Valentin hatte hier drinnen in all den Jahren schon alles miterlebt, er war Opfer aber auch Täter gewesen. Für ein Päckchen Tabak hatte er sich auch schon mal bestechen lassen.
Okay, vielleicht öfters.
Na gut, eigentlich ziemlich oft!
Vor allem wenn Frischfleisch ankam, hatte er in den ersten Reihen gestanden, um sich seinen Spaß mit ihnen zu erlauben. Und das, obwohl er als Neuling selbst alles hatte erleiden müssen. Schlägereien, Messerstechereien mit selbst gebastelten Messerchen aus allerlei Material, das sie hier so fanden. Übergriffe unter der Dusche, nachts mit zwei offenen Augen und mit dem Arsch zur Wand schlafen müssen, um zu vermeiden, weder vergewaltigt noch abgestochen zu werden.
Ach ja, das Gefängnisleben konnte tatsächlich so wunderbar klischeehaft sein, wie es in manch Filmen dargestellt wurde, jedenfalls dann, wenn man in einem solchen Drecksloch festhing wie Valentin.
Er war gewiss kein feiner Herr, der zu Unrecht eingesperrt war, und vielleicht verdiente er das hier. Aber es widerstrebe ihm, wegen etwas zu sitzen, das er nicht getan hatte.
»Ich habe gesagt, du sollst dich ficken, Arschloch«, rief Valentin der Gefängniswache zu, weil dieser Pisser einfach nicht das Maul halten wollte.
Da geschah es, – obwohl Valentin sich sicher gewesen war, dass niemand hier seine Muttersprache verstand – der Wärter zog aus Wut die Waffe und zielte durch die Gitterstäbe auf Valentin.
»Genug! Das genügt!«, ertönte plötzlich eine deutschsprachige Stimme.
Als die dunkle melodiöse Männerstimme erklang, richtete sich Valentin auf die Ellenbogen und begutachtete neugierig den Mann, der sich vor der Zelle aufbaute und der Wache bedeutete, die Waffe zu senken. Übersetzt bat er: »Machen Sie einfach die Zelle auf, er kann gerne liegen bleiben.«
Die Wache überlegte. Erst als er einige Geldscheine zugesteckt bekam, senkte er zögerlich die Waffe und steckte sie wieder ein. Valentin bezweifelte jedoch, dass ihm je Gefahr gedroht hatte. Klar, er wäre nicht der erste Mann, der hier getötet wurde, nicht einmal an diesem Tag, aber die Waffe war so von Rost zerfressen und die Hand des Wärters hatte so gezittert aus Wut, dass er mit dem Ding vermutlich alles getroffen hätte, nur nicht Valentin.
Der fremde Mann, der zu ihm wollte, sprach zwar deutsch, aber er sah mehr wie ein Südländer aus. Spanier, Italiener, etwas in dieser Richtung. Groß, gebräunte Haut, kräftiges dunkles Haar, das er ordentlich zurückgekämmt trug. Sein imposanter Körper steckte in einem maßgeschneiderten Anzug, und trotz der tropischen Hitze schien er nicht zu schwitzen. Seine teuren Schuhe glänzten, trotz des fahlen Lichts. Ein richtiger Lackaffe, stellte Valentin fest. Noch mehr ein Snob als der Typ, der vor Kurzem hier gewesen und mit ihm gesprochen hatte. Vielleicht gehörten die beiden Männer irgendwie zusammen.
Valentin schwang die Beine über die Bettkante, als die Zelle geöffnet wurde und der Mann eintrat. Hinter diesem verriegelte der Wärter wieder die Tür und drehte dem Geschehen den Rücken zu, er wirkte nicht, als wollte er eingreifen, falls Valentin gewalttätig werden wollte.
Aber obwohl Valentin wie eines eingesperrt war, war er kein Raubtier, das sich auf alles stürzt, was ihm vor die Augen kam. Doch in diesem Loch wurden alle über einem Kamm geschert. Wer hier einsaß, war nun mal unterster Abschaum.
Valentin musterte den Mann auffällig abschätzend, dann zog er an seiner Kippe und nahm sie zwischen die Finger um reichlich Rauch auszustoßen. Dabei fragte er: »Was wollen Sie?«
Der Fremde grinste, dabei bildeten sich Grübchen um seinen Mund.
Valentin stockte einen Moment. Nicht unbedingt wegen der Grübchen, sondern viel mehr, weil er plötzlich das Gefühl hatte, den Mann zu kennen. Oder jedenfalls sah er jemanden verdammt ähnlich.
»Sie sind Valentin?«, fragte der Mann rhetorisch mit einem charmanten Lächeln. Er wäre sicher nicht in dieser Zelle, wenn er nicht gezielt nach Valentin gesucht hätte.
Valentin nickte knapp und zog erneut an seiner Kippe. Er ließ den Mann nicht aus den Augen, denn er hatte eine dunkle Vorahnung, wer er war.
»Mein Name ist Enio Martin. Ich komme aus St. Marienstadt«, berichtete er und lächelte dabei noch immer freundlich. Ein Lächeln wie es Geschäftsmänner oder Werbemenschen aufsetzten, wenn sie mit einem potenziellen Kunden sprachen. Oder, wenn sie Gewinn riechen konnten.
Der Ort kam Valentin nicht bekannt vor, der Nachname dafür umso mehr.
Valentin kaute grübelnd auf dem hinteren Stummel seiner Selbstgedrehten. »Martin, hm? Kommt mir bekannt vor.«
Und ob ihm der Name bekannt vorkam!
Enio Martin nickte schmunzelnd. »Ich glaube, Sie kennen meinen Bruder: Alessandro.«
»Kann man wohl sagen.« Valentin zog die Kippe aus dem Mund und warf den Stummel zu Boden. Er sprang leichtfüßig vom Bett und zertrat die Fluppe, ehe er sich an den Bruder des Mannes wandte, der ihn verraten hatte. Er zog neugierig die Augenbrauen hoch. »Und was verschafft mir das Vergnügen?«
»Ich hörte, Sie seien ein Mann für besondere Arbeit.«
»Ich habe meine Qualitäten.«
Enio Martin nickte wieder. »Gut. Ich hätte einen geschäftlichen Vorschlag für Sie. Es sei denn, Sie wollen die Möglichkeit nicht nutzen, aus diesem Dreckloch raus zu kommen.«
Valentin gab sich interessiert, aber nicht zu interessiert. Nach all den Jahren wusste er, dass er Platz für Verhandlungen lassen musste, wenn er mehr rausholen wollte als die üblich eingeplante Summe seines Kunden.
Er lehnte sich mit verschränkten Armen an die Wand zwischen den beiden Betten und nickte mit dem Kinn Enio Martin auffordernd zu. »Ich bin ganz Ohr.«
»Es geht um meinen Bruder«, erklärte Enio Martin. »Ich benötige Ihre Fähigkeiten, um ihn zu finden.«
Sie schwitzte. Der Schweiß rann ihr über den ganzen Körper, vom Gesicht über das Dekolleté, Nacken und Rücken. Unaufhaltsam, wie ein Wasserfall.
Dabei konnte eigentlich der Eindruck aufkommen, das es an diesem Augusttag kühl war, denn sobald sie aus dem Fenster ihrer Wohnung, im dritten Stock eines großen und noblen Mietskomplexes hinausblickte, war der Himmel über der Stadt mit dicken, undurchdringbaren dunklen Wolken verhangen. Doch der Schein trog, denn es war geradezu ekelerregend schwül. Drückend. Wie im tiefsten Urwald. Sodass man schon bei der kleinsten Bewegung schwitzte wie ein Bauarbeiter in der brutzelnden Sonne.
Sie öffnete die Balkontür um Luft in den Raum zulassen.
Die Flaggen auf dem spitzen Dach des Rathauses, das sie von ihrem Wohnzimmerbalkon aus erblicken konnte, flackerten heftig in einem stürmischen Wind, von dem sie in ihren vier Wänden nichts mitbekam.
Wobei es sich nicht wirklich um ihre vier Wände handelte. Sie lebte in einer Mietswohnung, allein, und ihr Daddy bezahlte die Miete, weil sie es sich nicht leisten konnte.
Anni war junge zweiundzwanzig Jahre alt, kinderlos, unverheiratet und hatte gerade erst angefangen, im Krankenhaus als Krankenpflegerin zu arbeiten. Mit ihrem niedrigen Gehalt hätte sie sich vielleicht eine Wohnung im Bahnhofsviertel mieten können, aber weder hatte sie die Absicht, bei den dort überwiegend lebenden Prostituierten und Drogendealern zu leben, noch hätte ihr Daddy das zugelassen.
Anni stand mit einer Tasse Kaffee vor dem Balkonfenster, das sie geöffnet hatte. Sie sah auf ihre teure Armbanduhr und las die Zeit von dem weißgoldenen Ziffernblatt ab. Es war ihre Lieblingsuhr, ihre großen Schwester Melissa hatte sie ihr zu ihrem achtzehnten Geburtstag geschenkt. Das Band bestand aus weichem weißen Leder. Genau Annis Stil.
Es war Zeit, zu gehen.
Sie trank die Tasse halb aus und verzog das Gesicht, weil der Kaffee noch zu heiß gewesen war. Anni stellte die Tasse in die Spüle zu ihrem restlichen Frühstücksgeschirr, sie würde sich nach ihrer Schicht im Krankenhaus um den Haushalt kümmern, vielleicht war es dann auch endlich kühler. Der Wetterbericht hatte ja ein Unwetter vorhergesagt, das die Temperaturen endlich wieder etwas senken solle.
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