„Es war halt die Letzte! Außerdem fand ich gut, dass wir uns am Ende selbst eine Frage stellen durften“, sagte er mir.
Andy kombinierte messerscharf: „Ich glaube, das hat der Pauker nur gemacht, damit der Notendurchschnitt in der Klasse wohl nicht ganz so mies ausfällt.“
„Jo, Herr Brettschneider muss echt verzweifelt sein. Aber es ist auch schwierig, auf ‘ner Wirtschaftsschule Chemie zu unterrichten!“, war mein Fazit in dieser Angelegenheit.
„Jaja, die Naturwissenschaften. Da wäre Bio viel geiler gewesen, aber das haben sie ja leider mangels Fachlehrer nicht angeboten“, meinte Andy systemkritisch.
„Stimmt, Bio wäre sehr viel geiler gewesen! Da hätten wir wenigsten lernen können, wie man gewisse Pflanzenkulturen unfallfrei groß zieht!“, rieb ich mir die Hände.
„Jo, so ‘ne richtige Hanfplantage wäre schon super!“, strahlte Mettel.
„Aber für die Weiterverarbeitung braucht man doch wieder Chemie, um richtig geiles Dope daraus zu machen!“, fachsimpelte ich, während Andy kurz zum Klo verschwand.
„Ja Scheiße! Da hast du auch wieder Recht. Naja, dann greifen wir doch lieber zum Fertigprodukt!“
„Hast du dich schon für Friederikes Feier eingedeckt?“
„Nö, bin pleite. Muss dieses Wochenende mal ohne gehen!“
„Frag doch Andy!“
„Hab ich schon, der wollte jetzt auch mal pausieren, zumal Friederikes Eltern wohl zu Hause sind, wenn die Party steigt.“
„Oh Gott, wie ätzend ist das denn!“, heuchelte ich meine Entrüstung vor und freute mich heimlich.
„Jo, nicht gerade optimale Bedingungen, um die Puppen tanzen zu lassen, aber was soll’s! Ist schon hammerhart, dass sie dich wieder ausgeladen hat.“
„Ach weißt du, das ist schon okay! Das Einzige, was mich an der Sache richtig stört, ist, dass Friederike fast allen irgendetwas erzählt hat, um sie auf ihre Seite zu ziehen.“
„Zu mir hat sie nichts gesagt, außer dass du nicht auf die Fete kommst.“
„Ist ja klar, weil Friederike weiß, dass wir uns viel zu gut verstehen und du sofort zu mir kommen würdest, wenn sie irgendeine Scheiße erzählt.“
„Klar, ist einleuchtend!“ Mettel und ich waren uns einig, dass ich für den Moment der Gelackmeierte war. Ich wandte mich mit einer Bitte an ihn.
„Du kannst mir aber mal einen Gefallen tun. Rosa ist doch sicher auch auf der Party?“
„Ich glaube, ja!“
„Kannst du für mich mal herausfinden, warum sie so kurz angebunden zu mir ist? Ich glaube, Friederike hat ihr irgendeinen Mist über mich erzählt.“
„Meinst du?“
„Da bin ich fest von überzeugt. Letztes Wochenende hing ich doch den ganzen Abend mit Rosas Schwester Jasmin ab.“
„Ja stimmt, eine süße Maus!“
„Das kannst du wohl laut sagen. Naja, ich hatte von Andy gehört, dass Friederike ganz schön genervt war, dass sie diesmal nicht im Mittelpunkt meines Interesses stand.“
„Stimmt, das habe ich auch mitbekommen.“
„Naja, nachdem Friederike mich nicht mehr auf ihrer Party sehen wollte, sprach ich Rosa an, ob ihre Schwester jetzt am Wochenende Zeit hätte. Daraufhin bügelte sie mich mit einem Satz ab, dass Jasmin nicht in Hamburg sei. Was ja durchaus stimmen kann. Was mich nur irritiert hat, war ihr grantiger Unterton, verstehst du?“
„Klar, ist für Rosa echt ungewöhnlich. Die ist ja sonst nicht so.“
Die Schulklingel ertönte in diesem Moment und bedeutete uns, wieder ins Klassenzimmer zurückzugehen. Es stand Spanisch auf dem Stundenplan.
„Also Mettel, machst du das für mich. Mir verrät Rosa sicher nicht die wahren Gründe ihres abweisenden Verhaltens, wenn ich sie direkt drauf anspreche.“
„Kein Problem, ich versuche, aus Rosa was herauszubekommen“, versicherte mir Mettel auf den Rückweg in die Klasse.
Am Freitag wünschte ich Andy und Mettel ein schönes Wochenende und viel Spaß bei Friederikes Party. Ich traf mich samstags am späten Nachmittag mit Ernie und wir glühten schon mal vor. Wir rauchten einen netten Johnny und kippten ein paar Bier oben drauf. Johnny war bei uns eine andere Bezeichnung für Joint. Cannabis und ähnliche Substanzen waren auch damals schon illegal. Wir wussten ja nie, wer zufällig neben uns stand, wenn wir uns auf der Straße oder in der Bahn über den Konsum von Haschisch unterhielten. So gab es in der Szene einige Geheimcodes, die völlig unverfänglich waren, wie beispielsweise der Ausspruch: „Ich habe heute echt Lust auf Bob Marley!“ Damit provozierten wir zumindest nicht leichtfertig unnötigen Ärger mit den zivilen Gesetzeshütern oder unerwartete Kontrollen auf Drogenbesitz, die sich trotzdem nicht immer verhindern ließen.
Ernie wohnte mit seinen Eltern in einem kleinen Reihenhaus in Lohbrügge. Sein Zimmer war relativ ordentlich, was ich gar nicht so vermutet hätte. Es hingen einige Konzertplakate von „The Who“ und „The Yardbirds“ an der Wand, die er sich von seinem letzten London-Trip mitgebracht hatte. Ernie konnte sehr gut zeichnen und zahlreiche selbstgestaltete Bilder mit kunstvollen Schriftzügen und abstrakten Motiven klebten über seinen Schreibtisch. Ich war echt begeistert von seinem Talent.
„Sind echt klasse deine Zeichnungen, Ernie.“
„Gefallen sie dir? Ist ja nicht jedermanns Sache, aber ich versuche Elemente von Pop Art mit aktuellem Werbeplakatdesign und Cartoons zu verknüpfen und dadurch etwas Neues zu schaffen.“
„Also, ich find’s geil und bewundere deine Kreativität. Willst du später auch beruflich diesen Weg einschlagen?“
„Ehrlich gesagt, habe ich mir da überhaupt noch keine Gedanken drüber gemacht. Ich lebe eher für den Moment und lass mich einfach überraschen, wo mich mein Weg so hinführt“, philosophierte Ernie.
„Keine doofe Einstellung, gerade für uns jungen Leute wäre es cool, einfach die Zeit zu haben, seine Talente auszuprobieren und beruflich das machen zu können, was wirklich Spaß bringt. Das große Problem in unserer Gesellschaft ist nur, dass ein Leben, wie wir es uns vorstellen, ohne Geld nicht funktioniert.“
„Es wäre schon super, wenn man mit dem, was einem echt Spaß macht, auch seinen Lebensunterhalt verdienen kann.“
„Oh ja! Ficken für den Weltfrieden oder als Produkttester den ganzen Tag für den optimalen Biergeschmack saufen.“ Ernie schaute mich amüsiert an.
„Dieser Luxus ist halt nur einigen Wenigen vorbehalten, wie Profisportlern, Drogendealern oder Rockstars!“, sagte er und ergänzte: „Apropos, Rockstars, wie wäre es mit ein bisschen Mucke?“
„Auf jeden Fall!“
„Hast du irgendeinen speziellen Wunsch?“
„Nö, mach mal ruhig. Ich lass mich überraschen“, antwortete ich.
Ernie legte zur Einstimmung auf das Konzert den Soundtrack von Quadrophenia auf. The Who hatten wesentliche Teile der Musik des 1979 erschienenen Kultfilms geschrieben. Er erzählte die Geschichte zweier rivalisierender Jugendgangs – den Mods und den Rockern – in den frühen Sechzigern in England. Es ging um Liebe, Freundschaft, Freiheit, Jugendkult und der Suche nach dem richtigen Platz im Leben. Also alles Themen, die uns damals als Heranwachsende mehr als alles andere interessierten. Die Filmmusik war wirklich fabelhaft und inspirierend.
Leicht zugedröhnt und in bester Feierlaune machten wir uns irgendwann auf den Weg ins Uni-Viertel. Wir waren pünktlich zum ersten Gig einer jungen Hamburger Band im Logo. Ihr Sound war eine gute Mischung aus „The Small Faces“ und „The Sonics“. Die Stimmung brodelte und das Publikum ging richtig mit. Jede Combo hatte etwa eine halbe Stunde Zeit für ihren Auftritt. Es waren rund zehn verschiedene Musikformationen angekündigt. Ich las die Bandnamen und ich kannte keine von ihnen. Sie nannten sich „The Pussys“, „Lover Boys“ oder „Drunk Pirates“. Ernie meinte, dass viele Bands schon nach ihrem ersten Auftritt ihren Bandnamen wieder änderten, daher kannte er auch nur ganze zwei Bands, die er zuvor schon einmal hier gesehen hatte. Die Musikrichtungen, die von den einzelnen Gruppen gespielt wurden, waren so vielfältig, wie das Publikum. Wir hörten an dem Abend Beat, Punk, Ska, Rock & Roll, Blues und Heavy Metal.
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