Hagen stand immer noch ein wenig verwirrt an der Haustür, bevor er entschied, sie zu schließen und an seinen Arbeitsplatz zurückzugehen, ohne sich weiter um den Besucher zu kümmern. Schließlich war er nicht als Türhüter angestellt, sondern als heimlicher Hüter bestimmter Geldflüsse des Bankhauses, vor allem, soweit sie am Fiskus vorbei irgendwohin zu transferieren waren. Mochte dieser Siggi sehen, wie er im Obergeschoß zurechtkam.
Der aber war zielbewußt auf eine der tiefbraunen Holztüren zugegangen - sein Orientierungssinn war schon immer gut ausgeprägt, auch wenn Hillas Beschreibungen manchmal nur schwer miteinander in Einklang zu bringen waren. Das unterschied sie eben: Siggi wirkte oft verwirrt oder doch verwirrend, aber er verbarg dahinter klare Ziele, die es zu erreichen galt; Hilla gab sich gerne als selbstbewußte junge Frau, klug und zielstrebig, doch in Wahrheit waren Wissen und Urteilsvermögen im Höchstfalle durchschnittlich, und im Grunde ließ sie sich treiben, genoß ihre kleinen Abenteuer, ohne wirklich zu wissen, wo der so genannnte Ernst des Lebens einsetzte. Was früher allein den Söhnen aus reichem Hause vorbehalten war, ehe sie - plötzlich wohlanständig - das ihnen zustehende Erbe antraten, das galt nun auch für die Töchter - nur daß ihre Erbschaft oft unsicher blieb.
Siggi klopfte nicht an, drückte einfach die Türklinke herunter - sie zeigte einen stilisierten Löwenkopf, kitschig und zugleich imponierend - öffnete mit einem nachlässigen "Hallo" und trat ins Zimmer. Es war leer, Hilla war nicht da, doch das machte dem Besucher nichts aus. Er warf die Tür ins Schloß und sich selbst auf die penibel glattgestrichene, grün gemusterte Tagesdecke, die über ein Bett mit Messinggestell gebreitet war. Man sah, hier gab es noch Hausangestellte, die für Ordnung sorgten. Das hinderte Siggi nicht, seine Turnschuhe an den Füßen zu lassen, während er liegend die restliche Einrichtung musterte. Eine altmodische Spiegelkommode stand an der einen Seite - Gelsenkirchner Barock, dachte Siggi abschätzig, davor ein lederbezogener Würfel als Sitzgelegenheit. Sicher Erbstücke, vielleicht sogar angeeignet aus ehemals jüdischem Besitz. Einen Schrank gab es nicht, dafür versteckte Türen in der getäfelten Wand, auch hier alles in düsterer Eiche. Vor einem der beiden Fenster protzte auf andere Weise ein Schreibtisch, vollständig aus Acryl, darauf ein Laptop - Tribut an den Zeitgeist. Ein Bücherregal suchte er vergebens; Lesen schien nicht so sehr Hillas Ding. Nur ein paar Zeitschriften lagen herum, immerhin eine Ausgabe von "Geo" war darunter, allerdings nicht gerade die neueste, wie das Titelbild dem Kenner verriet.
Eine Weile lag er so da, lauschte auf die Geräusche, die irgendwo im Hause entstanden und wieder erloschen, atmete den Geruch des Zimmers, der Hillas Körper mit frischem Bettzeug und altem Eichenholz mischte, atmete, horchte, wartete. Nur den obersten - nein, den einzigen Knopf seiner Jeans hatte er geöffnet, und der Reißverschluß rutschte danach selbsttätig etwa ein Drittel nach unten.
Dann kam Hilla. Nichts wußte sie von dem Besucher, und einen Augenblick blieb sie erschrocken im Türrahmen stehen. Siggi hatte sein Gesicht abgewandt, als die Klinke heruntergedrückt wurde, und er drehte sich ihr auch nicht zu, allein ihr Geruch verriet ihm, wer dort geöffnet hatte. "Komm," sagte er. Nur dieses einzige Wort, keine Begrüßung, keine Erklärung, nur das, was in seinen Augen notwendig war. Und das reichte an Kommunikation fürs erste. Sie schloß die Tür, drehte vorsichtshalber den Schlüssel herum, der innen steckte, streifte die Pantoletten ab, zögerte nur einen einzigen kleinen Moment und stürzte sich dann auf den Mann, der da so selbstverständlich auf ihrem Bett lag und auf sie wartete. Erst lag sie auf ihm, biß ihn in Nase und Ohrläppchen, dann drehte er sich nach oben, griff unter ihr Shirt und streifte es hoch, bis es ihr Gesicht bedeckte, sie blind dalag und in den Stoff biß.
Keine Wolken zogen diesmal vorbei, die Nacht war rötlich von ihrem Shirt, dann spürte sie den kratzigen Stoff seiner Jeans, das Metall des Reißverschlusses auf ihrem nackten Bauch, und dann spürte sie auch seine Haut und spreizte gehorsam die Beine, um ihm Einlaß zu gewähren. Erst als alles vorbei war, zog er ihr den Stoff von Mund und Augen, und sie sah, wie er kleine Schweißperlen hatte auf der Stirn und unter der Nase.
Es war alles so überraschend, es war irgendwie unwirklich, was da in ihrem Zimmer, inmitten der beschützenden Burg, geschehen war. Und zum ersten Mal fragte sie sich: Liebe ich ihn eigentlich, oder sind das nur andere Gefühle? Dann lagen sie schweigend nebeneinander, und auch Siggi hatte keine Weisheiten parat wie sonst, sondern legte nur ungewohnt sanft seine Hand zwischen ihre Beine und spielte ein wenig mit dem Zeigefinger - dort, wo sie empfindlich war und empfindsam. Sie ließ es geschehen und genoß es.
Plötzlich ertönte irgendwo im Hause ein Gong. Es klang nach Tempel und Buddha, aber Hilla richtete sich erschrocken auf: "Essenszeit," sagte sie, zog ihre Hose hoch und streifte das T-Shirt über. "Ich muß zum Essen gehen. Und du?" Er lachte, frech und aufsässig, wie es seine Art war. "Was soll schon sein? Ich komme mit. Hunger habe ich schon." Ehe sie noch Einwände vorbringen konnte, hatte er seine Kleidung in Ordnung gebracht und schloß die Tür auf. "Bitte, nach Ihnen, Gnädigste!" Aber er ging vorweg auf den Flur. Doch dann mußte er sich ihrer Führung anvertrauen.
Die wenigen Schritte zu dem Raum, den man in alter Tradition das Speisezimmer nannte, versuchte Hilla, ihre Kleidung und ihre Gedanken zu ordnen. Schließlich war eine Erklärung fällig, wenn sie plötzlich mit einem ungebetenen Gast erschien. Aber wieder war Siggi schneller: Als sie eintraten und sich die Augen der anderen erstaunt und fragend auf ihn richteten, sagte er wie gehabt: "Hallo, ich bin der Siggi, Hillas Freund. Sozusagen ihr Verlobter." Danach herrschte Totenstille. Hilla schwieg, weil sie nicht wußte, ob er das ernst meinte, ob sie protestieren mußte, ob sie einfach lachen sollte wie über einen dummen Scherz. Ihr Vater schwieg, weil es ihm schlicht die Sprache verschlagen hatte, weil es selbst für einen Zornesausbruch zu schnell ging. Ihr Bruder schwieg, weil er mit seinen Gedanken wieder einmal anderswo war, bei irgendeinem Geschäft, und er sie erst einmal zurückholen mußte, um zu verstehen, was da ablief.
Siggi brach als erster das gesammelte Schweigen. Er ging auf einen leeren Platz zu, sagte einfach "Ich darf doch" und setzte sich, ohne eine Antwort abzuwarten. Doch dann wurde er ausgesprochen höflich: "Hilla hat mich eingeladen. Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich so unkonventionell" - er sagte wirklich "unkonventionell" - "hier hereinkomme. Ich hoffe, ich bereite Ihnen und der Küche keine Umstände." Und dann fügte er nach kurzer Pause hinzu: "Jedenfalls freue ich mich, Sie kennenzulernen. Das mit der Verlobung war natürlich scherzhaft gemeint - zumindestens ein wenig voreilig." Wie gewählt er sich plötzlich ausdrückt, dachte Hilla. Er kann also auch anders. Und irgendwie machte sie diese Erkenntnis traurig.
Inzwischen hatte ihr Vater sich wieder gefangen: "Es war in der Tat ein wenig überraschend für uns, Herr ..." Er wartete vergeblich darauf, daß Siggi ihm seinen Nachnamen verriet, darum fuhr er fort: "Unsere Tochter ist gelegentlich ein wenig spontan in ihrem Verhalten. Aber das ist wohl das Vorrecht der heutigen Jugend. Natürlich sind Sie uns herzlich willkommen." Er nickte dem jungen Mann zu, und der deutete tatsächlich so etwas wie eine leichte Verbeugung an, als wäre er in der Tanzschule.
Man legte noch ein Gedeck auf, das Hausmädchen - sie trägt doch wirklich ein schwarzes Kleid mit weißer Schürze, bemerkte Siggi und verschluckte nur mühsam eine entsprechende Bemerkung - das Hausmädchen also hatte in der Küche geschickt umdisponiert und servierte auch dem vierten an der Tafel, als hätte sie mit ihm gerechnet. Siggi suchte ihre Augen, aber sie gab ihm keine Chance. Erst beim Abräumen konnte er ein dezentes Lob anbringen, was sie jedoch nur mit einem betont gleichgültigen Dank entgegennahm.
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