Charlene und Volker blickten eher skeptisch drein. Dann sagte Volker, indem er darauf einging: „Sie hörten ein Gespräch zum Thema ‚die Literatur als Lebenshilfe‘.“
„Im Ernst, Volker, ich denke schon, dass man auch aus einem unterhaltsamen Text etwas lernen kann.“
„Vielleicht, Alexander.“ Eine Zeit lang schwiegen alle, und es hatte den Anschein, dass sich keiner mehr zu dem Thema äußern wollte. Gemeinsam hatten sie abgeräumt, das Geschirr in die Spülmaschine gestellt. Jetzt saßen sie im Wohnzimmer. Alexander hatte eine Flasche geöffnet. Simone berichtete von einem Film, den sie im Fernsehen gesehen und der sie beeindruckt hatte. Ein alter Mann, schon recht gebrechlich, erfährt, dass sein Bruder, den er schon Jahre nicht mehr gesehen hat, einen Schlaganfall erlitten hätte. Im Streit seien sie seinerzeit auseinandergegangen.
„Ohne dass viel gesprochen wird, merkt der Zuschauer bald, dass der Mann eine Reise zu seinem Bruder plant. Zuerst sieht man ihn auf seinem Rasentraktor sitzend Gras mähen. Dann schraubt er an einem Einachser Anhänger herum, konstruiert eine Dachverkleidung. Der Zuschauer erkennt, dass der Mann vorhat, mithilfe des Rasentraktors und angekuppeltem Anhänger, seinen Bruder zu besuchen. Durch ein Gespräch zwischen dem Alten und einem Freund wird deutlich, dass es sich um eine lange Reise über mehr als eintausend Kilometer handelt. Alle Warnungen in den Wind schlagend, macht der Alte sich schließlich auf den Weg. Allen Widrigkeiten und Hemmnissen zum Trotz erreicht er schließlich das Haus seines Bruders. Der tritt in dem Moment, als er ankommt, vor die Haustür. Die beiden schauen sich nur an, und in ihrer Mimik erkennt man die Versöhnung.“
„Was waren das für Widrigkeiten und Hemmnisse“, fragt Alexander nach.
„Ein Unfall, ein Schaden am Traktor, aber immer lernt der alte Mann Leute kennen, die ihn aufnehmen und ihm weiterhelfen. Ein modernes Märchen eben.“
Noch Tage später ging Alexander die Geschichte nicht aus dem Kopf, zumal sie ihn an ein eigenes Vorhaben erinnerte. Eines Abends, sie lagen schon im Bett, erzählte er Simone davon. „Ich sah vor einem Haus in Solms einen Traktor stehen. An dessen Frontseite hing ein Schild, dass das Fahrzeug eintausend Euro kosten sollte. Am Kühlergrill der Hinweis auf die Höchstgeschwindigkeit: zwanzig Kilometer pro Stunde. Da kam mir die Idee, dass man an diesen Traktor einen zum Wohnwagen ausgebauten Bauwagen hängen und damit über Land reisen könnte.“
„Und bei der Idee ist es geblieben?“
„Ja, schon, trotzdem wäre das doch eine Möglichkeit, einfach mit unbekanntem Ziel loszufahren, abends irgendwo anzuhalten, zu übernachten, um am nächsten Morgen weiterzufahren. Stell dir vor, zwanzig Stundenkilometer, schnell genug, um weiterzukommen und langsam genug, um schauen zu können.“
„So einfach geht das aber nicht. Der alte Mann im Film hatte deshalb einen Unfall, weil er auf einer abschüssigen Strecke mitsamt seinem Rasentraktor vom Auffahrgewicht des Anhängers in den Straßengraben gedrängt worden ist. Das bedeutet, der Bauwagen müsste, ähnlich wie ein Wohnwagen, mit einer Auflaufbremse, so heißt das, glaube ich, ausgerüstet sein.“
„Meine Güte, Simone, du kennst dich ja aus.“
„Das hat der Werkstattleiter in dem Film dem Alten so erklärt.“
„Na ja, dann war das eben nur so eine Idee. Ich habe mir das einfach nur so vorgestellt, wie ich den Bauwagen ausbauen würde. Mit einem Ofen, den man mit Holz beheizen kann, einem breiten Bett, einer Küchenzeile und einer gemütlichen Sitzgruppe.“
„Und ich, während der Fahrt auf der harten Beibank des Traktors, mit Dirndlkleid und Kopftuch als Bäuerin verkleidet.“
„Na klar, und hin und wieder verrutscht der Rock, und ob der Geschwindigkeit kann ich mir einen längeren Blick nach rechts erlauben und erkenne, dass du wieder einmal vergessen hast, einen Slip anzuziehen.“
„Schön, dann halten wir einfach rechts der Straße an und ziehen uns in das Innere unserer Behausung zurück. Später stellen wir dann fest, dass du vergessen hast, eine Toilette einzubauen.“
„Das macht doch nichts, denn der Wald hat Büsche. Und außerdem könnten wir doch abends einen Campingplatz ansteuern.“
„Apropos Toilette“, sagte Simone, „ich muss mal“, sprang aus dem Bett und lief mehr, als dass sie ging, in Richtung Bad. Im Bett liegend, war ihr das Hemd wohl hochgerutscht, denn nun fiel es ganz langsam wieder zurück über ihren nackten Hintern. Wenn sie zurückkommt, dachte Alexander, werden wir wohl nicht weiter über Traktor und Bauwagen reden.
Und auch sobald sollte er nicht mehr daran denken, denn am nächsten Morgen, kaum dass er begonnen hatte, die Regionalzeitung zu lesen, inspirierten ihn zwei Artikel zu einer neuen Schreibidee. Wie immer wie aus heiterem Himmel. Und sofort stellte er zwischen beiden Texten eine Verbindung her, die ihm den Kern einer Geschichte andeuteten.
Simone war schon in der Schule, und so begab er sich sogleich in sein Arbeitszimmer, schnitt beide Artikel aus der Zeitung aus und heftete sie in einiger Entfernung zueinander an die Clusterwand, die er von seinem Vater übernommen hatte. Auch der arbeitete gerne nach dieser Methode, die im Gegensatz zur herkömmlichen Stoffsammlung eine Visualisierung möglicher Textbestandteile erlaubte. Beide Zeitungsartikel verband er durch Pfeile und notierte auf die Pfeillinien ein paar Stichpunkte. Seinen Computerarbeitsplatz hatte er sich so eingerichtet, dass er beim Schreiben die Clusterwand im Blick hatte.
„Da haben wir beide zum gleichen Zeitpunkt eine Idee gehabt“, sagte Volker Grün, als sie sich tags darauf bei Volker zu einem Kaffee getroffen hatten. Zuerst hatte Alexander erzählt, vom Traktor, dem Bauwagen und seiner Schreibidee. Die gefiel Volker besonders gut.
„Und ich sage dir, Alexander, da hat Simones Filmerzählung doch einiges bewirkt.“ Nun stellte er seine Idee vor, und Alexander war sofort von ihr eingenommen.
„Darüber müssen wir reden, Volker, und vielleicht sind Simone und Charlene ebenso davon angetan, wie wir beide.“
Sie verabredeten sich für den Abend bei Volker und Charlene in deren Wohnung in der Obertorstraße. Volker wollte beim Wirt am Dom Pizza bestellen, und Alexander versprach, Wein mitzubringen.
„Ich weiß, dass du lieber Bier magst, Alexander, aber das habe ich zu Hause.“
Er ließ Simone über den Grund im unklaren, als er ihr sagte, dass Volker sie für den Abend eingeladen hätte.
„Also, das ist so“, begann Volker, als sie gegessen hatten, „ihr erinnert euch doch an den Film, von dem Simone neulich erzählt hat?“
„Und ob“, sagte Simone, die wohl kaum erinnert werden musste.
„Alexander berichtete mir vor Kurzem von einer ähnlichen Idee, nur dass es hier um einen Traktor mit angehängtem Bauwagen ging.“
„Davon hat er mir erzählt, Simone, doch ich habe da einen viel besseren Vorschlag.“
„Nun spanne uns doch nicht so lange auf die Folter“, sagte Charlene, die bisher geschwiegen hatte.
„Genau, Volker“, äußerte sich nun auch Simone etwas ungeduldig.
„Also, das ist so ...“
„Ja, das hast du ja schon gesagt.“
„Ihr kennt doch die Lahn?“
„Volker, es reicht jetzt, natürlich kennen wir die Lahn.“
„Um es kurz zu machen, was haltet ihr von einer gemeinsamen Floßfahrt die Lahn abwärts bis nach Lahnstein?“
Drei
„Eh, ja“, Charlene war die Erste, die sich gefasst hatte, „was meinst du mit einer Floßfahrt?“
„Wie der Name schon sagt, ein Floß, das sind aneinandergebundene Baumstämme, das mithilfe eines Ruders flussabwärts gelenkt wird.“
„Alexander, ich weiß, was ein Floß ist, nehme aber an, dass du dieses traditionelle Wasserfahrzeug nicht meinst.“
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