Ein lauter Aufschrei, der sich vergleichen lässt mit einem Hilfeschrei, „Ester!... Ich brauch dich hier!“ Ester ist seine zweite Frau. Sie steht ihm seit einundzwanzig Jahren zur Seite. Gleich nach dem tödlichen Verkehrsunfall seiner ersten Frau Irene, lernte er Ester in Zürich kennen. Sie verstand es damals Maximilian zu trösten. Da sie ebenfalls in einer Bank arbeitete, war man sich schnell symphatisch. Ester erkannte damals, dass Maximilian nicht nur ein gerissener Fachmann für Geldangelegenheiten war, sie hatte auch die Gelegenheit genutzt einen Blick auf sein Angespartes zu werfen. Maximilian kann sehr anstrengend sein. Für seine Ungeduld ist er im Kreis seiner Freunde und Kollegen bekannt. Wenn nicht alles wie am Schnürchen läuft, wird er schon mal ziemlich laut.
So hat Ester es sich zur Gewohnheit gemacht, nicht gleich beim ersten Aufschrei zu sprinten. Sie wartet gelassen auf den zweiten Hilferuf und begibt sich dann maßvollen Schrittes an die Seite ihres Gatten, ins Ankleidezimmer. „Die Hose wurde zu heiß gebügelt. Sie lässt sich nicht schließen“, beschwert sich Maximilian als Ester an seine Seite tritt. „Du hast zugenommen, mein Schatz.“ Der in diesem Satz versteckte Seitenhieb auf sein maßloses Schlemmen in den letzten Monaten bleibt ihm nicht verborgen. „Und was soll jetzt geschehen? Ich kann doch nicht als Ehrengast in Unterhosen zum Empfang erscheinen, schließlich vertrete ich die Bank.“
„Nein, mein Schatz, dass wäre wohl nicht ganz passend. Ich rufe die Schneiderin an, vielleicht kann sie ein wenig Stoff an deiner Hose herauslassen?“ „Mach dass“, poltert Maximilian. Seine Geduld ist bereits am Ende. Um es vorwegzunehmen, Vroni die Schneiderin kommt umgehend in die Villa, sieht sich das Dilemma an und schnappt sich die Hose. „Aber das wird nicht auf Dauer gehen, morgen Früh, bring ich sie zurück“, verspricht sie und verschwindet mit der Hose unter dem Arm. „Na, hoffentlich kommt sie wirklich morgen Früh, schließlich wollen wir spätestens um zwei Uhr losfahren.“ Weißenhahns wohnen in München, genauer gesagt im Stadtteil Bogenhausen. Sie besitzen am Normannenpatz eine kleine Villa mit zehn Zimmern. Maximilian hat noch zwei Jahre, bis er in Pension gehen wird. Er ist im Vorstand einer bekannten Investment Bank in München und er ist froh, wenn er es endlich hinter sich hat. Gemeint ist die Arbeit in seiner geliebten Bank. Gerade in letzter Zeit steht er in der Kritik mit seinem Führungsstil. Er betont aber immer wieder von neuem, es liege nicht an ihm, es sei alleine die Politik, die ihn zum Wahnsinn treibt. „Das ewige Hü und Hott, muss nun bald ein Ende haben.“
Aber nicht nur in München bereitet man sich auf die Feierlichkeiten in Salzburg vor. In der Schüttaustraße in Wien, wohnen Tomas und Susanne. Es ist ein einfaches Viertel, aber im Moment können sie sich keine bessere Wohnung leisten. Sie sind nicht verheiratet und leben sozusagen in wilder Ehe. Tomas findet Heiraten sowieso völlig überflüssig. Allein die Scheidungskosten, die ja unweigerlich auf einen zukommen, würden das gesamte Vermögen verschlingen, das sich die beiden, ergaunert haben. Susanne würde schon gerne in so einem Traum von Brautkleid für einen Tag Prinzessin spielen, doch immer, wenn sie vor dem Schaufenster eines Brautladens steht, sagt sie, „Wenn sie einen von uns beiden schnappen und wir sind verheiratet, kann der andere kaum behaupten er habe von nichts gewusst.“
Diese Aussage gefällt Tomas eigentlich nicht, da sie doch bedeutet, dass in diese Fall der verbleibende Teil mit dem Hab und Gut auf und davon ginge. Tomas und Susanne nutzen die jährlichen Festspiele um sich für den Rest des Jahres ein finanzielles Fettpölsterchen zuzulegen. Sie haben sich auf Taschendiebstahl spezialisiert. So legen sie großen Wert auf ihre täglichen Übungsstunden. Eine Ungeschicktheit kann sich keiner von ihnen beiden leisten. Außerdem ist es Ehrensache so perfekt wie möglich zu sein.
Es war vor vier Jahren, als sie einen Ganoven vom vierten Bezirk kennen lernten, dem die schmalen und geschmeidigen Hände von Tomas auffielen. Er versicherte ihm, solche Hände seien wie gemacht für die Kunst des „Ziehens“. Noch am selben Abend begann für Tomas und Susanne der Unterricht. Anfangs begleitete sie ihr Lehrmeister noch, wenn sie auf Beutezug gingen, und erhielt dafür einen kleinen Anteil. Mittlerweile haben sie ihn finanziell abgefunden. Seit einiger Zeit arbeiten sie immer nach demselben Muster.
Susanne bleibt einige Schritte hinter Tomas. Beide haben sie den winzigen Knopf eines Kopfhörers im Ohr, das Mikro ist am Kragen befestigt. So stehen sie über Funk ständig in Verbindung. Tomas geht schnellen Schrittes durch die belebten Gassen. Er sieht sich seine Opfer im Vorbeigehen genau an. Wo tragen sie ihre Brieftasche? An welchem Arm die wertvolle Uhr? Sobald er sich ein Opfer ausgesucht hat, teilt er Susanne mit, für wen er sich entschieden hat. Dann macht er auf Kommando eine abrupte Kehrtwende, so dass er mit dem Opfer zusammenstößt. In diesem Sekundenbruchteil zieht Tomas die Brieftasche. Susanne, die folgt, öffnet nun wie rein zufällig ihren Umhängebeutel, so dass Tomas die Brieftasche darin entsorgen kann. Sollte der Bestohlene merken, dass seine Brieftasche verschwunden ist, ist es bereits zu spät. Selbst die herbei gerufene Polizei wird bei Tomas nichts mehr finden. Inzwischen sind die beiden so gut auf einander eingespielt, dass Tomas manchmal sogar zwei Personen gleichzeitig um ihre Brieftasche erleichtert.
Zur Vorbereitung auf die Festspiele haben sie sich für diesen Abend noch eine Übung im Zentrum Wiens vorgenommen. Ziel ist der Stephansdom. Hier treiben sich zu dieser Zeit hunderte von Touristen herum, eine perfekte Gelegenheit. Da sie alle mit dem Fotografieren beschäftigt sind, hat man hier besonders leichtes Spiel. „Eigentlich ist es ja nur eine Fingerübung“, meint Tomas. Susanne weiß aber, dass der Leichtsinn der größte Feind ihres Handwerks ist. Nach zwei Stunden des Übens, wie sie es nennt, kommen sie ziemlich erledigt nach Hause zurück. Ein in Zivil umherstreichender Beamter hätte sie beinahe erwischt. Er muss im Viertel neu sein, denn die anderen Polizisten kennen Tomas und Susanne natürlich längst. Aber es ging noch mal gut, im letzten Moment, konnte Susanne den Schandi stoppen. Sie stolperte genau vor seine Füße. „Entschuldigung, aber das liegt an meinen neuen Schuhen“, stammelte sie gekonnt zum Schandi.
„Ich bin der Ralph, es tut mir sehr leid“, diesen Satz haspelt er und sieht dabei Susanne in die Augen. Wie gut, dass sie eine Sonnenbrille trägt. Als Susanne die kleine Wohnung betritt, ist Tomas schon mit Geld zählen beschäftigt. „Hat es sich wenigstens gelohnt“, fragt sie aufgeregt. „Dafür, dass sie uns beinahe erwischt hätten, geht es. Es sind neunhundert Euro.“ Sie nehmen stets nur das Bargeld, mit den Kreditkarten wollen sie nichts zu tun haben. Aber was man sonst noch so in den Brieftaschen findet, ist manchmal sehr aufschlussreich. Zum Beispiel der Liebesbrief auf dem Firmenbriefpapier einer bekannten Modedesignerin. So gibt es immer wieder etwas zum Lachen. Samstag der Tag aller Tage. Es ist halb sieben Uhr morgens und es herrscht schon reges Treiben in den schmalen Gassen von Salzburg. Touristen sind zu diesem Zeitpunkt nur spärlich unterwegs, aber die Geschäfte bereiten sich für den Ansturm der Menschenmassen vor.
Alles was sonst eine Stunde später geschieht, wurde heute eine Stunde vorverlegt. Sogar die Straßencafés sind schon geöffnet. Schließlich muss ja ein Uhrmacher und ein Dirndlverkäufer rechtzeitig seinen geliebten „Braunen“ schlürfen können. Zu diesem Zeitpunkt dreht sich der Graf nochmals in den weichen Daunen, mit der Satinbettwäsche um. Dies geschieht unter so lautem Grunzen, dass seine Frau meint: „Kannst du das nicht einmal etwas leiser tun?“ Für Ester ist es jedes Mal, als würde ein Wecker läuten. Nach dieser genüsslichen Wende ihres Gatten, die er täglich vollzieht, ist für sie an Schlafen nicht mehr zu denken. Sie döst noch ein paar Minuten vor sich hin, dann aber hält sie es nicht mehr aus und steht auf. Sie schlüpft in ihren weißen seidenen Hausmantel, geht auf die Terrasse und blinzelt in die Morgensonne. Was für ein Traumwetter für die Premiere! Lautes Bellen lenkt Esters Blick auf den kleinen Park, der vor ihrem Haus liegt. Ein Spaziergänger spricht mit seinem Schäferhund. Als dieser endlich zu bellen aufhört, kann sie seine Worte sogar hören. Er berichtet seinem Vierbeiner von seiner Frau, die anscheinend kürzlich verstorben ist. Er nennt seinen Hund „Bienchen“. Wie süß denkt Ester, einen ausgewachsenen Schäferhund „Bienchen“ zu nennen, das zeugt von inniger Liebe.
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