So wurde ich, was ich bin: Ein verbummelter Student, der dennoch stets neugierig blieb und darum lernen wollte; ein Mädchenaufreißer, der dennoch nur ehrlich lieben wollte; ein arroganter Schwätzer, der dennoch die Welt verändern wollte; ein notorischer Zyniker, der dennoch überall nach der Wahrheit suchte. Die Wahr- heit über mich selbst habe ich wenigstens dabei gefunden, aber sie allein hilft mir auch nicht weiter. Im Gegenteil, sie macht mich nur depressiv, wenn sie überhand gewinnt in meinem Denken, und diese düsteren Zeiten kommen immer wieder über mich.
Ich kann ihnen nicht ausweichen, aber ich will mir die Krankheit auch nicht eingestehen. Also muß ich sie durchleiden, ohne Hilfe, ohne Drogen - ob nun ärztlich verordnet oder heimlich vom Dealer erworben. Dann bleibt nur eins: warten, bis es selbsttätig endet.
Verzeih mir, Hilla, wenn ich die Tarnkappe trage - erst den kalten Zyniker spiele und jetzt ganz aus deinem Gesichtfeld mich stehle. Was du nicht wissen kannst: Ich muß wieder einmal diese Traurigkeit durchstehen, die dieser Tag mir beschert hat - weil er so wundersam aufregend begann und weil ich selbst ihn dann leichtfertig beschmutzt habe. Ich bitte dich: Sei geduldig mit mir und warte, ob ich zurückkehren kann in das Licht.
Du hast es doch auch empfunden, nicht wahr, als ich den Stoff, der deine Brüste verbarg, dir unbewußt nur bis über die Augen zog: diese Dunkelheit, die plötzlich hereinbricht mitten am Tag? Vielleicht war das schon ein Zeichen, das ich dir geben wollte. Denn jetzt ist die Dunkelheit bei mir selbst angekommen, und ich kann nichts anderes tun, als auf ihr Ende zu warten, irgendwo im Versteck vor allem und auch vor mir selbst - auf das Licht zu warten, das bislang immer wieder das Dunkel besiegte. Ja, "bis bald" mußt du noch warten. Ich bitte dich, tu‘s
Irgendwie hatte Hillas Bruder wohl doch besser zugehört, als er sich den Anschein gab. Günther Niebel, Juniorchef des Bankhauses Niebel, war nur in seinem Äußeren eine unauffällige Erscheinung. Wenn er nichtssagend wirkte, dann galt das allein seiner offensichtlichen Schweigsamkeit. Aber dahinter verbarg er strategisches Kalkül: Banker reden nicht, Banker rechnen, das war sein Motto. Und er war Banker - nicht deshalb, weil ihm als Erbe einer der erfolgreichsten Privatbanken kaum etwas anderes übrigblieb. Er war Banker mit Leib und Seele, wie man so sagt, so sehr, daß für ihn Privatleben bislang ein Fremdwort war.
So hatte er mit unauffällig wachem Interesse in seinem inneren Notizbuch verzeichnet, was dieser unbekannte Gast namens Siggi angeblich als bloßen Scherz zum besten gab: daß er sich als Verlobter seiner Schwester titulierte. Sei es nur ein Gag, sei es vielleicht mehr - dieser junge Mann spielte ab sofort eine Rolle in der Familienpolitik des Bankhauses Niebel, ob vorübergehend oder auf längere Sicht, mußte geprüft werden. Und deshalb war es notwendig, ihn auch sonst zu überprüfen - seine wahren Absichten ebenso wie seine bislang unbekannte Herkunft, seine Bonität wie seine Einstellung. Allerdings hatte er sich geschickt bedeckt gehalten bei dieser Vorstellung, die er am Mittagstisch inszeniert hatte - und eine eindeutige Inszenierung war auch beabsichtigt, dessen war sich Günther Niebel sicher. Nicht einmal seinen vollen Namen hatte er sich entlocken lassen, und ob Hilla ihn überhaupt wußte, dessen war sich ihr Bruder keineswegs sicher. Direkt fragen wollte er sie auf keinen Fall, denn sie sollte und durfte nichts von irgendwelchen Nachforschungen erfahren.
Dann war da noch Hagen, der Vertraute des Hauses, aber auch er hatte bei der kurzen Begegnung nichts Bedeutsames in Erfahrung bringen können. Doch Hagen mußte in ihm die Konkurrenz sehen, das war Günther klar, denn sein scharfer Blick sah sehr wohl, daß Hagen ein gewisses Interesse an Hilla nicht vollständig verbergen konnte, ob das nun auf Zuneigung beruhte oder bloßes Kalkül war, um so in den engsten Führungszirkel des Hauses aufzusteigen. Übrigens: Günther, dem mögliche Gefühle bislang fremd waren, sah in beidem letztlich das gleiche - den zielstrebigen und insofern achtenswerten Weg eines jungen Bankers zu mehr Macht.
Also war es sinnvoll, Hagen ins Vertrauen zu ziehen, seine offensichtliche Abneigung zu nutzen. Günther hingegen empfand keine Abneigung gegenüber diesem Fremden - das wäre ja auch ein bloßes Bauchgefühl und keine berechenbare Größe - ihm war nur ein objektives Mißtrauen eigen, solange nicht geklärt war, ob dieser Siggi eine Gefahr war für die Familie und damit für die Bank oder nicht. Hagen war folglich einzuschalten, wenn es dies aufzuhellen galt, denn er selbst mußte sich so weit wie möglich heraushalten, um die Schwester nicht zu verletzen. Und auch der Vater blieb besser uninformiert, solange die Aktion nicht abgeschlossen war.
Günther lud Hagen schon am folgenden Tag zu einem vertraulichen Gespräch an einem neutralen Ort. Schnell waren sich beide einig: Eine Detektei wäre hier das geeignete Instrument. Das Bankhaus hatte gelegentlich solche Dienste bereits in Anspruch genommen, wenn die Bonität eines Partners in Zweifel gezogen werden mußte. Also übernahm es Hagen, den Auftrag zu formulieren. Natürlich weder schriftlich noch durch Vorladung des entsprechenden Detektivs; Hagen würde ihn persönlich und privat aufsuchen und auch privat entlohnen. Nichts darf sich später in den Büchern finden, auch nichts auf den Konten, über die Günther privat verfügte und die letztlich doch innerhalb der Familie lesbar gemacht werden konnten. Die Erstattung des Honorars, das natürlich der Juniorchef übernehmen würde, ließ sich auch anders regeln.
Einfach war das Unterfangen nicht, das war den beiden Männern bewußt: Was hatte man schon in der Hand, um dem Schnüffler eine Spur anzubieten? Einen Namen, der nicht einmal eindeutig auf einen richtigen Vornamen schließen ließ, keinen Nachnamen, keine Adresse, überhaupt keine Angaben zu Person oder Aufenthaltsort, nur eine gewisse Personenbeschreibung und die vage Angabe, daß Hilla ihn schließlich irgendwo kennengelernt haben mußte, und wenn es nicht ein völliger Zufall, vielleicht auf dem Mannheimer Unigelände oder an einer Straßenecke war, so kamen dafür vor allem jene Lokalitäten in Betracht, in denen sie häufiger verkehrte. Und deren Zahl war nicht ganz gering, aber doch begrenzt - und vor allem: Die Namen waren gelegentlich in den Gesprächen bei Tisch, dem einzigen privaten Kommunikationsort der Familie, gefallen. So bemühte Günther sein Gedächtnis, diese ihm absolut fremde Welt ins Bewußtsein zurückzurufen.
Was dem Detektiv in die Hand gegeben werden konnte, waren eine Reihe von Bezeichnungen, deren Exaktheit allerdings nicht garantiert werden konnte. Und eine zweite, allerdings heikle Empfehlung: Die Schwester bei ihren nächsten Ausflügen ins Nachtleben dezent zu beschatten. In der Detektei nahm man den Auftrag mit einem gewissen Zögern an, aber schließlich war das Bankhaus, dem Hagen angehörte und das man als eigentlichen Auftraggeber vermutete, ein nicht unwichtiger Kunde, und auch das angebotene Honorar reizte durchaus.
So geschah es, daß ein unauffällig geparkter Wagen sich in Bewegung setzte, als Hilla ihren kleinen Sportwagen aus der Garage fuhr - natürlich mußte es solch ein Sportwagen sein, den der Vater ihr zum 18. Geburtstag geschenkt hatte, obwohl sie viel lieber ein geländegängiges Gefährt gesehen hätte. Aber Hilla kehrte stets frühzeitig zurück, weil sie allein Siggi suchte und nicht fand; und für lange Nächte mit den anderen Freunden fehlte ihr der Mut. Um nicht aufzufallen, mußte die Detektei mehrfach die Leute wechseln, die ihr folgten und sich in den entsprechenden Lokalen - im Grunde waren es nur zwei, die sie ansteuerte - in unauffälliger Nähe an ein Bierglas setzten, das sie so selten wie möglich gegen ein neues eintauschten, um fahrtüchtig zu bleiben. Doch sie warteten vergeblich, daß die Beschattete einen Mann begrüßte, auf den die Beschreibung passen könnte oder der mit Siggi angeredet wurde. Der Gesuchte blieb fern, das stellten beide fest, und beide mit Enttäuschung: das Mädchen und der diensthabende Detektiv.
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