Begeistert drückte ich mich in eine Nische von unserem altehrwürdigen Treppenhaus und war gespannt, wie diese Auseinandersetzung enden würde. Nach noch ein paar Verweis ja, Probe nein Hin- und Herrunden, tönte es in bestem berlinerisch. „Ick hab keen Bock mehr auf die Scheiße. Lern du erst mal erklären. Ich such mir jetzt `nen Anwalt. Bayrischer Beamtenarsch.“ Tja und dann stürmte er die Treppe hinunter und ward nicht mehr gesehen.
„Bist du wieder mal ausgerückt? “, frage ich „Nee, nee keine Sorge. Ich mach Ferien. Bin bei meiner Mutter. Mann, als ich in der Zeitung gelesen hab, was hier passiert ist, bin ich gleich los, denn ich kannte sie gut.“ Dann unterbricht uns Max: „Ey cool, wir haben dich echt vermisst! Wie lange bleibst du?” Max Mützel schnappt sich den Berliner und beide machen sich schulterklopfend auf den Weg zum Ausgang.
Die meisten anderen haben noch das Bedürfnis zu bleiben, gemeinsam zu trauern und zu reden. Allgemein herrscht Unmut über das bayrische Schulsystem und die Eltern erzählen sich gegenseitig, was sie gerade mit ihren Kindern durchmachen. Man tauscht sich außerdem aus über die Erfahrungen mit dem Psychologen und dem Seelsorger, der die Klasse im Anschluss an das tragische Ereignis betreut hat. Ich fühle, dass die Sache noch einen langen Schatten werfen wird.
Als ich am Abend nach Hause komme, ist mir hundeelend. Ich hasse G8, ich hasse meinen Beruf, ich hasse die Eltern, die ihren Kindern immer noch mehr Druck machen als wir Lehrer und ich hasse mich selbst.
Meine jüngste Tochter Nele hat vor zwei Jahren Abi gemacht. Ich denke mit Schrecken an diese Zeit zurück. Sie war ständig schlecht gelaunt. Und zu keinerlei Mithilfe im Haushalt zu bewegen. Nein, ich muss lernen. Morgen ist Schulaufgabe. War ihr Standardausredesatz. Wenn sie nicht gelernt hat, konnte sie sich gerade noch aufraffen Fernseher zu schauen oder an ihrem Laptop irgendwelche Spielchen zu machen. Sie hatte kein Sozialleben mehr, keinen Sport und keine Freizeit. Nachmittags um fünf kam sie von der Schule, dann schlief sie bis um acht um dann bis Mitternacht zu lernen. Nele war mir in dieser Zeit regelrecht entglitten.
Jetzt lebt und studiert sie in Berlin. Ich beschließe sie anzurufen. Ich rufe an, es klingelt, es klingelt noch 10-mal, ich will schon aufgeben, aber dann hebt jemand ab. „Nele“, rufe ich entzückt, „ich bin`s, deine Mama!“ Die Antwort auf meinen Entzückensruf ist: „Ja!“ Dann herrscht Stille. Ich versuche ein Gespräch anzukurbeln: „Was machst du gerade?“ „Telefonieren.“ Ich warte ob noch etwas kommt, aber es kommt nichts. Ich seufze ergeben: „Hab dich lieb!“ „Hab dich auch lieb, Mama!“ Dann legt sie auf.
Ich fluche und rufe ihren Freund an. „Carlo, hier ist Eva, ist alles in Ordnung mit Nele, sie war wieder so gesprächig am Telefon.“ Carlo lacht: „Sie telefoniert eben nicht gerne. Bei mir ist sie auch so, Eva. Aber es geht ihr gut, sogar sehr gut, sie hat angefangen zu meditieren. Sie ist jetzt Buddhistin. Und das tut ihr gut, sie zappelt nicht mehr ständig mit den Füßen und kaut ihre Fingernägel nicht mehr ab.“
„Na, das ist ja mal was Neues! Und das Studium?“, frage ich nach „Na ja, das lässt sie gerade etwas schleifen, aber ich glaube, es ist wichtiger, dass sie wieder lernt sich zu entspannen.“ Ich seufze erleichtert „Das finde ich auch. Danke für die Info, Carlo!“ Ich schüttle verwundert den Kopf über diese neue Entwicklung und begebe mich zu Bett.
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