Sind die da eigentlich versichert? Vor Schreck bremse ich heftig und knalle fast mit dem Kopf aufs Lenkrad. Erschrocken kontrolliere ich meine Stirn, aber vor allem die Frisur. Sitzt.
Ruhig, Karsten. Wird schon. Auch auf dem Land gibt es Gesetze. Und eigentlich ja auch Geld. Notfalls muss ich die halt verklagen. Spätestens, wenn ich weg bin und die mich nicht mehr mit ihren Mistgabeln erreichen oder mich auf einem Scheiterhaufen verbrennen können.
Das Gehalt ist in der Tat nicht so hoch, wie ich es verdienen würde, aber dafür darf ich dort umsonst wohnen. Darf. HA, dass ich nicht lache.
Das Dorf kommt immer näher, in Sichtweite ist es auf diesem platten Land schon seit einer Weile. Und da kommt ja auch schon das Empfangskomitee. Na, das kann ja heiter werden.
„Danke für unsern neuen Doktor,
Danke, dass Dr. Reich da ist,
Danke, denn schon eh‘ wir ihn kannten,
haben wir ihn vermisst!“
Die letzten Klänge des Klaviers verklingen und ich versuche, möglichst elegant den Krampf aus meinen Wangen zu bekommen. Ein freundliches Lächeln ist ja das Mindeste, was ich als Dankeschön für den Kinderchor des Dorfes übrig haben kann. Und mehr ist auch nicht drin.
Schon als ich in das Dorf einfuhr, konnte ich die Aufbauten für meine Begrüßungszeremonie nicht übersehen: Am Eingang des Dorfes wehte ein „Herzlich Willkommen“-Banner quer über der Straße. Vor „meinem“ Haus hatte sich offenbar das gesamte Dorf versammelt.
Das Haus, in dem ich ab heute vorübergehend leben und arbeiten werde, liegt fast direkt hinter dem von mir genutzten Ortseingang. Nicht, dass es von der anderen Seite kommend viel weiter gewesen wäre. Es handelt sich um ein altes Fachwerkhaus mit Reetdach, das innen zum Glück etwas modernisiert wurde, wie ich von meinem ersten Besuch weiß. Die Toilette befindet sich also innen und hat auch schon fließend Wasser. Liebhaber würden das Haus bestimmt als ein „Juwel der Baugeschichte“ bezeichnen. In meinen Augen handelt es sich eher um eine Bruchbude, die abzureißen allerdings nicht der Mühe wert wäre. Aber für die paar Wochen hier wird es wohl reichen.
Vor dem Haus gibt es eine kleine Veranda aus Eichenholz, zu der fünf Stufen hochführen. Behindertengerecht ist anders. Auf diesen Stufen hatte sich der Kinderchor versammelt, um synchron mit dem Ausschalten meines Automotors die ersten Töne des bekannten Kirchenliedes anzustimmen. Alle sechs Strophen plus einer selbst gedichteten.
Alle starren mich erwartungsvoll an, sodass ich lächelnd aus dem Auto steige.
„Ich muss sagen: Dieser Auftritt hat mir wirklich eine Gänsehaut beschert!“
Das ist doch nett, oder? Zumindest, wenn man nicht weiß, was genau ich damit meine, aber Ironie ist bestimmt noch nicht auf dem Land eingetroffen. „Woher wussten Sie nur, dass ich genau jetzt ankomme?“ Offenbar ist das für die Landbevölkerung ein Witz, denn alle lachten herzhaft los. Um nicht wie ein kompletter Idiot dazustehen, lache ich zaghaft mit und beschließe, dieser Frage später auf den Grund zu gehen.
„Nun ja, dann werde ich mich mal einrichten gehen...“
Mein Plan ist, dass ich mit diesen Worten einfach meinen Koffer nehmen und alles einräumen könnte. Der Plan des Dorfes sieht offenbar anders aus. Frau Hufschmied ergreift das Wort: „Lieber Herr Dr. Reich. PAUSE) Ich möchte sagen – und ich glaube, ich darf es auch – (HAHAHA) also ich fasse mich auch ganz kurz, weil sie ja auch bestimmt erschöpft sind von der Reise. (PAUSE) Wir freuen uns und deshalb möchte ich Sie in aller Bescheidenheit hier bei uns ganz herzlich willkommen heißen! (KLATSCHEN) Wie Sie sehen werden, haben wir ein kleines Büffet arrangiert und würden gerne mit Ihnen anstoßen und allen die Möglichkeit geben, Sie auch einmal kennenzulernen.“ KLATSCHEN!
Diese Ansprache hat der Anspannung meiner verkrampften Lachmuskeln nicht wirklich Entspannung gebracht. Aber was soll ich sagen? Mir bleibt nur eins:
„Dann sage ich mal: Hereinspaziert in die gute Stube! Fühlen Sie sich wie Zuhause!“ Irgendwer muss es ja tun.
„Moooooment“, tönt es da etwas zitterig durch die Menge. „Erst die Formalitäten!“
Unter dem allgemeinen Gelächter teilt sich die Menge wie einst das Rote Meer und gibt den Blick auf meinen Vorgänger frei. Doktor Reiter – der Himmel weiß, welche Bewandtnis es mit diesem Namen auf sich hat – steht etwas unsicher links neben der Treppe. In seinem grauen Anzug, den er bestimmt schon seit seiner Konfirmation besitzt, sieht er etwas verloren aus. Seine Hautfarbe hat sich dem Anzug mittlerweile fast angeglichen und sein Gesicht ist eines Faltenhundes würdig. Einziger Farbtupfer ist ein deutlicher Senffleck auf der ebenfalls grauen Krawatte. Doktor Reiter strahlt mich durch seine riesige Brille mit den unendlich dicken Gläsern schief an und fängt an zu reden:
„Lieber Herr Doktor Reich. Als Ihr Vorgänger im Amte des zuständigen Arztes und Vormieter in dieser bescheidenen Hütte möchte ich Ihnen hiermit ganz offiziell die Schlüssel zu Ihrem neuen Haus überreichen! Mögen Sie darin eine ähnlich erfüllte Zeit erleben, wie ich es tat – und vor allem eine ähnlich lange!“
Ein allgemeiner Jubel bricht aus, der meine Qualen nicht gerade mindert. Auch zu diesen Worten muss ich freundlich lächeln und schaffe es tatsächlich noch einmal, mir ein „Dankeschön“ abzuringen. Mit dem Schlüssel in der Hand erklimme ich dann die erste Stufe.
„Moooment“, ertönt es da erneut. Alle lachen, während ich versuche, mir den nächsten Schauder nicht anmerken zu lassen. „Als Bürgermeister möchte ich auch noch ein paar Worte sagen!“
Stimmt, der Herr Bürgermeister. Auch ihn habe ich schon beim Vorstellungsgespräch kennengelernt. Herr Bürgermeister Meister. Hahaha. Da hat schon der erste grandiose Witz meinerseits gezeigt, wie hier der Hase läuft: „Meister? In der wievielten Generation sind sie denn Bürgermeister?“ – „In fünfter! Wieso?“ Aha, ok.
Der kleine, dicke Mann stellt sich vor mich und renkt sich fast den obersten Halswirbel aus, als er versucht, mir in die Augen zu schauen. Seine blauen Augen, die halb durch die buschigen Augenbrauen verdeckt sind, aber messerscharf durch die Brille auf mich blicken, sind dementsprechend feucht. Vielleicht liegt es auch an der Freude, dass ich endlich da bin und den alten Sack von Vorgänger ablöse. Vielleicht sind es aber auch Nackenschmerzen oder Alkoholentzug. Immerhin ist es schon fast Mittag.
Auch Herr Meister strahlt mich an, sodass die stark gerötete Haut über seinen dicken Wangen zu platzen droht. Die Adern auf der Stirn treten deutlich hervor und bieten den Schweißperlen eine perfekte Linienführung, um sauber an den Augen vorbei Richtung Hals zu fließen. Das schüttere, schon leicht gräuliche Haar zittert mit den Händen des Bürgermeisters um die Wette, als er zu reden beginnt:
„Lieber Herr Doktor. Sie treten ein schweres Erbe an.“ Ha, das ich nicht lache! „Ihr Vorgänger, Herr Doktor Reiter, war allseits beliebt, hatte immer ein offenes Ohr und wusste stets, die richtigen Worte zu finden. Tag und Nacht konnte sich das gesamte Dorf auf ihn verlassen.“ Klar! Hauptsache, das wird als Nachtarbeit und Überstunden abgerechnet! „Wir wünschen Ihnen einen guten Start – und dass diese Fußstapfen für Sie auch nicht zu groß sind!“
Der Bürgermeister zwinkert ins Volk und vergewissert sich der eingeplanten Lacher. Dann schüttelt er mir glücklich und so heftig die Hand, dass ich mich kurz versichern muss, dass meine Schulter noch intakt ist.
Eine meiner löblichsten Eigenschaften ist es, dass ich schnell lerne. Also drehe ich mich nicht sofort um, um die letzten Stufen zu erklimmen, sondern warte noch eine Weile, ob nicht noch jemand etwas zur Begrüßung sagen will.
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