Na ja, nicht auf dem Kopf jedenfalls.
Nachdem Norman ausgiebig über Haare und Haarfarben im Speziellen nachgegrübelt hatte, beendete Jan das Blickduell mit einem missmutigen Verzerren seiner Mundwinkel und beschloss offenbar, dass es ohnehin sinnlos war, Norman Vorwürfe machen zu wollen.
Und es war sinnlos. Norman wusste ganz genau, dass er nicht bei der Sache war, weil er eben unter Schlafmangel litt. Aber er konnte rein gar nichts dagegen tun, und er würde ganz sicher nicht diese verdammten Tabletten nehmen oder noch öfter zu diesem Psychiater gehen, dessen Dienste er ohnehin nur in Anspruch nahm, weil seine Vorgesetzten es ihm vorschrieben.
Wenn er nicht regelmäßig zu den Sitzungen erschien, würden sie ihn suspendieren. Und das konnte er keinesfalls riskieren, im Moment war die Arbeit das einzige, was ihn vor dem Durchdrehen bewahrte. Außerdem musste er unbedingt noch diesen einen dicken Fisch fangen, bevor er überhaupt darüber nachdachte, vielleicht etwas kürzer zu treten.
Nicht für sich wollte er diesen einen Verbrecher noch fangen, nicht für seine Karriere, die ohnehin schon lange zu Ende war, sondern für den anderen. Wegen ihm hielt er sich einigermaßen aufrecht, um ihn vor diesem dicken Fisch zu schützen.
Aber Norman hatte versagt, in all der Zeit hatte er noch immer nichts erreicht. Es gab nichts in seinem Leben, was ihm mehr zusetzte, als die Tatsache, nichts zustande gebracht zu haben; nicht einmal die Alpträume. Er hatte das Gefühl, ein Nichtsnutz zu sein, ein Versager. Er fühlte sich ... hilflos, machtlos.
»Gehen wir.« Jan stieg aus, ohne darauf zu warten, ob Norman vielleicht Einspruch erheben würde.
Zu Anfang ihrer gemeinsamen Zeit, war es noch anders gewesen. Der Jüngling hatte sich Norman angepasst, sich seinem Urteil gebeugt. Doch je mehr Routine aufgekommen war, je mehr hatte Norman sich seinen inneren Dämonen hingeben, was letztlich zu dem Ergebnis geführt hatte, das Jan alles übernahm und Norman quasi nur noch mitgezogen wurde.
Es sei denn, es ging um den einen wichtigen Fall, bei dem sie beide einfach nicht weiterkamen.
Und auch diese Spur würde wieder ins Leere führen. So wie alle Spuren die Norman seither verfolgt hatte. Er musste es trotzdem überprüfen. Nicht, weil er große Hoffnung hatte, letztlich doch noch etwas zu erreichen, sondern einfach, weil er verzweifelt war und den Fall nicht ablegen wollte.
Er musste es tun. Niemand außer ihm könnte es tun. Nicht etwa, weil er sich für den besten hielt – das war er schon lange nicht mehr – sondern weil er wusste, mit welcher Art Typen sie in diesem Fall zu tun hatten. Keine Kleinkriminellen, keine Diebe, keine Möchte-Gern-Gangster, keine Täter, die alleine operierten. Nein, sondern Männer des organisierten Verbrechens. Waffenhändler, Drogendealer im großen Stil ... Sklavenhändler. Männer mit viel Geld, viel Macht und unzähligen kleinen Spitzeln und Maulwürfen. Sie lachten über die kleinen Ermittler bei der Polizei, weil sie wussten, dass sie rein gar nichts tun konnten. Nicht solange Geld die Welt regierte. Und das würde sich nie ändern.
Und Norman war leider einer dieser blöden Bullen, die trotzdem nicht aufgeben wollten. Selbst dann nicht, wenn es ihm langsam den Verstand raubte.
Norman stieg aus und warf Jans Wagentür etwas zu grob zu, weshalb ihm sein jüngerer Kollege einen warnenden Blick zu warf.
Norman beachtete ihn nicht, er richtete den Kragen seines Ledermantels auf und zog den Kopf ein um sich etwas vor dem gießendem Regen zu schützen, der erstaunlich warm auf sein Haupt niederschlug.
Er ging an Jan vorbei und steuerte auf den Antiquitätenladen zu, der so unscheinbar wirkte, zwischen dem Elektronikgeschäft und der Edelboutique, dass er schon wieder ins Auge fiel. Die weiß-rot gestreifte Fallmarkise war eingefahren, vermutlich wegen des starken Regens. Norman langte nach dem Türgriff und zog daran, doch die Tür schien verschlossen ...
Jans Hand bewegte sich an Norman vorbei und drückte die Glastür auf. »Auf dem Schild steht: drücken «, murmelte er dabei, als spräche er mit einem Kind, mit dem er allmählich die Geduld verlor.
Norman ersparte es sich, das offensichtliche Schild zu lesen, das auf seinen Fehler hinwies, und ging einfach hinein.
Es war stickig und roch nach Möbelpolitur. Normans und Jans Schuhe hinterließen feuchte Spuren auf dem grauen Teppichboden des winzigen Lädchens. Überall standen übereinander gestapelte antike Möbel. Jedes Teil auf hochglanzpoliert. Es war so beengt, das sie kaum einen Weg nach hinten zum Tresen fanden.
Während sie sich durch die Ansammlung alter Möbel schlängelten, ließ Norman einen Finger über die glatte Oberfläche einer schwarzen Kommode aus dem 18. Jahrhundert wandern.
Kein Staub. Der Inhaber pflegte also seine Ware, was vermutlich auch der Grund dafür war, weshalb er sein Geschäft trotz der großen Möbelhäuser über Wasser halten konnte.
Besagter Inhaber stand hinter einem kleinen Tresen, der aus dunklem Holz bestand und gut zu den massiven Möbeln im Raum passte. Es handelte sich bei dem Ladenbetreiber um einen Mann etwa Mitte, vielleicht auch eher Ende, Fünfzig. Er sah genau so aus, wie Norman sich einen mit Würde älter gewordenen Italiener Vorstellte. Gutaussehenden, schlank und trainiert, fit und vital – jedenfalls sehr viel vitaler als Norman aussah. Trotz weißem Haar und einer Halbglatze, die im Schein einer einzelnen Lampe glänzte wie die Flächen der polierten Möbel, ein überaus attraktiver Mann.
Wäre Norman nicht so auf Jugend fixiert, hätte er den Mann durchaus als überaus sexy bezeichnet. Aber Norman war auf Jugend fixiert.
Jan übernahm das Gespräch, noch bevor Norman die Gelegenheit dazu bekommen hatte.
»Franco Pisani?«
Der Inhaber blickte auf. Voller Anmut, richtig würdevoll. Er nahm die Lesebrille ab, die an einer Kette um seinen Hals hing und mit jener er zuvor sein Kassenbuch studiert hatte. Er betrachtete Jan eingehend, ehe er an diesem vorbei zu Norman sah.
»Was kann ich für Sie tun, meine Herren?«, fragte er schließlich freundlich an Jan gewandt, doch in seinen Augen konnte Norman deutlich eine gesunde Skepsis erkennen
Franco Pisani schien ein guter Menschenkenner zu sein. Nach vierzig Jahren im Geschäft war dies wohl auch nicht verwunderlich. Er wusste, wer seine Kunden waren, und Norman und Jan hoben sich wohl von der üblichen Kundschaft ab.
Jan griff sich in die Lederjacke und zog seinen Dienstausweis hervor, den er Pisani direkt vor die Nase hielt. »Mein Name ist Jan Marx. Und das ist mein Kollege Norman Koch.« Jan deutete mit einem Nicken hinter sich zu Norman, der absichtlich im Gang zur Tür stehen geblieben war um eventuell diesen Fluchtweg zu blockieren, oder um zu verhindern, dass jemand hereinkam. »Wir sind von der Kriminalpolizei.«
Eine weiße Augenbraue hob sich in Pisanis Gesicht. »Von der Kripo, hm?« Er schlug das Kassenbuch zu und faltete dann die Hände darüber um zu signalisieren, das Jan und Norman seine volle Aufmerksamkeit hatten. »Wie kann ich Ihnen beiden helfen?«
»Es geht darum, dass Ihr Name am Rande einer laufenden Ermittlung aufgetaucht ist«, erklärte Jan, während er sein Dienstausweiß wieder einsteckte.
Norman hatte seinen mit Absicht nicht gezogen, weil er ihn vermutlich mal wieder nicht dabeihatte. Wie so oft in letzter Zeit. Das verfluchte Ding verschwand einfach spurlos. Vermutlich lag es irgendwo in den Rillen der weißen Ledercouch. Oder im Bett. Norman war in letzter Zeit einfach ein unverbesserlicher Chaot.
»Mein Name?« Pisani wirkte tatsächlich überrascht, oder er konnte einfach sehr gut schauspielern, so wie jeder gute Verbrecher. »Inwiefern, wenn ich fragen darf?«
Durfte er. Jan antwortete ihm auch bereitwillig: »Ein Informant verwies uns direkt an Sie.«
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