K.P. Hand - Herzbrecher

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Noch immer hat der Ermittler Norman Koch mit den Folgen seines letzten großen Jobs zu kämpfen, als ausgerechnet er über die Leiche eines Jungen stolpert. Obwohl sein Verstand am seidenen Faden hängt, beschäftigt er sich mit dem Fall. Es stellt sich heraus, dass der ermordete Junge irgendwie in Verbindung mit einem großen Verbrecherring steht, hinter dem Norman schon seit Jahren her ist. Um den oder die Täter zu finden, braucht er den Rat eines alten Bekannten, dem er vor Jahren das Herz gebrochen hat. Ganz zum Leidwesen seines Freundes kann Norman nicht verstecken, dass sein Herz noch immer für seine alte Flamme schlägt. Aber Eifersucht kann sich keiner der drei Männer im Moment erlauben, denn sie geraten ins Fadenkreuz skrupelloser Mörder, die nur darauf warten, sie in eine Falle zu locken …

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Milde ausgedrückt. Diese Information hatte Franklin als letzten Strohhalm ausgespuckt, während Norman ihn bei einem Verhör im Gefängnis das dämliche Gesicht fast zu Brei geschlagen hatte, obwohl Franklin immer wieder daraufhin gewiesen hatte, dass er wirklich nicht wusste, wer Norman bei seinen Ermittlungen weiterhelfen könnte, nachdem all seine anderen Spuren ins Leere verlaufen waren. Norman vermutete, dass Franklin einfach den ersten Namen gebrüllt hatte, der ihm noch eingefallen war, damit Norman aufhörte.

Vermutlich hatte Pisani nicht einmal mehr etwas mit Enio Martin zutun, und sie verschwendeten hier mal wieder nur ihre Zeit. Genau wie Jan es prophezeit hatte.

Aller Wahrscheinlichkeit nach, konnte Franklin auch die gesamte Zeit über gelogen und Norman absichtlich zu falschen Zeugen und Mittätern geführt haben. Vielleicht schützte er Enio. Mittlerweile war für Norman alles möglich, und er vertraute niemandem mehr.

»Laut unseren Recherchen gehörte Ihr Laden einst einem Mann namens Enio Martin«, begann Jan mit der Befragung, dabei klang seine Stimme so zwanglos, als wollte er nur etwas plaudern.

Pisani schüttelte den Kopf. »Das kann nicht sein. Ich habe den Laden direkt von meinem Vater übernommen.«

»Das haben wir auch nicht angezweifelt.« Norman übernahm jetzt das Wort, und er klang nicht, als wolle er nur plaudern. Er klang streng und unnachgiebig. Beinahe verärgert, was er auch war, weil man ihn für dumm verkaufen wollte. »Vor etwa fünfzehn Jahren haben sie enorme Schulden gemacht. Wir fanden bei unseren Nachforschungen heraus, dass Sie das Geschäft an Martin verkauften, Sie selbst blieben aber Partner. Auf wundersame Weise verschwanden Ihre Schulden dann, und kurz danach waren Sie wieder Eigentümer und Enio Martins Name verschwand aus den Büchern. Seltsam.«

Jan warf Norman über die Schulter einen warnenden Blick zu, den Pisani nicht sehen konnte. Es war immer schlecht, Verdächtigen den Verdacht einfach so um die Ohren zu hauen und zu riskieren, dass sie nicht mehr kooperativ waren.

Jan ließ Norman mit dem Blick wissen, dass sie nicht hier waren, um gegen Pisani zu ermitteln, sondern gegen Enio.

Pisani blieb ganz gelassen. »Enio Martin war Geschäftsmann. Mein Bankberater verwies mich an ihn. Ich verkaufte mein Geschäft an Herrn Martin, um meine Schulden bei der Bank zu begleichen. Da ich der Beste in diesem Bereich bin, blieb ich weiterhin Partner und Geschäftsführer für Enio Martin. Als wir durch Herrn Martins erfolgreiche Marketingstrategie wieder auf schwarze Zahlen kamen, kaufte ich mein Geschäft zurück. Allerdings für das Doppelte des Verkaufspreises. Es war ein Gewinn für Enio Martin, aber auch für mich, denn so habe ich immerhin das Geschäft meiner Familie retten können. Das ist alles, was ich darüber sagen kann.«

Normans Augen wurden schmal. »Und Sie haben nicht etwa Ihr Geschäft zum Geldwäschen zur Verfügung gestellt?«

Seufzend warf Jan dazwischen: »Wir möchten Sie keineswegs einer Straftat bezichtigen ...«

»Sie können meine Geschichte gerne überprüfen und sich auch gerne die Bücher ansehen«, sagte Pisani immer noch ganz gelassen. Er zuckte mit den Schultern. »Ich habe mir nichts zu Schulden kommen gelassen. Und ich habe nichts zu verbergen. Sie dürfen sich gerne umsehen und bei der Bank alle Unterlagen einsehen.«

Seltsam. Genau das haben auch all die anderen dreißig bis vierzig Kerle gesagt, die sie im Rahmen der Ermittlungen befragt haben. Und allen konnten sie nichts nachweisen, jedenfalls nichts, was zu einer Verbindung zu Enio Martin gereicht hätte.

Norman mahlte verbissen mit den Zähnen. Es war zum verrückt werden!

»Das werden wir«, versprach Jan, jedoch immer noch freundlich. Dann beugte er sich zu Pisani herab und nahm einen flüsternden, vertrauten Ton an, als hätten die Wände Ohren oder als müsse er ein Geheimnis mit Pisani teilen. »Wenn Ihnen bezüglich Enio Martin etwas einfällt, das für uns vielleicht von Interesse sein könnte, irgendetwas, dann rufen Sie mich bitte an. Auch wenn sie es für belanglos halten, es ist wirklich wichtig, dass sie uns anrufen und sagen, wenn Ihnen an diesem Mann etwas seltsam vorgekommen ist.«

Jan reichte Pisani eine Visitenkarte.

Der Inhaber nahm sie zwar entgegen, aber Norman wusste, dass er niemals anrufen würde, selbst dann nicht, wenn er keiner von Enio Martins Männern sein sollte. Jeder wusste, dass Enio Martin zu den Teiwaz gehörte, der größten und mächtigsten Verbrecherorganisation dieser Stadt, vielleicht sogar dieses Landes. Keiner wagte es, sich mit ihm anzulegen.

Nur Norman und Jan, aber sie traten auf der Stelle.

Als sie den Antiquitätenladen verließen, sackten Normans Schultern zusammen.

Trotz, dass er gewusst hatte, dass dies nirgendwo hinführen würde, dass er nur wieder seine und Jans Zeit verschwendete, war er doch enttäuscht. Irgendwo in seinem Innersten hatte er trotz allem die Hoffnung nicht aufgegeben, das wie durch ein Wunder ein Strohhalm auftauchen würde, an den er sich klammern konnte.

Irgendetwas, das Enio Martin mit den Verbrechen in Verbindung bringen konnte, die er begangen hatte. Bei einem Mann, der so viel Unrecht tat, war es doch erstaunlich, dass es nichts gab, womit man ihn festnageln könnte.

Nichts.

Norman war müde, so müde, aber nicht wegen des Schlafmangels. Das Leben ermüdete ihn.

»Es tut mir leid«, hörte er Jan sagen, doch es klang nicht einmal so, als täte es ihm wirklich leid. Vielleicht, weil er diese Worte in diesem Rahmen einfach zu oft gesagt hatte.

Trotzdem landete eine Hand auf Normans Schulter und drückte mitfühlend zu. »Lass uns etwas essen gehen. Na komm. Ich lad dich auf einen Snack ein.«

Norman nickte zwar, doch sein Blick ging hinaus in den Regen, er sah nur Leere statt der überschwemmten Straße. Während er Enio Martin hinterher gejagt war wie ein Hund seinem Schwanz – ohne ihn je zu bekommen – hatte Norman sein Leben ruiniert. Wegen Enio Martin, der noch immer auf freiem Fuß war, und wegen Franklin Bosco, alias Frank Bosco, den er zwar eingebuchtet hatte, aber für dessen Verhaftung er seine eigene Seele an den Teufel verkauft hatte.

Und wofür all das?

Mittlerweile hatte er alles verloren, alles aufgegeben, alle Beziehungen untergraben. Er fühlte sich wie Franklin in seiner Zelle: allein, einsam, isoliert.

»Seit sieben Jahren jage ich diesen Mistkerl schon, ohne ihm auch nur einen Schritt näher gekommen zu sein«, hauchte er müde und schüttelte den Kopf. Der Regen hatte sein dunkles Haar durchnässt, sodass er wie ein begossener Pudel aussah. »Sieben verfluchte Jahre.«

3

Er hatte es wieder getan. Jetzt musste er die Leiche loswerden.

Wobei er selbst niemals von ›loswerden‹ sprechen würde. Oder von ›Leiche‹.

Natürlich war der leblose Körper in seinem Kofferraum ein toter Mensch, aber er symbolisierte mehr als es eine einfache Leiche getan hätte. Er bedeutete etwas, viel mehr als den Tod. Der Körper war mehr als eine von der Seele verlassene Hülle, er war majestätisch, würdevoll, friedvoll in seiner Schlaffheit. Wunderschön. Jedenfalls für ihn.

Aber eben nur kurz nach Eintritt des Todes. Danach kam ihm unweigerlich diese lästige Leichenstarre in die Quere. Und bevor diese einsetzte, wollte er den Körper wieder ›freilassen‹, so wie er die Seele frei gelassen hatte. Damit er ihn so in Erinnerung behielt, wie er jetzt war: schlaff.

Er parkte neben einer Sackgasse. Außer ihm parkte auf der anderen Straßenseite nur ein weiterer Wagen, der jedoch verlassen war. Dank des strömenden Regens war die Stadt fast menschenleer, vor allem in diesem recht unbeliebten Stadtteil in der Nähe eines Bahnhofsviertels, wo sich ohnehin nur Gesindel tummelte, das sich ausschließlich um den eigenen Kram kümmerte.

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