K.P. Hand - Herzbrecher

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Noch immer hat der Ermittler Norman Koch mit den Folgen seines letzten großen Jobs zu kämpfen, als ausgerechnet er über die Leiche eines Jungen stolpert. Obwohl sein Verstand am seidenen Faden hängt, beschäftigt er sich mit dem Fall. Es stellt sich heraus, dass der ermordete Junge irgendwie in Verbindung mit einem großen Verbrecherring steht, hinter dem Norman schon seit Jahren her ist. Um den oder die Täter zu finden, braucht er den Rat eines alten Bekannten, dem er vor Jahren das Herz gebrochen hat. Ganz zum Leidwesen seines Freundes kann Norman nicht verstecken, dass sein Herz noch immer für seine alte Flamme schlägt. Aber Eifersucht kann sich keiner der drei Männer im Moment erlauben, denn sie geraten ins Fadenkreuz skrupelloser Mörder, die nur darauf warten, sie in eine Falle zu locken …

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Was war nur aus ihm geworden?

Er stand am Rande eines Tatortes und konnte den Mund im aschfahlen Gesicht nicht mehr zuklappen. Vor einigen Jahren wäre er noch mittendrin gewesen und hätte sich angehört, was die Spurensicherung ihm zu erzählen hatte. Und dann wäre er in den Streifenwagen gestiegen und hätte den jungen Mann befragt, der nun auf der Sitzbank saß und unter Schock stand.

War er es gewesen?

Diese Frage stellte sich nicht nur Norman, auch Jan hatte etwas in der Art geäußert, sie würden den jungen Mann mitnehmen. Allein schon deshalb, weil sie bei ihm eine Schreckschusspistole in der Jackentasche gefunden hatten. Es war gut möglich, das er Norman und Jan ganz gezielt in die Gasse geführt hatte.

Gut möglich, aber Norman glaubte nicht daran. Früher hatte er immer ein gutes Gespür für das Wesen anderer Menschen gehabt, und bei diesem Jungen war sein Mörderradar nicht ausgeschlagen. Aber ein Kleinkrimineller war er auf jeden Fall, das hatte Norman ihm sofort angesehen. Die Schreckschusspistole bekräftigte Normans Theorie, dass der junge Mann den Laden hatte überfallen wollen. Er war nur zur falschen Zeit dort aufgetaucht. Norman hatte ihn nervös gemacht, er ist geflüchtet und zufällig auf die Leiche gestoßen.

Aber Jan hatte bereits seine eigene Theorie, von der er sich nicht abbringen lassen wollte. Er glaubte, der Junge habe sie mit Absicht zur Leiche geführt, und das er jetzt nur so tat, als stünde er unter Schock.

Aber Norman glaubte, der Junge müsste schon ein verdammt guter Schauspieler sein, denn Norman konnte ihn keineswegs durchschauen. Er saß mit gesenktem Kopf auf dem Rücksitz eines Streifenwagens und wartete völlig teilnahmslos darauf, dass man ihn fortbrachte. Er sprach kein Wort, sie hatten nicht einmal seinen Namen aus ihm herausbekommen können.

Norman kaufte ihm den Schockzustand ab.

Aber wie viel konnte Norman noch auf seine Intuition geben? Der Blick in die Pfütze zeigte deutlich einen weiteren geschockten Mann, der keinen klaren Gedanken fassen konnte.

Eine Kinderleiche. Der Junge etwa fünf oder sechs Jahre alt. Welches kranke Schwein tat einem Kind so etwas an?

Normans erster Gedanke, als er langsam begriff, dass er nicht nur in einem weiteren Alptraum steckte und irgendwann in einer heilen Welt wieder aufwachen würde, war schlicht und ergreifend jener: Ich will das nicht mehr machen.

Diese Erkenntnis traf ihn wie einen Schlag, doch der Gedanke war nicht neu. Er hatte Jahre in ihm gebrodelt, wie eine unentdeckte Bombe, deren Zünder noch scharf war.

Ich will das nicht mehr machen.

Sollten sich doch die anderen um den kranken Mist kümmern. Er wollte nichts mehr damit zu tun haben. Jan konnte sich damit auseinandersetzten.

Aber Norman konnte und würde nicht aufhören, nicht freiwillig. Die Arbeit war lange Zeit sein Leben gewesen, mit einigen schönen Unterbrechungen. Vor ein paar Jahren hätte er seine Arbeit sofort aufgegeben, denn Norman hatte damals noch ein Leben außerhalb der Arbeit gehabt. Ein richtiges Leben. Ein intaktes Leben. Ein absolut lebenswertes Leben; trotz der Alpträume.

Normans Blick glitt hinüber zu Jan, der hinter der Absperrung neben der zugedeckten Leiche des Jungen stand und sich mit dem Leiter der Spurensicherung unterhielt, einem älteren Herrn mit weißem Haar und Brille, eingepackt in einen weißen Anzug und bewaffnet mit Handschuhen und einem Koffer mit allerlei Utensilien. Normans Augen blieben an Jan hängen, wie so oft. Jan sah gut aus, wie sein blondes Haar so vom Regen durchnässt in seiner Stirn hing. Jan sah immer gut aus. Und sein Grips, sein immerzu perfektes Auftreten, seine charmante Ausstrahlung, seine fast Nerv tötenden Ideale und Moralansichten und seine geradezu hervorragende Arbeit machten aus ihm nicht nur einen Gewinnertypen, sondern den absolut begehrenswertesten Mann.

Normans Herz zog sich zusammen. Er wusste, er würde weitermachen. Er konnte einfach nicht aufhören und einem jungen, neuen, besseren Kollegen das sprichwörtliche Spielfeld überlassen. Das ließ sein Stolz nun mal nicht zu.

Jan hob den Kopf und begegnete Normans Blick. Seine Augen ließen nicht die geringste Gefühlsregung erkennen, er war kühl und professionell als er Norman ansah und mit einem Kopfnicken zu sich beorderte.

Norman wollte nicht. Sein ganzer Körper drängte sich mit Gewalt dagegen, sich der Leiche noch einmal zu nähern. Aber schließlich bewegte er sich doch und ging unter dem Absperrband durch.

Als er bei Jan ankam, ging dieser in die Hocke und griff nach der Plane.

Tu es nicht. Tu es nicht. Tu es nicht. Beschwor Norman ihn in Gedanken, während er gleichzeitig um Fassung bemüht neben Jan in die Hocke ging und so tat, als stünde er nicht kurz davor, sich neben der Leiche zu übergeben.

Jan hob wie befürchtet die Plane an und zeigte Norman das, was er nicht sehen wollte. Eine nackte Leiche eines Jungen mit dunkelbraunem, fast schwarzem Jahr, die Augen geschlossen, als würde er friedlich schlafen, die Haut kalt und bläulich blass, eine Einstichwunde im Brustbereich, wie von einem sehr breiten Messer, das gezielt ins Herz gestoßen wurde. Da sonst keine äußerliche Wunde zu sehen war, musste dieser Einstich zum Tod des Jungen geführt haben.

»Harper, der Mann von der Spurensicherung, sagte, der Junge sei noch nicht lange tot. Ein paar Stunden, die genaue Zeit werden wir nach der Obduktion erfahren. Aber jemand muss die Leiche gewaschen haben«, berichtete Jan.

Norman starrte noch immer auf die Leiche. »Ich weiß, wer Harper ist.«

Jan warf ihm einen genervten Blick zu, erwiderte aber: »Natürlich. Tut mir leid.« Ein Zeichen dafür, dass er jetzt wichtigeres im Kopf hatte als sich mit Norman wegen belanglosem zu streiten.

»Gewaschen?«, hakte Norman nach.

Sie sahen sich an.

»Ja.« Jan nickte. »Der Einstich ging tief, er muss enorm viel Blut hinterlassen haben, aber hier ist kein Blut.«

»Könnte am Regen liegen.«

Jan schüttelte den Kopf. »Harper hat die Leiche weitestgehend untersucht, nachdem sie Fotos geschossen haben. Keine Blutspuren am Körper.«

»Vielleicht wurde die Wunde nach Eintritt des Todes zugefügt.«

Wieder schüttelte Jan den Kopf. »Der Einstich ging tief, es hätte auf jeden Fall geblutet, auch wenn der Junge bei Zufügen der Wunde schon tot gewesen war. Außerdem sind die Fingernägel des Jungen absolut sauber, das Haar sieht frisch gewaschen aus und die Leiche duftet nach Shampoo und Seife.«

Norman war nicht nahe genug herangegangen, um das bemerken zu können.

»Die Leiche wurde jedenfalls nicht hier ermordet«, schlussfolgerte Norman. Das hier war kein Tatort, sondern ein Fundort. Er sah sich kurz in der Seitengasse um und nickte bestätigend, als hielte er eine Unterredung mit sich selbst.

»Die Leiche wurde hier nur entsorgt.« Sein Blick blieb am Müllcontainer hängen. »Aber warum so offensichtlich? Warum nicht im Müll, wo man sie vielleicht nicht findet?«

Jan ließ die Plane wieder fallen, damit die neugierigen Blicke der Passanten nicht doch noch irgendwie den Jungen erreichen konnten.

»Vielleicht wurde der Täter überrascht«, überlegte Norman. »Er musste weglaufen bevor er sie in den Müll werfen konnte, weil ihn jemand mit der Leiche erwischt hat. Oder fast erwischt hätte.«

»Oder die Leiche sollte gefunden werden.« Jan erhob sich und sein scharfer Blick richtete sich sofort auf den Streifenwagen, in dem ihr junger Fast-Überfalltäter saß. »Was uns zurück zu unserem bisher einzigen Verdächtigen bringt.«

Norman kam aus der Hocke ebenfalls wieder hoch und runzelte skeptisch seine Stirn, als er Jan erklärte: »Ich glaube nicht, dass er es war. Er scheint wirklich unter Schock zu stehen.«

Norman spürte sofort Jans herablassenden Blick auf sich und erwiderte ihn mit vorgestrecktem Kinn, um zu signalisieren, dass er sich nichts gefallen lassen wollte.

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