K.P. Hand - Herzbrecher

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Noch immer hat der Ermittler Norman Koch mit den Folgen seines letzten großen Jobs zu kämpfen, als ausgerechnet er über die Leiche eines Jungen stolpert. Obwohl sein Verstand am seidenen Faden hängt, beschäftigt er sich mit dem Fall. Es stellt sich heraus, dass der ermordete Junge irgendwie in Verbindung mit einem großen Verbrecherring steht, hinter dem Norman schon seit Jahren her ist. Um den oder die Täter zu finden, braucht er den Rat eines alten Bekannten, dem er vor Jahren das Herz gebrochen hat. Ganz zum Leidwesen seines Freundes kann Norman nicht verstecken, dass sein Herz noch immer für seine alte Flamme schlägt. Aber Eifersucht kann sich keiner der drei Männer im Moment erlauben, denn sie geraten ins Fadenkreuz skrupelloser Mörder, die nur darauf warten, sie in eine Falle zu locken …

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Norman sah Jan bedauernd an. »Es tut mir leid.«

Kauend sah Jan auf und runzelte die Stirn. Er griff nach seiner Cola und trank einen Schluck daraus, um den Bissen runter zu spülen. »Hm. Was denn?« Er stellte das Glas wieder ab und aß weiter, als erwartete er keine Erklärung. Oder als wüsste, was Norman antworten würde.

»Wegen heute«, sagte Norman schuldbewusst.

Jan beäugte ihn kritisch. »Was meinst du genau? Das ich mal wieder zusehen durfte, wie du Bosco in blindem Wahn zusammenschlägst, und ich dich mal wieder decken musste, damit du deshalb nicht gefeuert wirst? Oder doch eher, weil wir unseren Abend jetzt damit verbringen müssen, diese Zeitverschwendung in dem Antiquitätenladen zu einem ellenlangen und sterbenslangweiligen Bericht zusammen zu fassen?«

Norman ersparte es sich, etwas zu erwidern.

Jan und er sahen sich eine Weile schweigend an.

Dann seufzte Jan und lenkte ein. »Schon gut, vergiss es einfach.«

»Du wolltest ihn auch mal unbedingt fangen«, erinnerte sich Norman. »Enio Martin.«

»Ich sag dir jetzt genau das, was du mir damals gesagt hast, als ich seinen Bruder Alessandro jagen wollte: Entweder er ist ein verdammtes Genie oder wirklich unschuldig.«

Diese Worte waren für Norman wie ein Brett vor den Kopf gestoßen zu bekommen. »Das glaubst du doch nicht um Ernst!«

»Es ist vorbei«, betonte Jan streng. »Leg den Fall ab, Norman.«

»Aber ...« Norman brach ab, weil er nichts sagen konnte, um Jan vom Gegenteil zu überzeugen. Enio Martin war alles andere als ein unschuldiger Mann, er handelte mit Waffen, mit Drogen, unterhielt ein paar Killer und mordete selbst, Norman wusste es aus erster Hand, doch das konnte er Jan nicht sagen. Nicht, ohne sich selbst zu belasten.

Seufzend lehnte Norman sich zurück und griff nach seinem Eistee.

Als er eine ganze Weile mit dem Alkoholkonsum aufgehört hatte, war die Zuckerzufuhr durch Eistee genau das richtige für ihn gewesen, selbst heute noch, obwohl er wieder trank.

»Iss etwas«, forderte Jan.

Mechanisch griff Norman nach seinem Sandwich und biss hinein. Es hätte bestimmt gut geschmeckt, wäre er nicht so gelähmt von Jans Worten gewesen. Für Norman war es, als kaute er auf Pappe herum. Er schmeckte nichts.

Enio Martin unschuldig ... von wegen!

Franklin hatte ihn belastet. Massiv belastet. Warum glaubte niemand Franklin, wo er doch auch bei all den anderen immer die Wahrheit gesagt hatte. Als Norman Franklin damals eingebuchtet hatte, war dieser mehr als bereit gewesen, für eine Strafmilderung gegen seine Komplizen auszusagen. So hatten sie im Verlauf der letzten sieben Jahre mehrere dicke Fische aus dem Verkehr ziehen können, mehrere erfolgreiche Razzien durchgeführt, Drogenbosse entlarvt und und und ... Nur einen hatten sie nicht bekommen, den dicksten aller dicken Fische: Enio Martin.

Ausgerechnet jenen Mann, den Norman geschworen hatte, dingfest zu machen, weil er nämlich jemanden vor diesem schützen musste. Wollte, korrigierte er sich. Er musste es nicht tun, aber er hatte es gewollt.

Als er kauend Jan betrachtete, fragte er sich aber – wie so oft in letzter Zeit – warum er sich das länger antat. Jan hatte Recht, es war vorbei, auf jede erdenkliche Art.

Der Gedanke machte Norman so traurig, dass er nach der Hälfte des Sandwichs doch wieder zu essen aufhörte und den Teller von sich schob.

Jan betrachtete ihn wieder mit gerunzelter Stirn, doch bevor er Norman wieder belehren konnte, ging die Tür des Ladens mit einem dezenten Surren einer elektrischen Klingel auf.

Norman sah an Jan vorbei und Jan drehte den Kopf um den Kunden zu beobachten, der trotz des Regens zu Fuß gekommen war; Norman hatte nämlich keinen Wagen bemerkt, der auf dem Parkplatz gehalten hätte.

Komplett durchnässt ging der junge Mann zur Theke und hinterließ bei jedem Schritt eine kleine Pfütze auf dem blitzsauberen Fliesenboden. Er trug eine weiße Baseballkappe, unter der braunes Haar herauslugte, eine schwarze Kunstlederjacke, zerschlissene weiße Turnschuhe und durchlöcherte Jeans. Er war jung, noch kein richtiger Mann, mehr ein Kind, ein Junge. jedenfalls für Norman.

Norman schätzte ihn auf etwa siebzehn, vielleicht auch erst fünfzehn Jahre. Heutzutage war es schwer zu sagen, die Jungs sahen immer jünger aus und die Mädchen immer älter.

Eigentlich war nichts auffällig an dem Jungen, weshalb Jan den Blick wieder abwandte und weiter aß, aber Norman hatte die nervösen Augen des Jungen bemerkt und beobachtete ihn kritisch.

Die stechend grünen Augen begegneten Normans Blick. Augenblicklich wurden die scharfkantigen Züge des Jungen hart, er zeigte eine deutliche Abneigung gegen die Betrachtung.

»Der hat was vor«, sagte Norman leise zu Jan, ohne den Blick von dem Jungen abzuwenden.

Jan schluckte den letzten Bissen hinunter und sah sich wieder über die Schulter.

Die Hände des Jungen waren tief in den Jackentaschen vergraben, Norman vermutete, dass er etwas dort versteckte, oder umklammerte. Eine Waffe vielleicht. Ein Messer?

Der Junge wurde durch Normans und Jans genauer Beobachtung immer nervöser. Als dann schließlich die vollbusige, rothaarige Bedienung des Ladens hinter der Theke auftauchte und sich freundlich erkundigte, was der Kunde denn haben möchte, machte dieser auf dem Absatz kehrt und verließ in großer Eile den Laden.

Sehr verdächtig.

Jan sagte: »Ich zahle.« Und holte sein Portmonee hervor.

Norman nickte und stand sofort auf, um dem jungen Mann zu folgen.

Als er in den Regen hinaustrat, war dieser wie ein Vorhang, der sich immer wieder vor die Zielperson schob und sie beschützte.

Norman folgte mit etwas Abstand, aber natürlich wusste der Junge, dass jemand hinter ihm herging, trotz des Regens, der laut auf die Dächer der umstehenden Häuser niederschlug.

Der Junge wurde immer schneller, Norman passte sein Tempo an. Irgendwo hinter sich hörte er dann auch Jans Schritte.

Norman blieb an dem Jungen dran, irgendetwas führte er im Schilde. Vermutlich hatte er den Laden ausrauben wollen. Keine Seltenheit in dieser Gegend. Norman wollte ihn abfangen und verhindern, dass er es zu einem späteren Zeitpunkt erneut versuchte.

Nicht, dass es Norman kümmerte, ob irgendwo irgendwelche Kassen leergeräumt wurden, wer so viel kranken Mist gesehen und erlebt hatte wie Norman, dem war gestohlenes Geld egal. Aber solche nervösen Kleinkriminellen machten oft den Fehler, in ihrer Ungeschicktheit rumzuballern und ernsthaft Menschenleben zu gefährden.

Der Junge steuerte auf eine Sackgasse zu und Norman sah sich im Vorteil. Er holte auf und rief dem jungen Mann hinterher: »He! Stehen bleiben!«

Der Junge rannte sofort los, als habe er sich seinen Fluchtplan bereits ausgelegt und nur auf den geeigneten Moment gewartet.

Norman sprintete ihm nach, direkt in die Sackgasse hinein. Vom Regen verursachter Dunst stieg dort auf und behinderte seine Sicht. Er versuchte, den Schritten des Flüchtigen mit dem Gehör zu verfolgen, doch es klang, als würde er sich plötzlich wieder nähern ...

Mit voller Wucht rannte der Junge in Norman rein. Doch Norman war größer, muskulöser, er kam nicht einmal ins Schwanken, und packte den Jungen an den Schultern.

Jan kam angerannt und schnappte sich den Jungen sogleich.

Aber Norman spürte, dass der junge Mann gar nicht mehr vor ihnen fliehen wollte. Mit aufgerissen Augen starrte er in die Gasse und stammelte: »D-D-D-Da!«

Jan konnte dem Flüchtigen ohne Widerstand Handschellen anlegen.

Norman betrachtete den Jungen verwirrt. »Was ist?«

Er nickte nur in die Gasse hinein, die von weißem Nebeldunst eingehüllt war, er schien unter Schock zu stehen.

Norman warf Jan über den Kopf des Jungen hinweg einen verwirrten Blick zu. Jan zuckte auch nur ratlos mit den Schultern.

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