Vor Aufregung nähere ich mich der Kuh so, wie ich bin. Doch plötzlich höre ich ein Flüstern: „Handschuhe nicht vergessen! Die langen!“
Verwundert blicke ich zur Seite und sehe, dass sich Frau Hufschmied neben mich gezwängt hat. Ihr Kostüm hat sie gegen ein Zelt aus Wolle getauscht, Jeans und Gummistiefel runden das Bild ab.
Gummistiefel. Ich muss mir merken, mir welche neben die Tür zu stellen.
„Natürlich, was glauben Sie denn?“ Denkt die, ich bin doof?
Ich kremple die Ärmel meines Armani-Hemdes hoch und streife die Schulterlangen Handschuhe über. Zögerlich nähere ich mich der Kuh, wobei ich spüre, dass mich Frau Hufschmied sanft und unauffällig, aber bestimmt, leitet. Ich werde gezwungen, der Kuh zunächst freundlich ins Gesicht zu schauen, bevor ich mich ihrem Hinterteil nähere. Irgendwie sind Kühe uns Menschen wohl doch ähnlicher als ich bisher dachte.
„Und Herr Doktor, können Sie von außen schon was sehen?“ Der Ruf ist so laut, dass auch die Menschen vor der Scheune beginnen, zu lachen.
Ich knie mich hinter die Kuh und beginne mit der Untersuchung. Neben mir raunt es: „Wenn Kopf und Füße Richtung Ausgang liegen, ist alles gut!“
„Alles gut! Jetzt warten wir weiter!“, rufe ich erleichtert, als ich meinen Arm wieder aus der Kuh ziehe. Schaut die mich jetzt etwa an? Was soll dieser Gesichtsausdruck denn heißen? Ganz ruhig, Karsten, das ist nur eine Kuh!
Schnell richte ich mich auf. Und schon habe ich das angedrohte Bier in der Hand. Der erste Schluck ist schon genommen, als ich merke, dass ich die Flasche in der Hand halte, die kürzlich noch in der Kuh steckte.
Mein Husten fehlinterpretierend ruft Hinnerk: „Nana, Herr Doktor, mal nicht so gierig!“ Das bringt ihm wieder zahlreiche Lacher ein. Und mir die Gelegenheit, mein Bier unauffällig ins Stroh fallen zu lassen.
Anneliese schreit. Ich zucke zusammen. Die Blicke der versammelten Gemeinde werden ernster und richten sich erwartungsvoll auf mich.
Ich drehe mich zur Kuh um und versuche, mich zusammenzureißen. So, Karsten, stell Dir vor, das wäre eine ganz normale Geburt. Was wäre zu tun?
„Frau Hufschmied, können Sie bitte die Stoppuhr aus meiner Tasche holen?!“, wage ich in forschem Ton zu sagen.
„Aber klar, Herr Doktor“, gibt sie zufrieden zurück.
Auch wenn ich keine Ahnung von Kühen habe und sie eigentlich ja nur in verarbeiteter Form mag, mache ich ab jetzt meine Arbeit. Unbezahlt, deshalb nur mit halbem Herzen, aber ich mache sie.
„Muuuh!“ Stoppuhr an. „Muuuh!“ Stopp.
Und was soll mir das jetzt sagen? Keine Ahnung, es ist eine KUH. Also müssen Vergleichswerte her. Ich messe den Abstand zwischen den Wehen. Langsam wird das meditativ, sodass ich mir die Zwischenüberlegung erlaube, ob das bei Kühen überhaupt „Wehe“ heißt. Und ob der Vater jetzt wohl nervös im Nachbargatter hin und her läuft. Als ich den Blick hebe und in die Nachbargatter sehe, lasse ich vor Schreck fast die Uhr fallen. Ungefähr zehn Kühe starren mich kauend an. Da ich ihren Blick nicht deuten kann, würde ich sagen: gleichgültig neugierig. KONZENTRATION, Herr Doktor Reich!
Die Wehen kommen immer schneller hintereinander. Oje.
Das ist doch meine erste Geburt. Genauer gesagt: Die erste Geburt für die ich als Arzt verantwortlich bin. Ojeoje.
Ok, Karsten, ganz ruhig, was hast Du gelernt? „Halt! Nicht mehr pressen. Hecheln...“
Ich spüre die Blicke der anderen. Familie und Helfer blicken alle zu mir, als ich schweißgebadet vor mich hin murmele. Ich bin nervös und angespannt. Aber was soll ich machen? Diese Geburt muss klappen. Wenn das schiefgeht, habe ich keine ruhige Minute mehr. Ich wäre am Ende, bevor ich überhaupt richtig angefangen habe. Die Geburt ist sozusagen meine persönliche Taufe. Das kann doch nicht so schwer sein. Sogar Gynäkologen können das.
„So, wieder pressen...“
Erneut spüre ich die Blicke. Auch die werdende Mutter guckt mich nun an. Ihre großen, dunklen Augen sprechen Bände: „Nun halt endlich die Klappe und mach einfach Deine Arbeit!“, scheinen sie mir entgegenrufen zu wollen. Vertraut sie mir? Ist sie auch skeptisch? Starrt sie vielleicht einfach nur durch mich hindurch und denkt gar nichts?
Nicht ablenken lassen, Karsten.
„...nicht mehr pressen... ruhig atmen...“
Bald wird die nächste Wehe kommen. Wie lange dauert so eine Geburt bei Kühen denn?
Immer mehr Schweiß rinnt meine Stirn herunter. Immer bohrender werden die Blicke der anderen. Lachen die mich etwa aus? Egal!
Die nächste Wehe. „Pressen!“
Die werdende Mutter blickt mich wieder an. Ihr Blick versenkt sich in meinen. Sie reißt die Augen weit auf.
„MUUUUUUUUUUUUUUUUH“. Plötzlich flutschen ein Kopf und zwei Vorderhufe aus der Kuh. In einer Blase aus Schleim und Blut.
Fast muss ich mich übergeben, doch ich kann an mich halten.
„Bei der nächsten Wehe ziehen Sie das Kalb an den Hufen raus“, raunt mir Frau Hufschmied zu.
„Na klar!“ Glaubt die, ich bin doof?
Ein Blick auf meine Sekretärin zeigt mir: Ja, genau das denkt sie! Schmunzelnd kniet sie neben mir und nickt leicht.
„Keine Sorge, da muss hier jeder Arzt durch“, flüstert sie freundlich. „Irgendwann erzähle ich Ihnen die Geschichten von allen Urlaubsvertretungen, die ich in den letzten zwanzig Jahren hier gesehen habe.“
Vielleicht hält sie mich doch nicht für doof. Jetzt halte ich mich für doof.
Gerade möchte ich etwas Nettes sagen, als Anneliese unruhig wird. Schnell packe ich die Vorderhufe des Kalbes und ziehe, während Anneliese drückt. Das ist Teamwork auf dem Lande.
Plötzlich rutscht das Kalb aus seiner Mutter heraus. Der Schwung lässt mich nach hinten stürzen, mein Kopf knallt an etwas Hartes und ich bin kurz etwas benommen.
Das Lachen der Umstehenden lässt mich sofort wieder klar werden und aufspringen. Frau Hufschmied drückt mir eine Schere in die Hand und blickt unauffällig zwischen mir und der Nabelschnur hin und her.
„Dann trenne ich die beiden mal“, töne ich selbstbewusster als ich in diesem Moment bin. „Oder will der Vater vielleicht...“, versuche ich sogar einen Scherz. Dieser kommt aber so offensichtlich nicht an, dass ich mich schnell hinknie und meine Arbeit verrichte. Keine Sekunde zu früh, denn auch Anneliese beginnt mit ihrer Arbeit als Mutter und schiebt mich grob zur Seite.
Also verlasse ich das Gatter und lasse der Natur ihren Lauf.
Viele Schulterklopfer, noch mehr Schluck Bier und viele abgelehnte Schnäpse später sitze ich an meinem neuen Schreibtisch und habe den Kopf in die Hände gestützt. Mein Hemd ist ruiniert, aber die Dorfbewohner scheinen zufrieden mit meiner Arbeit zu sein.
Ein dezentes Hüsteln lässt mich aufschrecken. Frau Hufschmied tut, als hätte sie meine verzweifelt erschöpfte Haltung nicht gesehen und bringt mir einen Tee.
„So, Herr Doktor. (ZUFRIEDENE PAUSE) Das war doch den Umständen entsprechend gar nicht sooooo schlimm, oder?“
Erst jetzt fällt mir auf, dass Frau Hufschmied vorhin die ganze Zeit nicht einmal so elend langsam gesprochen hat, viel mehr: keine Pausen für sich hat sprechen lassen. In Stresssituationen wird sie also schneller und präzise. Gott sei Dank!
„Ja, danke, Frau Hufschmied. Fanden Sie es denn so schlimm? Ich hatte ja in keinem Moment das Gefühl, dass es Probleme geben würde.“ Mein Selbstvertrauen kehrt schneller zurück als die Landeier hier meine Rechnungen begleichen können.
Ein kurzes Lächeln scheint über Frau Hufschmieds Gesicht zu huschen. „Nein, natürlich nicht. (WISSENDE PAUSE) Also ganz ohne Zweifel hatten Sie alles im Griff. (AUSLACHENDE PAUSE) Alle fanden Ihre Arbeit ganz toll.“
„Gut, dann schreiben Sie mal die Rechnung, danach können Sie nach Hause gehen“, herrsche ich sie an.
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