1 ...8 9 10 12 13 14 ...20 „Halts Maul! Du bist doch unsere Oberschwulette mit deinen feinen Lederslippern“, posaunten Mettel und ich gleichzeitig heraus und lachten uns schlapp.
„Na, dann gehe ich meinen Begleitdamen als Friedensangebot gleich mal ein Schlückchen Erdbeer-Bowle kaufen“, warf uns Andy in übertrieben affektierter Art entgegen.
„Das sind doch tolle Aussichten. Lass uns jetzt aber mal rein, sonst piescher ich mir noch in meinen rosa Schlüpfer“, beendete Mettel unseren verbalen Ausflug ins Groteske.
Nachdem wir alle eine Stange Wasser in die Ecke stellten und ich den Zustand meiner Frisur überprüft hatte, enterten wir den Tresen und schauten uns um. Sie spielten hier im Kaiserkeller zwar Musik nach unserem Geschmack, aber der geringe Anteil von attraktiven Mädchen, machte uns doch unsicher, ob wir länger als auf ein Kaltgetränk bleiben sollten. Nach kurzer Beratung waren wir uns einig, ins Grünspan weiterzuziehen.
Nach einem einminütigen Fußmarsch hatten wir unser Ziel erreicht. Wir hörten von den legendären und progressiven Rockpartys, die hier regelmäßig stattfanden. Unsere Erwartungen sollten nicht enttäuscht werden. Das Gebäude stammte bereits aus dem Ende des 19. Jahrhunderts und wurde zu dieser Zeit schon als Tanzsalon genutzt. Als wir das Grünspan betraten, huschten wir sofort die Treppe zur Empore hoch, da wir hier den besten Überblick auf das rege Treiben hatten. An die Wände wurden psychodelische Lichteffekte projiziert, die auf den Sound der Musik abgestimmt waren. Die dadurch erzeugte Stimmung machte die Wahrnehmung der einzelnen Titel zu einem noch intensiveren Erlebnis. Mettel und mich hielt es nicht lange an unseren Plätzen. Nachdem wir unser Bier geleert hatten, stürmten wir auf die Tanzfläche und feierten richtig ab.
Etwa nach einer halben Stunde setzte die Nebelmaschine ein und ich sah die Hand vor Augen nicht. Plötzlich spürte ich eine Hand an meinen Hintern und die andere strich mir über die Brust hinweg zu meiner Schulter und streichelte mir den Nacken. Aufgrund des Nebels hatte ich keine Ahnung wer oder was das war. Nun bewegte sich auch die zweite Hand von meinem Gesäß über meinen Rücken zum Nacken aufwärts, so dass ich eng umschlungen kurz inne hielt und überlegte, was ich jetzt tun sollte. Dann spürte ich einen Kopf, der sich sanft an meine Brust schmiegte und die zarten Rundungen einer Frau. „Puh!“ dachte ich, „zum Glück kein liebestoller Homo!“ Nun ging ich auch in die Offensive und legte meine Hände auf ihren in einer Lederhose verpackten Knackarsch. Der Nebel ließ immer noch nicht nach, aber unsere Tanzbewegungen wurden immer eindeutiger. Wir bewegten uns rhythmisch zur Musik - einer coolen Nummer von The Doors mit dem Titel „Soul Kitchen“ - und ich genoss diese magische Begegnung in vollen Zügen. Mittlerweile löste sich der Dunst etwas auf und ich konnte langsam Umrisse einer zierlichen jungen Blondine erkennen. Wir tanzten weiter sehr eng aneinander geschmiegt. Sie neigte ihren Kopf sanft nach hinten und ihre lockigen blonden Haare offenbarten erstmals ihr Gesicht. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Sie war richtig hübsch und durch den Smokey-Eye-Effekt wirkten ihre Augen richtig mystisch. Ich schätzte sie so auf Anfang Zwanzig, so dass mir die ganze Situation noch surrealer erschien. Wir tanzten eine zweite Nummer in gleicher Weise. Als der Titel endete, nahm sie mein Gesicht in beide Hände, küsste mich auf den Mund, drehte sich um und verschwand wortlos von der Tanzfläche. Ich spürte gleich, dass es keinen Sinn machte, hinterher zu stürzen, um ihren Namen zu erfahren. Ich blieb einfach auf der Tanzfläche und lächelte in mich hinein.
„Was war das denn für ‘ne Nummer eben?“, löcherte mich Andy
„Ehrlich gesagt, kann ich dir das nicht beantworten!“
„Was für eine Monsterbraut! Die hatte ja alles, was ich zum Glücklichsein brauche“, schwärmte Mettel.
„Ich wusste auch nicht, wie mir geschah! Sie hing mir plötzlich am Hals und das fühlte sich einfach großartig an!“, gab ich völlig geflasht zurück.
Dieser Moment war für mich ganz klar der Höhepunkt des Abends. Wir blieben noch einige Zeit und rockten, was das Zeug hielt.
Ich sah die unbekannte Traumfrau nur noch einen kurzen Moment, als sie den Laden verließ und an den Jungs und mir vorbei musste. Sie schenkte mir ein letztes Lächeln und verschwand. Wir waren noch viele weitere Male im Grünspan, aber ich hatte die fremde Schöne dort nie wiedergesehen.
Für uns war die Nacht noch lange nicht vorbei. Wir wollten irgendwo noch einen Absacker zu uns nehmen und machten uns auf den Weg zum Hamburger Berg. Wir gingen die Simon-von-Utrecht-Straße hinunter und entdeckten dort eine kleine Pinte, aus der satte Gitarrensounds dröhnten. Bei einem Blick ins Fenster sahen wir eine leere Couch, über die ein in die Tage gekommenes Motorrad an die Wand montiert war. Auf einer Tafel vor der Eingangstür standen die Worte „Heute, Korn für eine Mark“.
„Das ist doch eine klare Ansage!“, sagte Mettel begeistert.
„Na, dann lass uns mal rein und zum Abschluss stilsicher einen ehrlichen norddeutschen Schnaps verhaften!“, freute sich Andy, wie ein fußkranker Rentner, der nach längerer Zeit des Stehens, Tanzens und Laufens mal wieder gemütlich sitzen wollte.
Wir nahmen also auf dem besagten Sofa unter dem Motorrad Platz und bestellten drei Maurergedecke, also ein Bier und einen Korn für jeden. In dem Laden saßen ausschließlich Motorradfreaks, die jenseits der dreißig waren. Hinter dem Raum, wo wir drei nun saßen, war der eigentliche Gastraum mit Tresen und allem was es brauchte. Den hatten wir von draußen gar nicht gesehen. Überall waren Fernseher an den Wänden montiert, auf denen Musikvideos von Hardrock- und Metal-Größen liefen. Wir wurden vom restlichen Publikum zwar etwas komisch beäugt, weil wir - wie schon im Rock Café - nicht zwingend dem Durchschnittsgast des Etablissements entsprachen, aber alle waren nett und wir fühlten uns wohl.
„Wie heißt der Laden hier eigentlich?“, fragte Andy.
„Ich meine draußen stand Steppenwolf dran. Das passt zumindest zur Einrichtung.“
„So, dann wollen wir uns mal den Korn zu Gemüte führen!“ Wir freuten uns schon auf den wärmenden Effekt des doppelt gebrannten Getreidewassers.
„Na, dann Cheers.“
„Nicht lang schnacken, Kopf in Nacken!“, forderte Mettel uns zum Trinken auf.
Wir klopften kurz die Korngläser auf den Tisch und kippten dann den hochprozentigen Alkohol mit einem Zug hinunter.
„Man, schmeckt das scheiße. Da könnte ich glatt noch einen von vertragen!“, rief ich den beiden zu und musste mich kurz schütteln.
Wir saßen gemütlich auf dem Sofa im Steppenwolf, tranken ein paar weitere Absacker und ließen die Geschehnisse der Nacht Revue passieren. Alle Drei kamen wir zu dem Entschluss, dieser Abend würde uns noch lange in Erinnerung bleiben, besonders mir.
„ In der Jugend meinen wir, das Geringste, das die Menschen uns gewähren können, sei Gerechtigkeit. Im Alter erfahren wir, dass es das Höchste ist.“
Marie von Ebner-Eschenbach
Das erste Schuljahr neigte sich fast dem Ende zu. Friederike hatte bald Geburtstag und lud uns zu ihrer Party ein. Unser Verhältnis war in den letzten Monaten wieder so vertraut, dass wir häufiger etwas miteinander unternahmen. Vor allen Dingen hatte sie nach dem vielen Hin und Her endlich mit Wolfgang Schluss gemacht. Bei mir hatte sich in der Zwischenzeit in Sachen Mädchen nicht viel getan, so nährte sich bei mir die Hoffnung, Friederike doch noch für mich gewinnen zu können.
Eine Woche vor Friederikes Geburtstagsparty wollte eine andere Mitschülerin mit uns feiern. Sie hieß Rosa und hatte ein süßes und freundliches Wesen. Sie kam aus Billstedt und leider auch aus schwierigen familiären Verhältnissen. Ihr Erzeuger hatte sich sehr früh aus den Staub gemacht und ihre Mutter mit den Kindern und allen dazu gehörigen Sorgen alleine gelassen. Mama Schütz war sehr bemüht, es ihren Töchtern an nichts fehlen zu lassen, konnte aber auch nicht die Vaterfigur ersetzen. Rosa litt unter der Situation, ohne Papa aufzuwachsen und war dadurch bedingt sehr zurückgenommen und schüchtern im Umgang mit anderen. Sie brauchte ihre Zeit, um zu Menschen in ihrer Umgebung tatsächlich Vertrauen zu fassen. Zudem hatte Rosa etwas Übergewicht, was ihr Selbstwertgefühl auch nicht gerade stärkte. Trotz ihrer Schwierigkeiten war sie eine gute Schülerin und fühlte sich in unserer Klassengemeinschaft gut aufgehoben und voll akzeptiert.
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