues Sideboard, ein paar Gläser und Tassen, noch eine zusätzliche Pfanne! Ist irgendwem bewusst wie teuer eine Pfanne sein kann? Erst recht, wenn man sich denkt: Ach, die erste selbstgekaufte Pfanne meines Lebens – nehme ich jetzt mal nicht die billigste von allen. Soll ja auch länger halten als bis nächste Ostern.
Lucas zwickt seine Augen zu einem schmalen Spalt zusammen. So, als wolle er dieses mulmige Gefühl vom schrumpfenden Kontostand zerdrücken. Eigentlich ist das elendige Drama mit den monatlichen Finanzen nur ein ganz abgekartetes Real-Life-Video-Game, das sich ein perfider Banker ausgedacht hat, der bei Pac-Man immer von den Geistern gefressen wurde. Auf der einen Seite steht eine gefräßige achtarmige Pixelkrake mit riesigen Dollarzeichen in den Augen. Auf der anderen Seite steht man selbst, der Videospielheld. Sein Job ist es der Krake frische Banknoten in den Rachen zu schieben. Dafür muss man sich wie ein Wahnsinniger um monetären Nachschub sorgen. Wo auch immer man ihn her nimmt. Man klettert auf Bäume, kraxelt durch Höhlen oder gräbt die Berge um. Jeden Fitzel, den man findet, wirft man dem Moneten-Monstrum zu. Allerdings ist diese Krake nicht nur gefräßig, sondern auch auf üble Weise hinterlistig. Einfach mal so bricht sie ein Stück vom Kontostand ab, um es sich gierig einzuverleiben. Mit unvorhergesehenen Reparaturen zum Beispiel. Oder Versicherungsnachzahlungen oder Strafzetteln. Und wehe, der Haben-Balken rutscht runter bis Null. Dann springt die Krake aus dem Wasser und verschlingt den mittellosen, insolventen Helden. GAME OVER. ›Für ein weiteres Spiel, werfen Sie bitte eine neue Münze ein. Ach, Sie sind ja Pleite. Tja, ihr Pech.‹
Jeder Geldautomat sollte mit einem Joystick versehen sein. Das würde weiß Gott mehr der Realität entsprechen.
Mit seinen abgehobenen 50 Euro aus dem Geldschlitz stößt Lucas einen kleinen Seufzer aus. Wenn er gegen die böswillige Krake gewinnen möchte, sollte jetzt sehr schnell etwas passieren. Ein Extraleben hat er nicht. Nur seit Weihnachten 33,3-prozentige Anteile eines mittelgroßen Familienunternehmens für Baumaschinen. Zumindest noch. Wenn das hier schief geht, sind es nur noch 27,3 Prozent. Aber so oder so. Geld bringt ihm das auch keines. Schließlich ist das ja keine Aktiengesellschaft, die mal großzügig Dividenden ausschüttet.
Entmutigt tritt er durch die automatische Schiebetür des Bankfoyers raus in die graue Kälte. Keine Frage, ein bisschen Luft muss beim Haben-Balken einfach drinnen sein – bis er wieder festen Arbeitsboden unter den Füßen hat. Also bleibt jetzt nur noch eine Sache, die ihn vor dem gefräßigen Schlund des Tentakeltieres und den habgierigen Fingern seines Vermieters retten kann: Ein mies bezahlter, die eigene Würde mit Füßen tretender und eigentlich längst hinter sich geglaubter Studentenjob. Schnelles Geld, weit außer- und unterhalb seiner Qualifikationen. Willkommen zurück in der Welt aus Kellnern, Babysitten und Flyer verteilen!
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