Erst jetzt bemerkt er einen ungewöhnlichen Umstand. Außer ihm selber hält sich niemand anderes auf der Straße auf. Hier scheint kein Mensch etwas erledigen zu müssen - jedenfalls nicht zu Fuß. Daher fehlt es Autofahrern offensichtlich an der gebotenen Aufmerksamkeit gegenüber Passanten.
Er wendet sich wieder dem Grundstück zu. Aber das Tor ist bereits verschlossen und von dem Gebäude nichts mehr zu sehen.
Hin und wieder gelingt ihm ein Blick an den Villen vorbei, durch die parkähnlichen Gärten, auf die geschwungene Landschaft im Süden mit dem im Tal mäandernden und die Stadt durchziehenden Fluss. Am westlichen Horizont erahnt er die Silhouette der nachbarstädtischen Schwerindustrie im Dunst ihrer eigenen Abgase. Und im Osten zeigen die Ausläufer des Bergischen den Beginn ausgedehnter Mischwälder.
Etwa hundert Meter weiter gerät das Ende der Sackgasse in Sicht - markiert von einer mächtigen Eiche inmitten eines Wendekreises. Kurz darauf steht er vor Hausnummer 17. In einem die Zufahrt markierenden Mauerwerkspfeiler ermöglicht eine verwitterte Sprechanlage mit der Inschrift H. v. K. die Kontaktaufnahme. Am Bürgersteig schützt ein annähernd drei Meter hoher Stahlgitterzaun das Grundstück. Anschließend verhindert eine ebenso hochgewachsene Lorbeerhecke unerwünschte Einblicke. Lediglich ein Schlitz in den roh belassenen Stahlplatten des Zufahrtstores könnte ihm einen Einblick ermöglichen. Peter beugt sich herunter und versucht, etwas zu erkennen.
»Neugierig?«
Erschrocken dreht Peter sich um. Ein beleibter Mann mit pockennarbiger Gesichtshaut steht hinter ihm. Auf den Jackenärmeln seines blauen Blousons zeigt ein aufgenähtes Emblem einen Schlüsselbart. Um die Hüfte hängen Funkgerät und Lederholster. Neben ihm hockt ein Schäferhund, der mit zurückgezogenen Lefzen die gelben Zähne zeigt. Er sabbert. Der Beleibte hält ihn an einer taudicken Leine bei Fuß.
»Was haben Sie hier verloren?«
»Äh, ich ... ich suche ... jemanden«, stammelt Peter.
»Durch den Schlitz des Tores?
»Äh ...«
»Wenn Sie nicht wissen, wen Sie suchen, werden Sie ihn kaum kennen, geschweige denn finden. Und schon gar nicht wird er Sie erwarten.«
»Ich suche ...«
Der Hund bellt.
»Wohl niemanden. Besucher sind entweder registriert, uns persönlich bekannt, oder von den Bewohnern mit entsprechender Beschreibung angemeldet worden.«
›So, wie der auftritt, meint er mit uns sicher sich und seinen Hund‹, denkt Peter amüsiert. »Ich bin ein Geschäftspartner«, erklärt er.
»Ach, dann vergaß Ihr Geschäftspartner wohl, uns Bescheid zu geben!?«
Der Hund bellt aggressiv.
»Ist gut, Lämmchen«, beruhigt der Sicherheitsmann den Hund.
»Sie müssen sich bei Ihrem Geschäftspartner mit Namen und Autokennzeichen anmelden.« Dabei betont er das Wort Geschäftspartner entschieden abfällig. »Dieser informiert uns dann. Ein Tipp: Parken sie nicht am Anfang der Straße, fahren sie bis zur Zieladresse. Gegebenenfalls sollten Sie sich ausweisen können. Unbemerkt jedenfalls werden Sie nicht weit kommen. Und jetzt gehen Sie bitte wieder zu Ihrem Fahrzeug.«
»Ich habe nichts Verbotenes getan«, beschwert sich Peter.
Lämmchen steht auf den Hinterbeinen, zieht an der Leine und fletscht die Zähne. Der Wachmann kramt in einer abgewetzten Umhängetasche und befördert ein braunes Bröckchen zutage, das er auf der flachen Hand präsentiert. Augenblicklich wird es von einer lappigen Zunge weggeschleckt und einverleibt.
»Befolgen Sie einfach meinen Rat und Sie können hier jeden besuchen, der bereit ist, Sie zu empfangen«.
Peter hält es für sinnlos, über Bürgerrechte zu diskutieren, und geht zurück zum Wagen. Nach einigen Metern blickt er sich um und sieht, wie der Wachmann Lämmchen einen Maulkorb anlegt.
Wieder im Wagen sitzend drückt er auf dem Handy Alex' Nummer. Sie verabreden ein Treffen in zehn Minuten bei ihr zu Hause.
Peter lernte Alex vor zwölf Jahren kennen, kurz nach dem Tod seines Vaters. Damals gab er mehr aus Pflichtgefühl statt aus Überzeugung dem Wunsch des Vaters nach und übernahm das elterliche Bestattungsinstitut. Damit erfüllte er dem von einer schweren Krankheit gezeichneten Mann, der nicht mehr mit dem Sohn als Nachfolger rechnete, den letzten Willen. Dass er dafür das Studium der Betriebswirtschaft abbrach, hatte der Vater nicht erwartet. Aber nachdem Peter an wichtigen Prüfungen scheiterte, nutzte er die Übernahme als Rechtfertigung für den Studienabbruch.
Da er über keine berufsspezifische Ausbildung im Verarbeiten von Holz verfügte, stellte er für die handwerklichen Arbeiten einen befreundeten Tischler ein. Er selber kümmerte sich um kaufmännische Belange, die Kundenbetreuung und Akquise.
Mit dem Universitätsklinikum gewann er einen verlässlichen Auftraggeber, der die finanzielle Grundversorgung sicherstellte. Es war sein bedeutendster Akquiseerfolg, was dem Vater imponiert hätte und ihn selber mit Stolz erfüllte.
Die Anfragen führten ihn regelmäßig in die Abteilungen der Geriatrie. Er bekam Kontakt zur Altenpflegerin Alex. Rasch entstand eine innige Freundschaft, bald darauf ihre Beziehung.
Das Geschäft lief. Finanziell brauchte er sich nicht zu sorgen. Aber Freude oder zumindest Befriedigung verschaffte ihm die Arbeit nicht. Er hoffte, dass die Zeit daran etwas änderte. Aber sie änderte nichts. Im Gegenteil.
Nach fünf Jahren begleitete wachsender Widerwille die betrüblichen Gespräche mit den trauernden Angehörigen. Und täglich bedrückten sie ihn mehr. Allmählich entstand eine Barriere zwischen ihm und den Kunden. Bald erreichte er sie kaum mehr und ließ sie unzufrieden zurück. Das sprach sich herum, sodass er Aufträge verlor. Mehr und mehr.
Er war Mitte dreißig und sein Bedürfnis nach ständiger Konfrontation mit dem Tod gesättigt.
Zunächst verhinderte sein Versprechen gegenüber dem Vater die Aufgabe des Geschäfts. Aber nach einer Weile gewann er die Erkenntnis, dass ein Versprechen keine lebenslange Verpflichtung bedeutet. Der Vater würde gewiss nicht wollen, dass er sich unnötig quält und ihm zu einer Veränderung raten, ihm ein neues, selbstbestimmtes Leben wünschen. Ja, außer Zweifel, das würde er.
Auch bei Alex hinterließ die jahrelange Arbeit als Altenpflegerin ihre Spuren. Der Ernüchterung folgte Ermüdung. Ihr anfänglicher Enthusiasmus wich nach und nach der Erkenntnis, nicht in der Weise helfen zu können, wie sie es sich erhofft hatte. Sie mag ältere Menschen, sieht sie aber lieber glücklich oder wenigstens zufrieden. Und je weniger Zufriedenheit sie selber verspürte, umso mehr wuchs der Wunsch nach Veränderung.
Alex und Peter dachten über berufliche Alternativen nach. Zahlreiche Ideen wurden entwickelt, diskutiert, auf ihre Wirtschaftlichkeit untersucht und schließlich verworfen.
Die Agentur zur Verwirklichung letzter Wünsche war der Einfall, für den sich beide begeisterten und der einen ausreichenden wirtschaftlichen Erfolg versprach. Nicht, um Reichtümer anzuhäufen, sondern um ein normales, bodenständiges Leben führen zu können.
Peter fährt die Rittensteiner Straße zurück. Inzwischen haben sich die Etablissements gefüllt. Gute Laune liegt in der Luft. Man sitzt an Tischen und hält Besteck in den Händen oder raucht bei einem Drink im Stehen. Die einen reden gedämpft, andere diskutieren lautstark, je nach Lokalität und Mentalität. Als er 'Giovanni' passiert, sieht er aus den Augenwinkeln, wie Edda und Caren mit erhobenen Gläsern anstoßen.
Alex' Wohnung liegt in der Floragasse, einer der verkehrsberuhigten Seitenstraßen der 'Rittensteiner', unweit der Agentur. Zehn Minuten nachdem Peter den 'Fernblick' verlassen hat, steht er vor ihrer Haustür und drückt den Klingelknopf. Das Schloss spring auf.
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