Der perfekte Ort um anonym etwas zu ›deponieren‹.
Er stieg aus und ging um den Wagen herum. Noch ein Blick über die Schulter, dann öffnete er den Kofferraum. Er hatte diesen Ort gezielt ausgesucht, genau diesen toten Winkel, hier gab es keine Überwachungskameras von Zufahrten, von Parkhäusern, Parkplätzen oder Geschäften. Die einzigen Läden hier waren kleine Einzelhandelbetriebe, die ihre Haupteingangstüren nicht mit Kameras überwachten, das hatte er überprüft.
Er beugte sich in den Kofferraum und schlug die eisblaue Plane zurück. Als er den nackten Körper betrachtete, erinnerte er sich noch gut daran, wie er etwa eine Stunde zuvor in seinem Haus mit großer Ehrfurcht die blasse Haut gewaschen hatte – sie von sich und seiner Tat reingewaschen hatte. Er wurde schon wieder hart, während er sich daran erinnerte.
Seine Triebe ignorierend, zurrte er die Plane fest um den Körper und hob die Leiche aus dem Wagen. Er ging mit der Last durch den Regen über die Straße und legte den Körper in einer Sackkasse neben einem Müllcontainer gut sichtbar auf den Boden in den strömenden Regen, der in Flüssen die Straßen entlang rann.
Er öffnete die Plane und warf einen letzten Blick auf das Geschöpf, das so friedlich aussah, als würde es nur schlafen.
Nach all den Jahren hatte er wieder die Kontrolle über sich verloren. Doch das einzige, was er bereute, war die bedauerliche Tatsache, dass er nicht mehr Zeit gehabt hatte.
Er streckte eine Hand aus und strich liebevoll das schöne Haar aus der Stirn, bevor er sich gewaltsam losriss und sich abwandte.
Er musste gehen, bevor er entdeckt wurde.
Gerade als er an seinem Wagen angelangte, bemerkte er einen heranrollenden schwarzen Sportwagen, der auf der anderen Straßenseite auf dem Parkplatz eines Sandwichsladens fuhr und anhielt.
Er beobachtete die beiden Männer, die ausstiegen und in das Restaurant traten, ohne ihn bemerkt zu haben. Er wusste, wer sie waren: Ermittler. Beide waren ihm nicht unbekannt. Aber das war nicht sonderlich verwunderlich, fast jeder aus der Stadt kannte die beiden. Vor einem halben Jahr hatte es einen Zeitungsbericht gegeben, der ausführlich über die beiden Favoriten der Kripo informiert hatte.
Er überlegte, wie amüsant es doch wäre, wenn ausgerechnet diese Beiden den deponierten Körper finden würden, denn diese beiden Spitzenermittler würden niemals den Täter fassen können. Niemals! Dafür hatte er bereits gesorgt, noch bevor die Seele den Körper verlassen hatte.
Während Jan ihre Bestellung aufgab – für Norman das übliche Thunfisch Sandwich und ein Glas Eistee, Pfirsich, vorzugsweise – verschwand Norman im Waschraum.
Ein Blick in den Spiegel zeigte deutlich, dass er eine Dusche und reichlich Schlaf nötig gehabt hätte, aber vorerst musste ein Spritzer kaltes Wasser ausreichen.
Er zog ein Papierhandtuch aus dem Spender und rieb sich das Gesicht trocken, seine Bartstoppeln, die wie Schatten über seine markanten Wangen lagen, rissen dabei das dünne Papier auf.
Nachdem er den benutzten Fetzen in den Mülleimer entsorgt hatte, zog er sein Smartphone hervor und wählte die Nummer des Gefängnisses in Stadtnähe. Er selbst hatte damals deutlich darauf bestanden, dass sein Gefangener in Griffnähe blieb, damit Norman nicht für jede Befragung hunderte Kilometer weit fahren musste.
Axel meldete sich, ein bekannter und befreundeter Wärter, genau wie erhofft.
»Ich bin’s«, sagte Norman.
Axel fragte sofort: »Soll ich wieder nachsehen?«
»Ja.« Norman stockte kurz, hing dann aber noch ein »Bitte« hinten ran.
»Okay.« Es raschelte, als Axel den Hörer ablegte und aufstand. Norman lauschte, wie ein Stuhl über den Boden rollte, wie Schritte sich entfernten und wie eine Tür geöffnet und geschlossen wurde.
Während er wartete, holte Norman eine Zigarette hervor.
Er war eigentlich kein aktiver Raucher, der andere hatte es nie gemocht, ebenso wie er Normans Trinkverhalten verabscheute. Doch all das hatte in letzter Zeit kaum noch Bedeutung für ihn. Norman versuchte nur, irgendwie über den Tag zu kommen und an den meisten halfen ihm Alkohol und Zigaretten sich aufrecht zu halten. So wie heute.
Er inhalierte tief, als er die Kippe mittels Streichholz angezündet hatte. Das brennende Stöckchen warf er ins Waschbecken, wo es im Abfluss für immer verschwand.
Er rauchte und Qualm staute sich im Waschraum, doch außer ihm war niemand anwesend, der sich beschweren hätte können.
Norman hatte die Kippe zu ende geraucht, als Axel endlich wieder zu hören war.
»Er sitzt in seiner Zelle.«
»Bist du dir sicher?«, fragte Norman. »Du musst dir absolut sicher sein!«
Nun seufzte Axel, als habe er genug davon. Dennoch klang seine Stimme einfühlsam, als er Norman versprach: »Er kann hier nicht raus, Norman. Franklin ist eingesperrt. Er kann niemals unbemerkt heraus. Und weil er seine Kumpanei verraten hat, gibt es niemanden, der ihn rausholen wollen würde.«
Das stimmte. Die verratenen Verbrecher wollten Franklin Bosco nicht rausholen, sie wollten ihn töten und haben dahingehend einige Male Männer eingeschleust um Franklin im Gefängnis zu ermorden, vermutlich, damit er nicht noch mehr ausplaudern konnte.
Bisher hatte es niemand geschafft.
Noch einmal sagte Axel: »Er kommt nicht raus.«
Für einen Moment konnte Norman sich vorstellen, wie sein Freund Axel mit seinem korpulenten Körper in einem Stuhl saß, wie er die Ellenbogen auf die Tischplatte stützte und sich das hellbraune Haar aus der wulstigen Stirn strich, während er überlegte, wie er Norman begreiflich machen konnte, dass er keinen Ausbruch zu befürchten hatte.
Norman nickte, obwohl Axel es nicht sehen konnte. »Gut. Okay. Danke.«
Er legte auf und wollte sich schwören, nie wieder anzurufen, sich nie wieder von seiner Angst leiten zu lassen. Aber die Wahrheit war, dass er ganz sicher wieder anrufen würde.
Es war absolut sicher.
Als er aus dem Waschraum trat und sich einen Weg durch die Bänke und Tische schlängelte, die ganz im Stil eines 50er Jahre Diners aus den USA gestaltet waren, saß Jan schon an einem Tisch mit ihrer Bestellung vor der Nase und hatte den Kopf zwischen einer erhobenen Zeitung vergraben, die er eingehend studierte.
Als Norman ihm gegenüber Platz nahm, faltete Jan die Zeitung zusammen.
»Gute Ergebnisse?«, erkundigte sich Norman, um Interesse zu heucheln.
Jan schüttelte grimmig den Kopf. Er war nicht gut drauf, seit sein bevorzugter Fußballverein mies spielte.
Norman selbst interessierte sich nicht sonderlich für diesen Sport. Er wusste nicht einmal, welchen Verein Jan überhaupt anfeuerte. Er war immer zu sehr mit sich selbst beschäftig. Anfangs war es um seine Karriere gegangen, um Ruhm und Ehre, nun ging es nur noch darum, sich selbst zu bemitleiden. Er wusste das, der andere hatte es ihm oft genug vorgeworfen. Aber so sehr er es auch versuchte, er schaffte es nicht, damit aufzuhören.
Jan widmete sich seinem Essen. Er biss ein großes Stück von seinem Hähnchenbrustfilet Sandwich ab und sah dann kauend aus der Fensterfront zu seiner Linken.
»Was für ein Sauwetter«, nuschelte er mit vollem Mund.
Norman brauchte nicht hinaus zu sehen um zu wissen, dass es immer noch wie aus Eimern goss, zudem hatte es zu blitzen angefangen, genau wie in seinem Traum.
Während Jan weiter aß, betrachtete Norman den Teller vor sich ohne sein Essen anzurühren. Er war nicht hungrig, er hatte seinen Appetit verloren seit ... Seit er selbst sein Leben zerstört hatte.
Norman hob den Blick und betrachtete eingehend Jan. Sein Kollege und Freund hatte ein männliches, markantes Gesicht, genau wie Norman, nur jünger. Viel jünger. Glatte, ebenmäßige Züge, keine Falten, nicht einmal Grübchen um die Mundwinkel. Jan besaß schöne volle Lippen, einen echten Kussmund, und strahlend blaue Augen die von langen und hellen Wimpern umrandet waren. Jan war schön. Was sollte man mehr wollen als einen schönen und jungen Mann, der auch noch was im Köpfchen hatte?
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