Ein Irrtum, ohne Zweifel. Wie ist das möglich? Warum soll seinem Leben derart unverhofft ein Ende bereitet werden? Oder ist es kein Missverständnis? Ist es geplant? Ist es Vorsatz? Er braucht eine Antwort. Er braucht eine Lösung. Sofort.
Jetzt, endlich, schafft er es und schreit mit sich überschlagender Stimme die ersten verständlichen Worte: »Halt ein, mein Bruder, halt ein, ich bin es doch, du selbst!«
Dann hört er das Schwirren der blitzartig sich entspannenden Sehne, gefolgt von einem die Luft zerschneidenden Zischen. Im selben Moment trifft der Pfeil auf seine Stirn, kracht knirschend durch den Schädelknochen, durchbohrt das Hirn wie Gallert und wird von der hinteren Schädelplatte abrupt gestoppt. Die Wucht des Aufpralls schleudert den Kopf nach hinten. Sein starr in den blauen Himmel gerichteter Blick gefriert. Vor seinen Augen zittert das Ende des Pfeilschaftes. Ein markerschütterndes Fiepen und Klopfen rast durch die Gehörgänge direkt in sein Hirn, beraubt es seiner Funktion, bis sein Kopf, zum Resonanzkörper des entfesselt vibrierenden Pfeiles reduziert, in tausend Stücke zerspringt.
Schweißgebadet und gepeinigt von hämmernden Kopfschmerzen, wacht Delius auf. Es dämmert, die Vögel singen, und auf dem Dachfenster sitzt ein Rabe, der in einem monotonen 'Klackklack, Klackklack' Moos aus dem Rahmenblech pickt.
Dienstag, 10:01.
Peter Delius, Edda Gaepp und Alex Longreh nutzen die am Morgen noch angenehmen Temperaturen und versammeln sich am Tisch im Hof. Später, wenn die Sonne diesen Teil erreicht, wird ein Aufenthalt hier unerträglich.
Wie üblich sitzen sie, noch nicht ganz wach, vor Espressi und Wasser und kommentieren gelassen aktuelle Nachrichten aus Politik, Kultur oder Sport. Nach einer Weile erreichen sie Diskussionslaune. Für Delius der Zeitpunkt, die Partnerinnen über von Kettelers Offerte zu informieren.
»Gestern wurde uns ein höchst lukrativer Auftrag angeboten«, beginnt er und verstummt sogleich, um der Nachricht Gewicht zu verleihen. Es gelingt ihm, wie die erwartungsvollen Gesichter, in die er sieht, verraten. »Ihr seit einverstanden, wenn ich euch zunächst die wirtschaftlichen Eckdaten darstelle?«
Einvernehmlich nicken die Kolleginnen.
»Wir erhalten hunderttausend Euro Erfolgshonorar, zehntausend für einen Teilerfolg und nichts, wenn wir scheitern.«
Die 'Jeannies' schauen sich fragend an.
»Hunderttausend ..., wirklich? ..., nicht schlecht. Aber Peter, sonst bedarf es des vollständigen Erfolgs für einen Honoraranspruch. Was also bedeutet 'Teilerfolg'?«, will Edda Gaepp wissen. Mit einer Kopfbewegung wirft sie ihre kinnlangen schwarzen Haare nach hinten, die aber sofort wieder zurück in ihre ursprüngliche Position fallen.
»Ist ja nicht meine Idee, Edda, aber einfach zu erklären. In den Zehntausend sieht der Auftraggeber so etwas wie einen Motivationsanreiz. Ähnlich einem Antrittsgeld für einen Profikampf im Boxsport«, erläutert Peter.
»Und hunderttausend, tatsächlich hunderttausend Euro wäre das Erfolgshonorar!?«
»Ja.«
»Okay, hört sich verdammt gut an, eine derart stattliche Summe. Wird uns ja nicht gerade oft angeboten. Aber wo ist der Haken? Was müssen wir dafür leisten und wofür erhalten wir das Antrittshonorar? Sag schon, wie lautet der Auftrag?« Edda will sich nach manch verheißungsvollem, letztendlich aber im Sande verlaufendem Auftragsangebot keine unnötigen Hoffnungen mehr machen auf uneinlösbare Versprechen.
Peter nippt am Espresso, sammelt sich und erläutert so sachlich wie nötig den Auftrag. »Er wünscht sich ein Duell. Er möchte sich in ein Duell begeben und wir ...«
»Und wir sollen es organisieren?«, unterbricht ihn die zierliche Alex Longreh.
»Ja, aber die Planung ist nur ein Aspekt des Auftrages.«
»Und der andere ...?«, hakt Alex nach.
»Der andere: Einer von uns wird den Duellanten geben.«
»Wieso einer von uns? Wir haben ihm doch nichts getan, oder?«, entgegnet Alex irritiert.
»Darum, dass wir oder jemand anderes ihm etwas angetan haben, geht es nicht. Er fordert keine Satisfaktion.«
»Was dann?«
Ausführlich schildert Peter von Kettelers Beweggründe und die sich daraus resultierende Notwendigkeit eines Duells.
Edda bleibt von Peters Ausführungen unbeeindruckt. »Trotzdem, ein Duell, das ist nicht unsere Abteilung. Und wie stellt er sich das überhaupt vor? Wie bei den Musketieren, bewaffnet mit Säbeln auf einer Waldlichtung im Morgengrauen?«
»Mhh, ja, so ähnlich schon ...« Peter zögert. »Aber nicht mit Säbeln.«
»Sondern?«
»Mit Pistolen.«
Edda kräuselt die Stirn. »P ... Pistolen?«, hakt sie ungläubig nach.
»Selbstverständlich Pistolen«, erklärt Peter lapidar, als ginge es um Zucker im Kaffee.
»Wie ...? Ernsthaft? Was soll der Quatsch. Geht's hier um getarnte Sterbehilfe? Dafür muss er in die Schweiz«, ereifert sich Alex. Eine auf dem Kopf sitzende Sonnenbrille hält die schulterlangen blonden Haare aus ihrem Gesicht. »Ich habe die Geriatrie nicht verlassen, um Menschen zu töten, sondern sie nicht mehr sterben zu sehen. Ich möchte helfen, dass sie noch etwas Schönes erfahren«, erklärt sie und ergänzt ärgerlich: »Was denkt der sich?«
»Für ihn ist es wichtig, vielleicht sogar schön, wer weiß. Er verfügt über einen klaren Plan darüber, wie es ablaufen soll. Sobald er unsere Zusage erhält, wird er den Austragungsort und weitere Details bekannt geben«, entgegnet Peter, der noch immer unter dem Einfluss der so eindringlich vorgetragenen Schilderungen von Kettelers steht.
»Der Austragungsort ist dabei wohl das geringste Problem«, wirft Alex spöttisch ein.
»Richtig Alex. Stellt euch vor, wir treffen von Ketteler aus Versehen oder wir selber werden getroffen und verletzt - Schlimmeres möchte ich mir gar nicht erst ausmalen. Was dann?«, gibt Edda zu bedenken.
»Auch ohne über besondere juristische Kenntnisse zu verfügen, kann sich jeder von uns die Konsequenzen ausmalen. Sind wir erfolgreich, kassieren wir die Hunderttausend und gehen wegen Totschlags oder was weiß ich direkt in den Knast. Da nehme ich doch lieber die Zehntausend oder noch besser gar nichts und kann nachts weiterhin prima schlafen. Mal abgesehen von der Frage: Wer von uns würde sich freiwillig in ein Duell begeben?« Alex Longreh hält ihre Bedenken nicht zurück und schiebt eine provokante Idee hinterher. »Es sei denn, vorausgesetzt der Auftrag wird ernsthaft ein Thema - was ich bezweifle -, wir schießen einfach vorbei! Aber das änderte nichts an dem Risiko, dass wir selber getroffen werden könnten.«
Peter war sich des zu erwartenden Widerstandes bewusst. Auch auf ihm selber lasten Bedenken, die er nicht ignorieren kann. Aber trotz aller Vorbehalte gelangte er zu der Überzeugung, dass er das Risiko kalkulieren könne. Zum einen liegt das an den deutlichen Vorgaben von Kettelers bezüglich des Ablaufs, der ihm beherrschbar erscheint. Zum anderen jedoch am Honorar, das die Macht in seinem Kopf übernahm und aufkommende Zweifel mit dem Argument der puren Zahl 'Hunderttausend' im Keim erstickte. Dessen ist er sich bewusst. Gegen das Honorar kommt er nicht an, kann es nicht ausblenden und möchte das auch nicht. Er weiß, dass er käuflich ist - eine Hure. Warum sonst wäre er in der Lage, Fragen zu Sicherheit und Ethik beiseitezuschieben. In den Jahren der Gründungsphase der Agentur hätte ein derart stolzes Honorar mehr als einen Jahresumsatz ausgemacht. Bis heute bilden vergleichbare Honorare die Ausnahme. Erst zwei Auftraggeber gewährten ähnliche Summen für extrem personal- und zeitaufwendige Wünsche. Aber mit dem Angebot von Kettelers stünden erstmals Aufwand und Ertrag in einem bisher nie erreichten wirtschaftlich profitablen Verhältnis zueinander. Endlich könnten Investitionen getätigt und längst fällige Rücklagen geschaffen werden. ›Gut, dann bin ich eben eine Hure‹, denkt er und versucht die Vorbehalte der Partnerinnen auszuräumen.
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