1 ...7 8 9 11 12 13 ...32 Norman beschloss, sich das anzusehen. Er öffnete die Schlaufe an seinem Pistolenholster und behielt die Hand am Waffengriff, während er vorsichtig in die Gasse hineintrat.
Er hörte, wie Jan mit dem Jungen folgte. Es wäre gut möglich, dass er sie reinlegte und in eine Falle führte, weshalb Norman über die Rückendeckung froh war.
Und dann begriff Norman, dass, trotz was er alles durchlebt hatte, es immer noch Dinge gab, die ihn schockieren konnten, denn er sah zum ersten Mal in seinem Leben eine ermordete Jungenleiche.
Während die Leute draußen im Regen froren, schwitzte sich Alessandro in dem Drecksloch, das er Wohnung nannte, seinen hübschen Allerwertesten ab.
Verdammt war das eine Hitze!
Müde taumelte er aus dem Bett und ging zur Heizung. Er war letzte Nacht spät nach Hause gekommen, weil er direkt nach seiner Schicht im Restaurant noch in einem dieser Nachtclubs gewesen war. Aber wie jedes Mal, war die Schwulenszene für ihn mehr enttäuschend als berauschend gewesen, weshalb er sich fragte, warum er es immer wieder versuchte. Die zuckenden Lichter, die halbnackten Körper, die zu wummerndem Bass tanzten, waren einfach nicht seine Welt. Vor allem nicht, wenn die heißen Kerle allesamt in seltsamen Unterhosen steckten, die mehr glitzerten als eine Diskokugel.
Das war nicht Alessandros Welt.
Also hatte er in einer Ecke gestanden und getan, was er selten bis gar nicht tat: getrunken. Einen überteuerten Cocktail nach dem anderen, um bloß nicht in diese Drecksbude zurückkehren zu müssen.
Als er nun zur Heizung ging und nachsah, was kaputt war, wünschte er sich, er wäre trotz seiner Abneigung dortgeblieben.
An der Heizung steckte so ein neumodisches Ding, das digital anzeigte, wie hoch die Heizung gedreht war.
Wunderbare 35Grad Celsius. Na prima! Das Ding musste kaputtgegangen sein, als er geschlafen hatte. Hätte es nicht einfach ausfallen können?
Alessandro tippte auf dem Display herum, der daraufhin nur noch höher anstieg. Fluchend griff er nach dem Knauf, um manuell die Heizung auszudrehen, als er diesen plötzlich in der Hand hielt.
Mit offenem Mund betrachtete er das abgebrochene Stück, ehe er es einfach achtlos auf die Heizung schmiss und liegen ließ.
Genervt fiel Alessandro die Schultern herab. Na prima! Und nu?
Er ging zum Fenster und zog es trotz des Regens auf. Einen Moment genoss er es, dass der Wind die kühlen Tropfen hinein und direkt auf seine heiße, verschwitzte Haut wehte ...
Herschlich so ein Unwetter!
Er ließ das Fenster offen, nahm seinen Schlüsselbund von der Küchenzeile, den er in der Nacht beim Hereinkommen dort abgelegt hatte, und ging zur Tür. Barfuß und nur in Boxershorts, die ihm halb von seinem Arsch hing, tapste er die morsche Holztreppe des Mietshauses hinunter zu den Briefkästen.
Er öffnete seinen und holte einen Stapel Briefe heraus. Alle adressiert an einen gewissen Francesco Maggio. Einen fiktiven Mann, den Alessandro sich ausgedacht hatte, um weiterhin in dieser Stadt leben zu können. Nachdem er seinen Bruder verraten hatte, war er gut damit bedient, vor allem vorsichtig zu sein. Außerdem suchte die Polizei nach ihm. Da war es doch ganz gut, sich als Italiener auszugeben, obwohl seine Herkunft spanische Wurzeln hatte. Als einfacher Einheimischer hatte er sich nicht ausgeben können, dafür sah sein Hautfarbton zu südländisch aus.
Während er die Rechnungen durchsah, und die vielen Mahnungen, weil er weder Strom noch Gas noch Miete seit drei Monaten bezahlt hatte, ging hinter ihm eine Wohnungstür auf.
Er warf einen Blick über die Schulter und schmunzelte freundlich der alten ergrauten Dame zu, die durch einen Spalt spähte und sofort breit grinste als sie ihn erblickte.
Es war seine Vermieterin. Sie war um die siebzig. Und sie hatte ein Auge auf ihn geworfen, das wusste er. An jenem Tag, als er sich auf die Anzeige der freien Wohnung bei ihr gemeldet hatte, hatte sie einen Narren an ihm gefressen.
Sofort hatte er den Mietvertrag unterzeichnen können. Ohne Kaution zu hinterlegen. Und trotz, dass er drei Monate im Rückstand war, bedrängte sie ihn nicht.
Es tat ihm leid, dass er sie so ausnutzte, aber seine finanzielle Lage sah im Moment ziemlich schlecht aus. Jedenfalls seit er allein für alles aufkommen musste.
Also stellte er sich mit seiner Vermieterin gut, damit sie ihn nicht rausschmiss.
»Einen schönen guten Tag, Fräulein Fisher«, begrüßte er sie und drehte sich mit einem breiten fast anzüglichem Grinsen zu ihr um, sodass sich ihre faltigen Wangen rot färbten. Sie liebte es, wenn er sie »Fräulein« nannte.
Sie war süß. Ihre blauen Augen strahlten immerzu, ihr Lächeln war liebenswert und sie war immer nett zu ihm. Ihr schneeweißes Haar trug sie hochgesteckt, wie eine Dame aus dem Neunzehnten Jahrhundert, und unter dem Blümchen Kleid und der weißen Strickjacke verbarg sie einen mütterlichen Körperbau, obwohl Alessandro nicht wusste, ob sie Kinder besaß. Aber doch, er würde sie als mütterlich bezeichnen. Warmherzig. Liebenswert.
»Sie tragen die Hitze mit sich«, schmunzelte sie und deutete auf seinen halbnackten Körper.
Er hätte jetzt das Problem mit der Heizung ansprechen können, doch er wollte ihr keine Vorwürfe oder Umstände machen. Zumal er ohnehin keine Miete zahlte. So frech wollte er dann doch nicht sein.
»Hitze?«, wiederholte er scherzhaft grinsend. »Was denken Sie denn? Ich friere mir den Arsch ab, aber ich wollte Ihnen keinesfalls diesen Anblick verwehren!« Er breitete arrogant die Arme aus und ließ seinen Körper sehen.
Sie hob eine Hand zum Mund und kicherte hinein. »Oh, Sie ...« Sie winkte ihn ab und schloss die Tür, wohl, weil er nicht sehen sollte, wie sich ihre Wangen noch dunkler färbten.
Zufrieden mit sich, weil er einer alten Dame den Tag versüßt hatte, ging er die Treppe wieder hinauf und schloss die Wohnungstür hinter sich.
Er sah die Briefe weiter durch und ging zur Küchenzeile, um sich einen Kaffee zu kochen, weil er zur Spätschicht wieder im Restaurant sein musste und dafür Koffein nötig hatte.
Doch er stockte, als ihm ein Briefumschlag ohne Absender oder Adresse in die Hand fiel. Dort stand ausschließlich ›Alessandro ‹ drauf.
Sein Herz sackte in die Hose. Es gab eigentlich nur eine Person, die seinen echten Namen kannte und wusste, dass er in der Stadt lebte.
Er öffnete den Umschlag, er war nicht verklebt, und holte einen kleinen Zettel hervor, der nur einmal in der Mitte geknickt worden war.
Alessandro faltete das Stück weiße Papier auseinander und las mit Unglauben die wenigen Worte die dort standen: Verlass sofort die Stadt!
***
Am anderen Ende der Stadt ließ sich Norman an den Rand des Geschehens drängen, damit die Kollegen von der Spurensicherung ihre Arbeit machen konnten.
Er kam sich seit dem Fund noch mehr wie ein Zombie vor. Er konnte nicht denken, nicht sprechen, sich kaum bewegen. Noch immer wollte sein Gehirn nicht wahrhaben, was er dort in der Sackgasse entdeckt hatte. Er konnte es nicht glauben, er wollte es nicht glauben.
Der starke Regen behinderte das Sichern des Tatortes ungemein, außerdem hatte das Regenwasser vermutlich größtenteils alle brauchbaren Spuren verwischt, nicht, das auf Beton viel zu finden gewesen wäre, aber trotzdem. Die zahlreichen Schaulustigen verbesserten die Lage auch nicht gerade, die trotz des starken Regens wie Motten zum Licht angeschwärmt kamen, sobald der erste Streifenwagen angerückt und das erste Absperrband angebracht worden war; unter ihnen konnte Norman bereits einige Reporter von Fernsehsendern, von bekannten Zeitungen und Internetportalen entdecken.
Zu Normans Füßen hatte sich eine Pfütze gebildet, direkt an der Kante zum Bordstein, er blickte hinab in das trübe Wasser und konnte sein Spiegelbild erkennen.
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